Dark Days für Gear VR soll ein "immersives und narratives" Virtual-Reality-Erlebnis sein. Wir testen, ob die Horror-App das Versprechen hält.
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Dark Days für Gear VR im Test: Akte X trifft auf Silent Hill

von Matthias Bastian27. Juni 2016
"We don't call it Death Valley for no reason"

Gemeinsam mit den französischen Entwicklern von Parallel bringen die Oculus-Studios “Dark Days” für Gear VR in den Oculus-Store. Die VR-Erfahrung wird von Oculus als “immersives und narratives” Escape-Room-Erlebnis angekündigt, geht aber auch als klassisches Horror-Adventure durch.

Der VR-Brillenträger schlüpft in die Rolle der gescheiterten Autorin Jade Lacroix, die sich mitten im Death Valley verfährt und gezwungenermaßen in ein Motel eincheckt, das schon von außen nicht gerade vertrauenserweckend aussieht. Die zahlreichen Vermisstengesuche und Radiodurchsagen sowie ein mit Polizeiband abgesperrtes Hotelzimmer – ganz offensichtlich ein Tatort – können die Hauptdarstellerin leider nicht von einer Übernachtung abhalten. Den finsteren Horrorgemälden an den Wänden, die wahrscheinlich nicht einmal Marilyn Manson ohne Zähneklappern in sein Schlafzimmer hängen könnte, gelingt dieses Kunststück ebenfalls nicht. Es kommt also, was kommen muss: Ein Monster. Und das hat es auf die gute Jade abgesehen, in deren Körper wir leider gefangen sind.

Da man in Virtual Reality nicht besonders mobil ist, weder kann man physisch wegrennen noch ist künstliche Bewegung aufgrund von VR-Übelkeit eine gute Lösung, überlegten sich die Entwickler eine besonders interessante Methode, um die unheimlichen Begegnungen trotzdem wirkungsvoll zu inszenieren: Man darf der fiesen Kreatur nicht in die Augen schauen. Das klingt einfach, mag man sich nun denken und im Prinzip stimmt das auch. Aber Menschen sind instinktiv darauf programmiert, eine Gefahr so gut es geht im Blickfeld zu behalten, um das Risiko stets einschätzen zu können. Wegzuschauen, wenn Unheil droht, kostet mehr Überwindung, als der Gefahr direkt ins Auge zu blicken. Nicht zu wissen, wo sich das Monster genau befindet und ob es sich gerade leise von hinten heranschleicht, erhöht den Leidensdruck unter der VR-Brille enorm. Mit diesem Widerspruch spielt Dark Days geschickt.

Die fesselnde Atmosphäre erzeugt zu viel Hitze

Aufgabe des VR-Nutzers ist es, das Geheimnis um das Motel samt Nachbarschaft zu lüften. Dabei verstrickt man sich zwangsläufig auch in die persönliche Geschichte der Hauptdarstellerin. Um die Handlung voranzutreiben, müssen in erster Linie kleine Puzzleaufgaben gelöst werden, die in die Hotelumgebung und die Handlung integriert sind. Das sind meist simple und nicht besonders anspruchsvolle Aufgaben wie finde Schlüssel X oder Zahlencode Y. Das Interface und die Steuerung sind minimalistisch gehalten. Via vorgegebener Teleportstellen bewegt man sich durch das virtuelle Hotel, die benötigten Gegenstände tauchen meist Just-in-Time auf – ein zusätzliches Inventar gibt es nicht. Dark Days spielt sich fast von selbst und ist damit trotz der düsteren Thematik relativ einsteigerfreundlich.

Die Handlung entfaltet sich durch zahlreiche Monologe der Hauptdarstellerin, die das Geschehen durchgängig kommentiert. Zusätzliche Story-Elemente wie alte Zeitungsartikel oder Radiodurchsagen werden nahtlos in die virtuelle Welt integriert. Kurze Erzählstücke in Traumsequenzen erklären die Hintergrundgeschichte der Hauptdarstellerin. Die Sprachausgabe ist komplett übersetzt, auch die gut gelungene englische Originalspur steht zur Verfügung. Ohnehin ist der komplett dreidimensionale Ton ein wichtiger Bestandteil der VR-Erfahrung.

Für eine Smartphone VR-App ist Dark Days recht ansehnlich. Die Optik trägt wesentlich dazu bei, dass der Titel vom ersten Moment an eine düstere und bedrohliche Atmosphäre entfaltet. Dank 3D-Effekt entsteht in vielen Szenen eine gute Tiefenwirkung. Der grafische Stil, die musikalische Untermalung und die Stimmung erinnern mitunter an die ersten Ableger der Silent-Hill-Serie. Allerdings muss man auch plötzliche Schockeffekte aushalten können, sonst wird man mit Dark Days nicht glücklich.

Nervig: Unser Testgerät (Galaxy S6) überhitzte alle zehn bis fünfzehn Minuten, so dass eine Zwangspause fällig wurde. Regelmäßig ging dabei der Fortschritt zwischen zwei Speicherpunkten verloren. In Kombination mit zufälligen Rätseln – beispielsweise liegt ein Schlüssel mal in einer Schublade und dann wieder unter dem Bett – mutiert das VR-Erlebnis trotz einer verhältnismäßig kurzen Spielzeit von rund fünf Stunden so zu einem Zeitdieb. Angeblich ist von dem Problem nur das Galaxy S6 und ein spezieller Chipsatz betroffen, ein Update soll den Fehler beheben.

Letzte Aktualisierung am 5.12.2016 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

Fazit

Für Fans des Horrorgenres und Gear-VR-Nutzer ist Dark Days ein guter Kauf, auch wenn die üblichen Makel der mobilen VR-Brille – das fehlende Positionstracking sowie das ständige Überhitzen – in der ansonsten sehr immersiven Umgebung besonders störend auffallen. Dafür kostet der Titel nur rund acht Euro, das ist im Verhältnis zum gebotenen Inhalt günstig. Eine verbesserte Umsetzung für Oculus Rift hätte das Zeug zu einem richtig guten Horror-Adventure und könnte zeigen, wie die beiden Genres Film und Spiel in der VR-Brille zu einer neuen Form des Entertainments verschmelzen.

| Featured Image: Oculus VR / Parallel Studio