Ab dem 26. September startet die Oculus Connect 5, die wichtigste Mixed-Reality-Konferenz des Jahres. Was erwartet uns?

Wenn kommende Woche Facebook-Chef Mark Zuckerberg ab 19 Uhr deutscher Zeit seine Ansprache zur Zukunft von Oculus und Mixed-Reality-Technologie startet, dann hört die ganze Branche zu. Als größter Mixed-Reality-Investor ist Facebook der wichtigste Taktgeber der jungen Industrie.

Die Erwartungen an Zuckerbergs Ansprache setzte Oculus im Vorfeld enorm hoch an. Das Unternehmen verspricht eine Next-Gen-VR-Demo sowie eine “denkwürdige Keynote”. Wer sich selbst so viele Vorschusslorbeeren verleiht, der muss dann auch liefern. Was ist Oculus’ Trumpfkarte?

Hinweis: Mit Oculus Go oder Gear VR könnt ihr die wichtigsten Vorträge der Connect 5 im VR-Livestream anschauen. Die Konferenz wird außerdem bei Facebook übertragen und bei YouTube zusammengefasst.

Oculus Santa Cruz wird enthüllt

Wahrscheinlichkeit: sehr hoch

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei der versprochenen “Next-Gen-VR-Demo” nicht um Oculus Rift 2, sondern um die portable VR-Brille Santa Cruz, das Highend-Modell von Oculus Go.

Im Unterschied zur Go-Brille bietet Santa Cruz volle Bewegungsfreiheit für Kopf und Hände und ist somit viel näher am vollen VR-Erlebnis der PC-Brillen oder Playstation VR. Auf der Connect 5 will Oculus den anwesenden Entwicklern zeigen, wie sie ihre Rift-Apps mit geringem Qualitätsverlust für Santa Cruz portieren können.

Der Prototyp von Santa Cruz wurde schon vor rund zwei Jahren enthüllt und regelmäßig demonstriert. Ebenso ist bekannt, dass das Gerät 2019 auf den Markt kommen soll, laut Gerüchten sogar schon im ersten Quartal.

Dennoch gibt es viele offene Fragen, die Zuckerberg in seiner Ansprache beantworten könnte:

  • Wie sieht die fertige Brille aus?
  • Wie heißt sie?
  • Wann erscheint sie?
  • Was kostet sie?
  • Wie sieht die Marktstrategie aus?
  • Welche Software ist in Entwicklung?
  • Wie sieht die Vision für soziale VR-Interaktion aus (Facebook Spaces)?

Alle bislang bekannten Fakten zu Santa Cruz stehen hier.

VR-Games und Social-VR

Wahrscheinlichkeit: sehr hoch

Oculus’ größte aktuelle Gaming-Investition ist der Open-World-Shooter “Stormland”, der sich explizit an Spieleenthusiasten richtet und 2019 auf den Markt kommt. Obwohl der Titel schon enthüllt ist, dürfte ihm auf der Connect 5 die größte Aufmerksamkeit zuteilwerden. Denn Jason Rubin, Inhalte-Chef bei Oculus, setzt darauf, dass der Titel die Gaming-Branche zu VR bekehrt und zur Killer-App wird.

Für den Überraschungseffekt dürfte Oculus wenigstens einen weiteren, größeren Titel im Gepäck haben und viele kleinere Ankündigungen für die verschiedenen Oculus-Brillen. Die Weiterentwicklung von Oculus Home ist sicher ein Thema.

Bei seiner Keynote wird Mark Zuckerberg außerdem über die Zukunft der Social-App Facebook Spaces sprechen, alles andere wäre eine Überraschung. Derzeit wird VR und Oculus zwar vom Gaming dominiert. Aber das Ziel von Zuckerberg und Co. ist, die wichtigste Social-Plattform für das Mixed-Reality-Zeitalter zu stellen.

“Wenn sich Menschen in 15 Jahren nicht in VR begegnen und heiraten, dann haben wir was falsch gemacht”, sagt Oculus-Manager Jason Rubin. Dafür muss noch viel passieren.

Preissenkung und neue Software für Oculus Go

Wahrscheinlichkeit: hoch

Erst seit Anfang Mai 2018 ist die VR-Videobrille Oculus Go auf dem Markt. Mit Blick auf das Weihnachtsgeschäft und den anstehenden Marktstart von Santa Cruz könnte Facebook dennoch schon in den Abverkaufmodus umschalten. Ohnehin scheint Oculus Go bislang kein großer Verkaufshit zu sein.

Ist Santa Cruz erst mal auf dem Markt – oder zeitnah angekündigt – dürften sich VR-Interessierte dreimal überlegen, ob sie in Oculus Go investieren. Santa Cruz verspricht das hochwertigere VR-Erlebnis.

Facebook könnte versuchen, die Attraktivität der Go-Brille als Videogerät zu steigern. Denn als reine Videobrille hat Oculus Go selbst bei Erscheinen von Santa Cruz wohl noch die Nase vorne.

Möglich sind eine Preissenkung in Kombination mit mehr und hochwertigeren Videoinhalten sowie einem umfangreichen Software-Update (bspw. USB-Unterstützung, Screen-Mirroring).

Volumetrische Kameras mit passenden Inhalten

Wahrscheinlichkeit: mittel

In Facebooks Reality Labs sucht eine ganze Abteilung nach Methoden, mit denen die Realität detailliert digitalisiert und anschließend mit der VR-Brille besucht werden kann.

Bekannt ist, dass Facebook mit dem Hersteller Red an einer volumetrischen Kamera bastelt, die 3D-360-Grad-Videos mit Rauminformationen aufzeichnet. Der VR-Brillenträger kann in diesen Videos wie bei herkömmlichen 360-Grad-Videos den Kopf in alle Richtungen drehen und zusätzlich die Perspektive im Raum verschieben, sich zum Beispiel nach vorne und hinten neigen. Das erhöht die Glaubhaftigkeit der Videos.

Erstmals vorgestellt und öffentlich demonstriert wurden die Kameras auf der Facebook Entwicklerkonferenz F8 im Mai 2017. Damals war Red noch nicht beteiligt. Seitdem gab es fast keine Neuigkeiten zu den Geräten.

Auf der Connect 5 könnte Facebook erstmals Inhalte zeigen, die mit der Spezialkamera gefilmt wurden. Die Jubelvariante: Der Internetkonzern führt direkt eine vorbefüllte Plattform für volumetrische Videos und Fotos ein samt einer Möglichkeit, wie Nutzer eigene Inhalte erstellen können, beispielsweise mittels Smartphone-Photogrammetrie.

Qualitativ würden die vielleicht keine Bäume ausreißen, aber es wäre ein Schritt in die richtige Richtung: VR hat das Potenzial, einzelne Momente und Erinnerungen viel umfassender und eindringlicher wiederzugeben als herkömmliche Fotos und Videos. Das ist ein Pfad zum von Oculus angestrebten Massenmarkt.

Ein Thema werden Raumvideos definitiv sein, das geht aus dem Programm hervor: Facebook-Ingenieur Brian Cabral spricht darüber, wie sie erstellt werden können und das Geschichtenerzählen verändern.

Oculus Rift 2 wird vorgestellt

Wahrscheinlichkeit: gering

Oculus Rift 2 wird auf der Connect 5 sehr wahrscheinlich nicht vorgestellt, das würde Santa Cruz den Wind aus den Segeln nehmen. Oculus-Manager betonten außerdem mehrfach, dass ein Nachfolger der Rift-Brille frühestens 2019 erscheinen soll – allerdings kommt da schon Santa Cruz. Ob Oculus wirklich drei VR-Brillen innerhalb von rund anderthalb Jahren auf den Markt bringt? Eher unwahrscheinlich.

Aber ein Blick ins Labor und etwas Kettenrasseln – wie zuletzt bei der Facebook Entwicklerkonferenz F8 zum Half-Dome-Prototyp – ist sicher drin. Womöglich dürfen Entwickler und Presse vor Ort den Half-Dome-Prototyp ausprobieren und darüber berichten. So richtig konkret könnte der Nachfolger der Rift-Brille dann im kommenden Jahr werden.

Konkurrenz für Magic Leap und Hololens: Zeigt Facebook eine Augmented-Reality-Brille?

Wahrscheinlichkeit: gering

In Facebooks Realitätslabor wird ebenso intensiv an AR geforscht wie an VR. Die beiden Technologien teilen zahlreiche Schnittstellen. Könnte Facebook erstmals eine AR-Brille präsentieren?

Grund genug gäbe es: Gerade eben erst kam die von Google mitfinanzierte AR-Brille Magic Leap One (Testbericht) auf den Markt. Microsoft soll Hololens 2 schon früh in 2019 veröffentlichen, Apple könnte 2020 nachziehen.

Anlass genug für Facebook also, um eine eigene AR-Brille zu enthüllen und sei es nur, um Präsenz zu demonstrieren.

Sehr wahrscheinlich ist es dennoch nicht: Sowohl Mark Zuckerberg als auch Oculus-Techguru Michael Abrash äußerten auf der großen Bühne, dass eine hochwertige, für Endverbraucher sinnvolle AR-Brille noch lange nicht gebaut werden kann.

Im Gegensatz zu Microsoft treibt sich Facebook nicht groß im B2B-Markt umher. Und Magic Leap sucht noch nach Identität und einer Zielgruppe. So wirklich zwingend ist die Konkurrenz also nicht.

Facebooks prototypische AR-Brille – die sicher existiert – bleibt daher wohl eher im Labor eingeschlossen. Die viel größere AR-Plattform ist auf lange Sicht ohnehin die Smartphone-Kamera. Smartphone-AR wird in Zuckerbergs Ansprache daher sicher eine Rolle spielen.


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