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Bericht: Magic Leap ist inszenierter Hype, hängt Zeitplan hinterher

von Matthias Bastian9. Dezember 2016

Glaubt man einem Bericht der Tech-Rechercheure von “The Information”, wird das erste kommerzielle Produkt von Magic Leap nicht das bieten, was von Gründer Rony Abovitz versprochen wurde. Das Magazin bezieht seine Informationen von ehemaligen Mitarbeitern, einem Test eines neuen Prototyps und einem Interview mit Abovitz.

Namhafte Investoren wie Google und Alibaba, ein auf 4,5 Milliarden US-Dollar geschätzter Unternehmenswert sowie zahlreiche begeisterte Berichte in den reichweitenstärksten US-Techmagazinen wie der Wired machten Magic Leap in 2016 zum aufregendsten Unternehmen der Techbranche.

Das selbsterklärte Ziel von Magic Leap: Eine Mixed-Reality-Brille ausgestattet mit einem neuartigen Lichtfeld-Display soll im Alltag das Smartphone ersetzen. Gründer Rony Abovitz ließ bei öffentlichen Ansprachen keine Gelegenheit aus, um den Hype zur eigenen Hardware anzuheizen. Das könnte sich nun gegen ihn wenden.

Kommerzielles Produkt soll nicht die versprochene Revolution werden

Zwar plant Magic Leap weiterhin die Veröffentlichung einer handlichen AR-Brille, diese wird jedoch deutlich weniger spektakulär ausfallen, als es von Abovitz und Co. versprochen wurde.

Laut The Information wurden Investoren mit spektakulären Demos von Technologien gelockt, die noch in Entwicklung waren und die es nicht in das finale Produkt schaffen. Einige dieser Technologien seien unbrauchbar für ein kommerzielles Produkt. Andere seien so groß, dass sie nicht in den angestrebten Formfaktor einer herkömmlichen Brille gepasst hätten.

Der erste Prototyp soll die Größe eines Kühlschranks haben und wird intern als “Beast” bezeichnet. Das Gerät benutzt einen Projektor mit motorisierten, verstellbaren Linsen, um mehr Tiefe und einen realistischen Bildeindruck zu kreieren.

Gegenüber The Information bestätigt Leap-Gründer Abovitz, dass in den Prototypen andere Technologie verwendet wird als im finalen Produkt. Man habe aus den Prototypen “die Dinge extrahieren können, die gut waren.”

Bei Magic Leap würde viel mit neuartigen Technologien experimentiert, von denen ein Großteil nicht für die Veröffentlichung geeignet seien. Die kommerzielle Version der Leap-Brille soll laut Abovitz dennoch besser werden als das, was die Konkurrenz zu bieten hat.

Glaubt man dem Magazin, bietet der aktuellste und klobige Prototyp, der noch dazu mit einem PC verbunden werden muss, weniger als Microsofts Hololens. Der Bildeindruck sei vergleichbar mit jener von Hololens, jedoch unscharf und ruckelig.

Mit dem von Magic Leap patentierten Fiber-Scanning-Display wurde offenbar experimentiert, jedoch konnte es nicht auf die benötigte Größe geschrumpft werden. Die neue Displaytechnologie ist jetzt ein Langzeitforschungsprojekt, in der Hoffnung, dass sie innerhalb der nächsten zehn Jahre umsetzbar ist. “Wir wissen, dass es keine zehn Jahre geben wird, wenn unser erstes Produkt nicht gut wird”, sagt Abovitz.

Endverbraucher könnten zu viel erwarten

Abovitz bezieht gegenüber The Information weiter Stellung: Sein Unternehmen habe keine Probleme mit Investoren, von denen einige viel darangesetzt hätten, Magic Leap zu validieren. Er spricht unter anderem davon, dass Investoren “brillante Professoren von den besten Universitäten” geschickt hätten, um Magic Leap zu durchleuchten.

Hingegen hätte sich bei der allgemeinen Öffentlichkeit womöglich eine Erwartungshaltung aufgebaut, der man nicht gerecht werden könne. “Vielleicht denken Leute, dass wir etwas erfunden habe, das noch 50 Jahre in der Zukunft liegt.” Er habe eigentlich nicht geplant, sein Unternehmen öffentlich zu machen, doch das Interesse der Öffentlichkeit sei zu groß gewesen.

Diese Worte aus Abovitz’ Mund wirken beinahe hämisch, wenn man bedenkt, dass gerade er es war, der diesen Hype entfachte. Schon 2015 versprach er, dass Magic Leap eine neue Technologie erfunden habe, die das Smartphone ersetzen könne und dass sich sein Unternehmen bereitmache, Millionen dieser Geräte zu produzieren. Seit anderhalb Jahren wird eine mögliche Veröffentlichung mit “bald” kommentiert.

Bei seinen Beschreibungen von Magic Leaps Technologien blieb Abovitz stets vage und benutzte abstrakte und fantasievolle Begriffe. Unter anderem prägte er schon vor Jahren die “Cinematic Reality”, also eine Realität, die sich dank digitaler Erweiterung wie großes Hollywood-Kino anfühlen soll. Auf der eigenen Webseite zeigt Magic Leap einen realistisch gerenderten digitalen Wal, der in einer Turnhalle auftaucht und von Schülern gefeiert wird.

Gegenüber The Information räumt Abovitz ein, dass sich sein Unternehmen einer gewaltigen Herausforderung gestellt hat, strahlt aber weiterhin Optimismus aus. Wie gehabt glaubt er, dass Magic Leaps Technologie eines Tages das Smartphone, Computer und TVs ersetzen kann und Skeptiker im Irrtum sind. “Wir kommen jetzt in den dritten Akt des Films – der mit dem coolen Ende, wo der Todesstern explodiert”, sagt er.

| Featured Image: Magic Leap | Source: The Information

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