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Augmented Reality: AR Cloud als Killer-App – iPhone fehlt 3D-Scanning

von Matthias Bastian13. September 2017

Mit ARCore und ARKit starten in den kommenden Wochen die größten Augmented-Reality-Projekte zwei der wichtigsten Techunternehmen. Doch was macht man mit Smartphone-AR eigentlich?

Laut dem Augmented-Reality-Spezialisten Ori Inbar nicht besonders viel: Entwickler erzielten mit ausgefallenen AR-Demos zwar massenhaft Klicks bei YouTube, müssten aber erst noch beweisen, dass mit ARKit und ARCore sinnvolle Anwendungen möglich sind.

Inbar war Mitgründer von Ogmento, dem Unternehmen, das 2016 als Flyby Media in den Besitz von Apple überging und dort die technische Grundlage für das ARKit legte. Jetzt arbeitet er bei Super Ventures, einem Risikokapitalunternehmen aus dem Silicon Valley, das auch den Augmented-Reality-Markt im Visier hat.

Inbar glaubt nicht daran, dass ARKit und ARCore den Durchbruch für Augmented Reality bedeuten. Damit Smartphone-AR einen Sinn über coole YouTube-Videos hinaus erfüllen könne, brauche es zuerst eine ausgereiftere Infrastruktur: Die AR Cloud, in der AR-Informationen geteilt werden können.

Eine digitale Kopie der Welt

Inbar stellt sich diese AR Cloud als eine exakte geometrische Kopie der Welt in Form einer Punktewolke vor. Sie liegt wie eine zweite digitale Ebene über der Realität.

Innerhalb dieses Digitalrasters könnten sich Mobilgeräte auf den Zentimeter genau im Raum verorten und Informationen im Kontext der Umgebung miteinander synchronisieren.

Laut Inbar bringt die AR Cloud eine Revolution der Internetsuche. Digitale Informationen liegen nicht mehr nur pauschal im Netz, sondern sind räumlich im Kontext eines Ortes oder eines Objektes verankert.

Dem iPhone fehlt der rückseitige 3D-Scanner

Googles ARCore und Apples ARKit schätzen die Geometrie der Umgebung nur grob ein, anstatt sie zu vermessen. Das ist für Inbars AR-Cloud-Vision nicht ausreichend präzise.

Um eine hochwertige Punktewolke zu erstellen, so Inbar, benötigen Smartphones zwingend rückseitig angebrachte 3D-Scanner, wie man sie von Googles Tango-Geräten kennt.

Diese Technologie in den Händen vieler Millionen Menschen habe das Potenzial, eine detaillierte und akkurate 3D-Karte der Welt zu erstellen, die Nutzer miteinander teilen können.

Inbar geht davon aus, dass Apple dieses Versäumnis in der nächsten iPhone-Generation nachholen wird. Googles AR- und VR-Chef Clay Bavor deutete bereits an, dass Androids ARCore in einer fortschrittlichen Version wieder auf 3D-Scanning setzt – so wie bei Tango.

Wie diese allgegenwärtige Punktewolke aussehen könnte, zeigte Google schon 2014 in einem Video zur Vorstellung von Project Tango (siehe unten) und entwickelt sie seitdem weiter. In meinem Test zum Asus Zenfone AR mit Tango-Sensoren beschrieb ich das 3D-Scanning als spannendstes Augmented-Reality-Feature überhaupt.

Die Welt als riesiges Display

“Mit der AR Cloud wird die ganze Welt zu einem räumlichen Screen, den Nutzer miteinander teilen können”, schreibt Inbar. Informationen seien dauerhaft an einem Ort verankert und könnten asynchron von vielen Menschen abgerufen und ergänzt werden.

Die AR Cloud könne jedes Objekt, jeden Ort und jede Person immer genau an der passenden Stelle mit digitalen Informationen erweitern.

Inbar vermutet weitreichende Konsequenzen dieser technischen Innovation: “Wer die AR Cloud kontrolliert, der kontrolliert auch, wie die Informationen dieser Welt organisiert sind und wer Zugang zu ihnen hat.”

Facebook soll Jahre zurückliegen

Die Entwicklung so einer AR Cloud traut Inbar derzeit nur Apple, Microsoft oder Google zu. Es sei ein komplexes Unterfangen, das enorme Investitionen benötige. Nur diese drei Unternehmen hätten das technische Wissen und die finanziellen Mittel dafür.

Microsoft habe den Nachteil, dass mit Hololens eine AR-Generation übersprungen wurde. Fortschrittliche AR-Brillen bräuchten aber noch länger, um einen für den Massenmarkt tauglichen Formfaktor und Preis zu erreichen.

Andere Digitalunternehmen wie Facebook und Snap oder Online-Händler wie Amazon hätten womöglich die Ambition und das Geld, dafür mangele es an Expertise.

Die AR Cloud könne auch durch Quereinsteiger verwirklicht werden, die auf Umwegen Zugriff auf die notwendigen 3D-Daten hätten, da sie Geräte mit integrierten 3D-Scannern verkaufen, beispielsweise Tesla und andere Robotikunternehmen.

In jedem Fall brauche die Entwicklung der AR Cloud “außergewöhnlich talentierte Startups”, die an Teilbereichen der Infrastruktur arbeiten und dieses Wissen anschließend an größere Unternehmen verkaufen. Nur Startups könnten die “Verwegenheit” besitzen, an eine so große Vision zu glauben.

Bis diese Realität wird, muss laut Inbar gar nicht so viel Zeit vergehen: Erste AR-Cloud-Services könnten schon in drei Jahren starten.

| Featured Image: Google / Tango

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