0

9/11: Aufgearbeitet in Virtual Reality

von Matthias Bastian31. Oktober 2015

Studierende aus Frankreich haben eine VR-App programmiert, die den Nutzer in den Nordturm der Twin Towers zum Zeitpunkt des Terroranschlags vom 11. September 2001 versetzt. [08:46] heißt die VR-Erfahrung – das ist die Uhrzeit, bei der das erste Flugzeug in das World Trade Center einschlug. Gegenüber Techinsider geben die Entwickler an, dass es nicht das Ziel sei aus dem Unglück der Opfer Kapital zu schlagen und Aufmerksamkeit zu generieren.

Die Anwendung sei kein kommerzielles Projekt sondern nur im Rahmen des Studiums entstanden, versichert der Creative Director Anthony Krafft. “Wir sind im Team alle in unseren Zwanzigern und 9/11 hat unser soziales und politisches Umfeld stark beeinflusst”, erklärt Krafft und bezeichnet [08:46] als Tribut an die Opfer, deren Unglück eine ganze Generation von Menschen beeinflusst hätte. Um die Erfahrung so authentisch wie möglich zu gestalten, wurden zahlreiche Originalquellen recherchiert und originalgetreu in [08:46] eingearbeitet. Er und sein Team wollten ein authentisches Erlebnis bauen, das unter keinen Umständen sensationsgierig oder obszön wirken sollte, so Krafft.

[08:46] ausprobiert: Tief im Uncanny Valley

Man startet im Büro an seinem Schreibtisch, reicht der Kollegin eine Akte. Plötzlich gibt es eine laute Explosion, Rauch ist in der Luft, Panik bricht aus. Ein Sicherheitsmann tritt die Bürotür von außen auf, reicht mir eine Taschenlampe, ich stolpere auf den Flur und suche einen Ausweg. Den gibt es nicht, alle Türen und Wege sind versperrt, der Rauch so dick, dass man fast nichts sieht. Es bleibt nur der Rückzug in ein Büro. Dort bekomme ich zwei verzweifelte Anrufe meiner Kollegen mit, die zusammen mit mir vom Feuer gefangen gehalten werden. Der eine ruft die Feuerwehr an, die andere schluchzend ihre Mutter. Niemand weiß was passiert ist, selbst die Rettungsmannschaften können keine Auskunft geben. Plötzlich eine zweite Explosion, noch mehr Rauch – durch das Fenster sehe ich, dass auch der zweite Turm brennt. “War das ein Flugzeug?”, ruft meine Kollegin panisch. Der Rauch wird dichter, wir schlagen verzweifelt die Fenster ein, um Sauerstoff in das Büro zu lassen. Doch es reicht nicht, die Luft brennt. Am Ende bleibt mir nur die Wahl, wie ich sterbe: Ersticken oder aus dem Fenster springen. Ich springe.

Das sogenannte Uncanny Valley ist der schmale Grad, bei dem eine computergenerierte Grafik zwar realistisch dargestellt wird, aber nicht überzeugend genug ist, damit sie auch als real wahrgenommen wird. Während deutlich abstraktere Darstellungen (bspw. Super Mario oder Avatar) vom Gehirn problemlos akzeptiert werden können, lösen pseudo-realistische Darstellungen, speziell von virtuellen Menschen, eher ein Unwohlsein aus und wirken schnell befremdlich – wenn sie nicht einfach nur ungewollt komisch sind. Bei [08:46] ist es definitiv Unwohlsein. Aber es ist nicht allein die grafische Aufbereitung und das völlig deplatzierte spielerische Element, an der die VR-Erfahrung scheitert. Es ist die Idee.

Virtual Reality hat großes Potenzial, um vergangene Erinnerungen und Erfahrungen wieder lebendig zu machen und sie mit nachfolgenden Generationen zu teilen. Das zeigt beispielsweise die gelungene App über die Apollo-11-Mondlandung, die im Geschichtsunterricht hervorragend aufgehoben ist. Aber was gibt es bei [08:46] zu erfahren? Die Opfer im WTC waren der Situation hilflos ausgesetzt, so wie es der Nutzer in der VR-App ist. Real wie virtuell, damals wie heute, endet dieser Abschnitt der Geschichte nur auf eine Weise: Mit dem Tod. Es gibt nichts zu lernen, nichts zu ändern, nur zu ertragen. Manche Momente sind so schlimm, dass sie von niemandem erlebt werden sollten. Die Opfer von 9/11 hatten diese Wahl leider nicht. Wir schon. Den Autoren von [8:46] kann man sicherlich keine böse Absicht oder Respektlosigkeit vorwerfen – aber eine enorme Naivität. Wer die App dennoch testen mag kann sie für Oculus Rift DK2 hier herunterladen. Alternativ kann man sich die [08:46]-App auch im folgenden Video ansehen.

| SOURCE: 08h46
| VIA: TechInsider
| FEATURED IMAGE: 0846 / YouTube, Pretty Neat VR