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VR-Meetup für Journalisten in Zürich: Interview mit Robin Schwarz

Robin Schwarz ist Redakteur beim Schweizer Tages-Anzeiger. Außerdem hat er gemeinsam mit Kollegen Combobreaker, ein eMagazin für Gamer, auf die Beine gestellt. Seine Begeisterung für VR im Journalismus entspringt diesen beiden Leidenschaften. Wie kann man das neue Medium in der Berichterstattung einsetzen – und sollte man das überhaupt? Auf dem Input#9-Meetup in Zürich zum Thema “Virtuelle Realität” trafen sich Journalisten, um gemeinsam diese Frage zu diskutieren.

«Virtual Reality», virtuelle Realität, ist das neue unerkundete Territorium der digitalen Welt und wird schon bald einschlagen wie eine Bombe. Einfach eine Brille anziehen – schon ist man in einer komplett anderen Welt. Eine unfassbare Gelegenheit für den Journalismus, der sich seit geraumer Zeit in einer Krise wähnt und nach immer neuen Formen des Geschichtenerzählens sucht. Denn noch nie waren Geschichten so intensiv und so hautnah erlebbar wie in der virtuellen Realität. Was bedeutet das für den Journalismus und für die Medienwelt? Ist VR bloß isolationistisch und unpraktisch? Oder doch revolutionär und weltverändernd? Programmbeschreibung Input #9

Robin Schwarz ist Mitglied im Vorstand der “Jungen Journalisten Schweiz“, die den Abend organisierten.

VRODO: Robin, woher kam die Motivation zu so einem frühen Zeitpunkt Journalismus und VR schon zu thematisieren? Bis entsprechende Endgeräte weit genug verbreitet sind, dass sich Journalismus lohnt, dürften noch mindestens zwei bis drei Jahre ins Land ziehen. Eher mehr als fünf Jahre.

Robin Schwarz: Klar – jetzt lohnt sich VR-Journalismus noch nicht auf finanzieller Ebene. Aber es lohnt sich ja auch nicht, erst auf den Zug aufzuspringen, wenn er schon in voller Fahrt ist. Jetzt hat man noch die Chance gehört zu werden. Vielleicht auch belächelt, aber zumindest gehört. Außerdem: Wenn niemand früh beginnt, wie kann der Zug dann überhaupt ins Rollen kommen? Wir haben mit VR eine Technologie, die durchaus Chancen hat das klassische, viel gesuchte “next big thing” zu werden. Und statt in ein paar Jahren darüber zu fluchen, dass ich das nicht schon eher erkannt habe, denke ich lieber schon jetzt darüber nach.

VRODO: Waren Besucher da, die das erste Mal Virtual Reality erfahren beziehungsweise sich mit dem Thema beschäftigt haben? Wenn ja, wie haben sie reagiert?

Schwarz: Von Virtual Reality hatten alle schon einmal etwas gehört – wir haben in die Runde gefragt. Tatsächlich Erfahrung damit hatte aber nur eine handvoll Teilnehmer, dementsprechend waren die meisten beim Ausprobieren dann doch recht fasziniert, wobei es natürlich auch die üblichen komplett unbeeindruckten Skeptiker gab. Insgesamt kann man das wohl so zusammenfassen: Alle fanden VR toll, aber alle hatten auch einen gewissen Restzweifel. Ein Zuschauer hat während der Podiumsdiskussion dann auch bemerkt, er fände die generelle Skepsis gegenüber VR doch speziell, wenn man bedenkt wie bahnbrechend doch eigentlich die Technologie ist – und wie hypefähig Techfans sonst sind.

In Zürich trafen sich junge Journalisten und diskutieren Virtual Reality als Zukunftsmedium für den Journalismus

In Zürich trafen sich junge Journalisten und diskutieren: Hat Virtual Reality im Journalismus eine Zukunft?

VRODO: Im Kontext von VR und Storytelling gibt es zwei Buzzwörter: Immersion und Empathie. Chris Milk bezeichnete VR als “die ultimative Empathiemaschine”. Wurde diese These diskutiert – wenn ja, wie?

Schwarz: Immersion wurde definitiv intensiver diskutiert als Empathie. Vor allem bei der Podiumsdiskussion wurde darüber debattiert, wie wichtig Immersion für den Journalismus wirklich ist, ob es eine Notwendigkeit ist oder ob es doch eher zu gewissen journalistischen Sparten – zum Beispiel dem Vice Gonzo – gehört. Eine weitere thematisierte Frage: Werde ich durch Immersion plötzlich befangen? Kann ich dann noch richtig urteilen? Das ist vor allem in eine Diskussion über Subjektivität und Objektivität gemündet. Bei Empathie wurde auch die Grundsatzfrage gestellt, ob Empathie überhaupt etwas ist, das Journalismus vermitteln sollte. Beantwortet wurde diese Frage nicht.

VRODO: VR-Projekte wie One Dark Night sollen zeigen, dass VR auch im News-Journalismus Platz hat und mit geringen Mitteln/Zeitaufwand VR-Stories umgesetzt werden können. Führend auf dem Gebiet ist die Journalismusforscherin Nonny De La Peña.Wie wurde auf der Veranstaltung der Produktionsaufwand und die Akzeptanz bei den Verbrauchen diskutiert?

Schwarz: Wir haben über Nonny gesprochen – und die Reaktionen und Meinungen zu ihrem Schaffen waren durchweg skeptisch bis negativ. Ich glaube kaum jemand im Raum war von ihrem Ansatz, reale Geschehnisse virtuell nachzubauen, begeistert. Die zentrale Frage ihres Schaffens: Wo ist die Grenze zwischen Journalismus und Aktivismus? Klar, Journalismus deckt Missstände auf – keine Frage – aber dennoch stellt sich die Frage zur Nähe zum politischen Aktivismus. Als Journalist will ich Beiträge zum Zeitgeschehen liefern, nicht den Moralfinger erheben. Das ist der fade Nachgeschmack, der bei De La Peña bleibt. Zu Aufwand und Ertrag: Ich habe keine Zweifel, dass sich die Prozesse zur Erstellung von VR-Inhalten standardisieren werden. Immerhin steht ja schon die VR-GoPro in den Startlöchern. Deshalb mache ich mir da auch kaum Gedanken – aber klar, der Aufwand muss für Journalismus gering bleiben, weil aufwändige Longforms den Journalismus niemals retten werden.

VRODO: Ausgerechnet der Begründer der “neuen virtuellen Realität” und Erfinder der VR-Brille Oculus Rift, Palmer Luckey, möchte Virtual Reality erstmal lieber nicht im Journalismus sehen. Er warnte davor, dass das neue Medium zu mächtig sei und schnell falsche Eindrücke vermitteln könne. Erste Wahl für objektive Berichterstattung sollen nach Luckey weiterhin Text, Bild und Video sein. Welche Risiken wurden diskutiert?

Schwarz: Luckey ist Techie, kein Journalist. Eine adäquate Umsetzung mit vorhandenen technischen Mitteln sollte allein die Sache eines Journalisten sein. Ich finde es seltsam, dass Luckey hier Skeptiker ist, das kommt mir doch arg kulturpessimistisch vor. Jedenfalls: Nur wer daran arbeitet, kann es besser machen.

Es ist klar, dass eine inhaltliche Form für VR-Journalismus gefunden werden muss, und dazu gehören Experimente. Der Radiojournalismus ist heute auch nicht mehr derselbe wie 1937 – trotzdem ist Herb Morrissons Hindenburg-Reportage in die Geschichte eingegangen und hat einen Beitrag zur Ausbildung des Mediums geleistet. Robin A. Schwarz, Redakteur Tages-Anzeiger

Nur weil etwas nicht perfekt ist, heißt das nicht, dass man es sein lassen sollte. Das grössten Risiko, das auf der Input#9 thematisiert wurden, war eindeutig die Frage nach Objektivität und Form.

VRODO: Wie kommst Du zum Thema VR und was war Dein persönliches “Aha”-Erlebnis?

Schwarz: Ich war selber 2012 noch Skeptiker als ich den Oculus-Kickstarter gesehen hab, die ersten Bilder von der GDC damals haben mich dann aber überzeugt. Mein persönliches Highlight ist noch immer das Ende der Welcome to Oculus Demo, wo sich ein Tor öffnet und man auf die Erde blickt. Ein atemberaubendes Erlebnis, auf das ich damals nicht wirklich vorbereitet war.

| SOURCE: VRODO

 

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