Daydream View im Test – Die neue Referenz für mobile Virtual Reality
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Daydream View im Test – Die neue Referenz für mobile Virtual Reality

von Matthias Bastian10. November 2016

Ohne Zweifel: Google verbessert sich gegenüber der Pappbrille Cardboard in allen Bereichen, schlägt Samsungs und Facebooks Gear VR und stellt mit Daydream View die neue Referenz für Virtual Reality mit dem Smartphone. Dennoch hat Googles VR-Initiative noch eine lange Reise vor sich, bevor sie fit ist für den Mainstream.

Im grundlegenden Ansatz unterscheidet sich Daydream View kaum von den Cardboard-Brillen. Noch immer ist das Gerät eine reine Halterung, die nicht mehr kann, als ein Smartphone vor den Linsen zu fixieren.

In Zukunft sollen sowohl Daydream-Brillen als auch Smartphones von unterschiedlichen Herstellern auf den Markt kommen. Bislang darf nur Googles Pixel-Smartphone in Daydream View eingelegt werden.

Den Qualitätssprung gegenüber Cardboard erreicht Google durch zahlreiche Verbesserungen im Detail. Die Brille ist jetzt nicht mehr aus wackliger Pappe, sondern stabil aus Stoff und etwas Plastik gefertigt. Die neue Kopfhalterung ist zweckmäßig und einfach zu justieren, die verbauten Linsen sind hochwertiger. Auch das Headtracking läuft etwas geschmeidiger als bei Cardboard; das hängt allerdings auch von der verwendeten App ab.

Daydream View ist derzeit die leichteste, kleinste, wahrscheinlich bequemste und optisch schönste VR-Brille

Trotz der recht offenen Bauform dringt zumindest mit dem größeren Pixel-Smartphone kaum Umgebungslicht in das Gehäuse. An der Frontklappe sind neu Gumminoppen angebracht, die auf den Touchscreen des Smartphones drücken. Anhand der Druckpunkte berechnet die Daydream-Software den optimalen Blick aufs Display. Anders als bei Cardboard oder Gear VR kann man das Smartphone also nicht mehr schief einlegen.

Daydream View ist derzeit die leichteste, kleinste, wahrscheinlich bequemste und optisch schönste VR-Brille. Den eher klobigen Konkurrenten Gear VR verweist Google allemal auf die Plätze. Bis auf einen Punkt: Daydream View bietet keine Option, den Abstand der Linsen zu justieren. Wer eine Sehschwäche hat oder eine Brille trägt, sollte das Gerät vorab im Laden testen.

Das Smartphone wird eingelegt und mit einem fest integrierten Gummi am Haken oben auf der Brille festgeschnallt. Das sitzt erstaunlich fest. Bild: Google Inc.

Das Smartphone wird eingelegt und mit einem fest integrierten Gummi am Haken oben auf der Brille festgeschnallt. Das sitzt fest. Bild: Google Inc.

Deutlich bessere Bildqualität als Cardboard

Kombiniert mit dem Pixel-Smartphone setzt sich Daydream View in puncto Bildqualität gegenüber Cardboard und Gear VR ab. Zwar trennen Gear VR und die View-Brille keine Welten, aber das Daydream-Bild wirkt einen Tick schärfer. Sogar Schriften sind gut lesbar.

Das Sichtfeld ist ähnlich eng wie bei Samsung Gear VR (circa 90 Grad) und liegt etwas unter dem Niveau von Oculus Rift, Playstation VR oder HTC Vive. Das führt zu einem Tunnelblick, der der Immersion so wenig zuträglich ist wie die Tatsache, dass man das Gehäuse der Brille im peripheren Sichtfeld deutlich wahrnimmt. Mit diesem Problem ist Daydream View allerdings nicht alleine.

Damit VR-Brillen ihr Immersionspotenzial in Zukunft voll ausspielen und aufrechterhalten können, müssen sie gefühlt vom Gesicht verschwinden. Das Gehäuse sollte weder die Sicht begrenzen noch auf die Nase drücken.

Natürlich steht und fällt die Bildqualität von Daydream View mit dem eingelegten Smartphone. Der erste Eindruck erlaubt daher keinen zwingenden Rückschluss auf die generelle Qualität, die Googles Ökosystem in Zukunft bieten kann.

Weniger Probleme mit Überhitzung

Wer ab und an Gear VR aufsetzt, kennt den größten Minuspunkt der Samsung-Brille: Egal mit welchem Smartphone man das Gerät nutzt, es überhitzt häufig innerhalb von Minuten. Manche Nutzer greifen zu Kühlpads oder legen das Galaxy-Smartphone vorab in den Kühlschrank, um Gear VR ein paar Minuten länger verwenden zu können.

Auch die 5,5-Zoll-Variante des Pixel-Smartphones überhitzt in Daydream View mitunter. Es passiert allerdings nicht ganz so schnell wie bei der Konkurrenz und insgesamt deutlich seltener. Nichtsdestotrotz erreicht das Gehäuse des Smartphones eine beachtliche Betriebstemperatur, die “handwarm” deutlich überschreitet. Ebenso wird der Akku von grafisch anspruchsvollen Anwendungen schnell leergesaugt.

Die Fernbedienung macht vieles einfacher

Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von Daydream View ist der standardmäßig beigegelegte Bewegungscontroller. Dass das kleine Gerät jeder VR-Brille beiliegt, ist wichtig, denn nur so können Entwickler darauf zählen, dass alle Daydream-Kunden mit der Fernbedienung herumfuchteln können. Gegenüber dem Touchpad von Gear VR ist der Bewegungscontroller ein riesiger Schritt nach vorne und erhöht den Nutzungskomfort ungemein.

Die Daydream-Fernbedienung reicht für die Bedienung einfacher Anwendungen völlig aus. Bild: Google Inc.

Die Daydream-Remote reicht für die Bedienung einfacher Anwendungen völlig aus. Bild: Google Inc.

Wer die Präzision der 3D-Controller von HTC Vive oder Oculus Touch erwartet, wird allerdings enttäuscht. Die Daydream-Remote hat im direkten Vergleich eine klar wahrnehmbare Latenz und erkennt außerdem nur Rotationen und Drehungen auf einer zweidimensionalen Achse. Eine Bewegung in die Tiefe des Raumes ist nicht möglich.

Die Daydream-Fernbedienung ist kein Ersatz für einen echten 3D-Controller

Während man bei den 3D-Controllern der PC-Brillen wirklich den Eindruck hat, dass die eigenen Hände in Virtual Reality präsent sind, fühlt es sich mit der Daydream-Fernbedienung eher so an, als würde man seine virtuelle Hand fernsteuern.

Als Mausersatz und für einfache Bewegungsspiele taugt das Gerät dennoch. Allein der permanente Drift ist störend. Beinahe jede Minute muss man den Controller neu kalibrieren, um präzise steuern zu können. Diese Neuausrichtung funktioniert wenigstens denkbar einfach: Man hält für drei Sekunden den Home-Button gedrückt – das war es schon. Das klappt in jeder Daydream-App.

Der Elefant im Raum: Kein Raumtracking

So wie der Bewegungscontroller nur auf zwei Achsen arbeitet, erkennt auch Daydream View keine räumlichen Bewegungen. Wie alle anderen mobilen VR-Brillen übersetzt die neue Google-Brille nur die Rotation des Kopfes in die virtuelle Welt. Man klebt also permanent an dem Bildausschnitt, den der Entwickler vorgibt. Gegenüber den meisten PC-Brillen und Playstation VR ist das ein großer Nachteil.

Die Positionserkennung im Raum wäre ein wichtiger Schritt für Virtual Reality mit dem Smartphone, war aber zum Marktstart für Daydream View offenbar noch nicht ausgereift. Immerhin berichtet Googles Tango-Team, das neue Trackingsysteme fürs Smartphone erforscht, nun direkt an die Daydream-Abteilung. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis diese Barriere fällt.

Auf ein Upgrade der aktuellen Daydream-Hardware sollte man jedoch nicht hoffen. Wenn das Positionstracking kommt, dann nur in Kombination mit einer neuen Generation VR-Brillen und Smartphones.

Bedienung: Google kann Benutzeroberflächen und Menüdesign

Die eigens für Virtual Reality entworfene Benutzeroberfläche funktioniert zum Launch schon sehr gut. Die Menüs sind übersichtlich gestaltet und sehen ansprechend aus, die Texte sind gut lesbar, die Steuerung ist intuitiv.

Klickt man eine App-Kachel an, sieht man nicht nur eine Beschreibung der Anwendung, sondern wird via 360-Bild direkt in die Umgebung versetzt. So wird das App-Browsing an sich schon zu einem kleinen VR-Erlebnis mit Unterhaltungswert. Anwendungen kann man bequem mit der Brille auf dem Kopf kaufen und herunterladen.

Der Daydream-Store bietet ein immersives Shopping-Erlebnis direkt in Virtual Reality. Bild: Google Inc.

Der Daydream-Store bietet ein immersives Shopping-Erlebnis direkt in Virtual Reality. Bild: Google Inc.

Bislang nicht integriert sind Social-Funktionen, um mit Freunden in Kontakt zu kommen und beispielsweise gemeinsam eine Tour durch Streetview VR zu starten. Da die Geräte ohnehin kaum verbreitet und die Nutzungsdauer eher gering ist, dürften solche Funktionen derzeit noch keine Priorität genießen. Viel wichtiger ist es, dass die Anzahl und die Qualität der angebotenen Apps passt. Und das Launch-Lineup für Daydream View kann sich durchaus sehen lassen.

Die Storefront von Daydream kann mit dem beigelegten Controller bedient werden. Bild: Google Inc.

Die Storefront von Daydream kann mit dem beigelegten Controller gut bedient werden. Bild: Google Inc.

App-Check: Diese Anwendungen gehören zum Launch-Lineup

Zum Start bietet die Daydream-Abteilung im App-Store zahlreiche Anwendungen aus vielen Bereichen des Entertainments, Games und News. Bekannte Medien wie CNN, The Guardian, die New York Times oder das Wall Street Journal haben eigene VR-Apps für Daydream View im Angebot. CNN bietet aktuelle Nachrichteninhalte, zum Teil in Form von 360-Grad-Videos. Aus der Ich-Perspektive und mitten im Publikum kann man Donald Trumps Ansprache nach seinem Wahlsieg beiwohnen – das sorgt für Gänsehaut.

Google bietet zum Launch zahlreiche Apps und liefert die Highlights selbst

Die im Vorfeld groß angekündigte VR-Erfahrung zum kommenden Harry-Potter-Ableger “Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind” beeindruckt grafisch und stilistisch. Die Virtual-Reality-Promoaktion zum neuen Film wurde gemeinsam mit Warner Bros. umgesetzt. Die App setzt auf einen interessanten Mix aus detaillierten 3D-Bildern, CGI-Videos und in Echtzeit gerenderten Objekten. Das Ergebnis ist sehr atmosphärisch, auch wenn die Interaktion wenig Tiefgang bietet.

YouTube und Streetview glänzen

Die beiden Highlights im Launch-Lineup liefert Google selbst und noch dazu kostenlos. Da wäre zum einen die für Daydream optimierte YouTube-App. Man nimmt Platz in einem futuristisch gestalteten Cinema-Dome und kann dort Videos sowohl in 2D, 3D als auch in 3D und 360-Grad anschauen.

Der Wechsel zwischen den Formaten erfolgt nahtlos. Die flache Leinwand lässt sich beliebig skalieren und im Raum platzieren. Sogar an einen Curved-Monitor wurde gedacht. 2D-Videos mit stereoskopischem 3D-Effekt bieten zum Teil einen beinahe absurd guten Tiefeneffekt.

Die Bildqualität der 360-Grad-Produktionen bei YouTube schwankt sehr stark, wobei in den letzten Monaten eine stete Verbesserung zu erkennen ist. Google hilft bei der Suche nach hochwertigen 360-Inhalten nach und bietet ausgewählte Videos an.

Eine flotte WLAN-Verbindung vorausgesetzt, kann ein 360-Video, das in stereoskopischem 3D und in 4K gefilmt wurde, zumindest optisch durchaus gefallen. Inhaltlich ist das immersive Videoformat noch ein Thema für sich. Die meisten Videos gehen über den Status Experiment oder Gimmick noch nicht hinaus.

Die neue YouTube-App für Daydream ist wohl das Highlight im Launche-Lineup. Bild: Google Inc.

Die neue YouTube-App für Daydream ist eines der Highlights im Launch-Lineup. Bild: Google Inc.

Das zweite App-Highlight und mein persönlicher Favorit ist die neue Streetview-App für Daydream. Innerhalb von Sekunden reist man an beinahe vergessene Urlaubsorte aus der Jugend, in die Straße, in der man aufgewachsen ist oder an eine berühmte Sehenswürdigkeit. Viel näher werde ich dem Beamen zu meinen Lebzeiten wohl nicht mehr kommen.

Die Qualität der Aufnahmen schwankt, ist aber im Durchschnitt sehr gut. Zahlreiche Bilder sind in stereoskopischem 3D hinterlegt. Wer auf das Konzept steht, für den könnte Streetview VR so etwas wie eine Killer-App sein.

Für wen sind die Daydream-Spiele gedacht?

Deutlich skeptischer bin ich, was VR-Spiele für Daydream View betrifft. Der Grund: Ich bin mir nicht sicher, für welche Zielgruppe diese entwickelt werden.

Es ist zwar erstaunlich, was mittlerweile von einem Smartphone alles gerendert werden kann und wie solide einige der Daydream-Games aussehen und laufen. Dennoch wird auch Daydream View den Abstand zwischen mobilen Spielen und jenen für stationäre PCs und Konsolen nicht verkleinern können.

Zudem schlampt Googles noch bei der Qualitätskontrolle. Einige der VR-Spiele ruckeln vereinzelt und nutzen Kameraperspektiven und Fortbewegungsmethoden, die VR-Übelkeit auslösen können. Eine Einschätzung wie bei Oculus Home, ob sich eine App auch für empfindliche Mägen eignet, bietet Google nicht.

Zwar sind die Daydream-Spiele durchaus brauchbar, echte Gamer werden sie aber nicht überzeugen

Die mobilen VR-Spiele haben noch ein weiteres Problem. Normale Smartphone-Games sind unter anderem deshalb so erfolgreich, weil Menschen sie unterwegs spielen können. Die wenigsten Gelegenheitsspieler dürften aber Lust darauf haben, sich mitten im Zug eine VR-Brille aufzusetzen. Das ist eine schwierige Ausgangslage: Die mobilen VR-Games bieten nicht die Technologie und den Tiefgang, um stationäre VR-Systeme zu ersetzen. Gleichsam sind sie weniger mobil als herkömmliche 2D-Games für den Touchscreen.

Gaming-Enthusiasten bleiben daher bei Virtual Reality für PC und Konsole. Wer die außergewöhnliche Highend-Erfahrung sucht und auf der Jagd nach dem Metaverse ist, der ist mit Oculus Rift, Playstation VR und HTC Vive deutlich besser bedient. Ohne Positionserkennung im Raum und ein präzises 3D-Interface, das die eigenen Hände glaubhaft in die Virtual Reality bringt, ist auch Daydream View in erster Linie ein VR-System für Einsteiger.

Fazit: Daydream View – Potenzial sucht Zielgruppe

Zweifellos macht Google mit Daydream View vieles richtig und im Vergleich zu Cardboard einen riesigen Schritt nach vorne. Es ist ohnehin überfällig, dass die alte VR-Pappbrille ersetzt wird. Mit hochwertigen VR-Erlebnissen hat Cardboard so wenig zu tun wie McDonalds mit bewusster Ernährung.

Die neue Fernbedienung sorgt für eine intuitive Eingabe in Menüs und Games. Man darf nur keine übermäßig präzise 3D-Maus erwarten, die wie Oculus Touch oder die Vive-Stäbe neue Formen der Interaktion mit virtuellen Welten erlaubt. Die Google-Variante ist mehr Fernbedienung als innovatives Interface.

Trotz der guten Ansätze ist Daydream nicht perfekt. Insbesondere der Einstiegspreis ist derzeit noch viel zu hoch. Die Brille kostet zwar „nur“ 70 Euro – der Preis ist für sich alleine schon ambitioniert – aber für das benötigte Pixel-Smartphone muss man circa 760 bis 1.000 Euro hinblättern.

Wer sich also nicht ohnehin ein Pixel-Gerät kauft, braucht über die Anschaffung von Daydream View vorerst nicht nachzudenken. Nur für die VR-Erfahrung lohnt sich der Kauf des teuren Smartphones nicht. Die View-Brille ist eher ein netter Bonus.

Obwohl die Fernbedienung gut funktioniert und ihren Zweck für Menüs und einfache Bewegungsspiele erfüllt, reicht sie als ernstzunehmendes Interface für VR-Anwendungen nicht aus. Es stört, dass der Controller permanent neu kalibriert werden muss. Zumindest ist der Vorgang denkbar einfach und flott in die Benutzeroberfläche integriert.

Eines ist klar: Der 10. November ist nur der Startschuss für Daydream VR

Aufgrund der genannten Kritikpunkte fällt es schwer, eine uneingeschränkte Kaufempfehlung auszusprechen. Für absolute Einsteiger, die in die Virtual Reality einfach nur mal reinschnuppern wollen, ist die Brille samt Smartphone zu teuer. Ambitionierten VR-Enthusiasten, die schon eine ausgewachsene VR-Brille besitzen, bietet Daydream View keinen Mehrwert.

Derzeit eignet sich die Google-Brille in erster Linie, um 360-Inhalte bei YouTube oder Streetview anzuschauen – da fallen das fehlende Raumtracking und 3D-Interface nicht weiter ins Gewicht. Man wird das Gefühl nicht los, dass Daydream View noch auf der Suche nach einer Zielgruppe ist.

Aber dieses Fazit ist nur eine Momentaufnahme. Die Daydream-Initiative ist langfristig angelegt. Google wird nun beweisen müssen, dass es imstande ist, das Daydream-Ökosystem sowohl inhaltlich als auch technisch weiterzuentwickeln und die mögliche Zielgruppe Stück für Stück zu erweitern.

Die Basis dafür ist geschaffen. Nun braucht es Visionen, Talent und jede Menge Geduld, um die Plattform in den kommenden Monaten und Jahren für den Massenmarkt attraktiv zu machen. Daydream VR im November 2017 könnte schon ein gänzlich anderes Gesicht zeigen als zum heutigen Marktstart.

| Featured Image: Google Inc.