Update vom 15. September:

Lucid kann man ab sofort als 360-Video für rund vier Wochen in der VR-App “Vroom” kostenlos anschauen. Neben Lucid sind weitere VR-Filme des Filmfestivals in Venedig verfügbar. Die App ist für Android (Google Play), im Apple StoreViveport und Oculus Rift sowie Go und Gear VR verfügbar.

Ursprünglicher Artikel:

Als eine von 30 Erfahrungen feiert der VR-Animationsfilm Lucid dieser Tage seine Weltpremiere im VR-Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Das mitreißende Abenteuer rund um eine Mutter-Tochter-Beziehung stellt die ganzen großen Fragen des Lebens – und zeigt fast nebenbei, wie eine Geschichte meisterhaft in VR erzählt werden kann.


Über die Autorin:

Pola Weiß arbeitet als Freiberuflerin in Berlin und schreibt auf ihrem Blog VR Geschichten über Storytelling in Virtual Reality. Bevor sie zurück in ihre Wahlheimat Berlin gezogen ist, war sie drei Jahre lang freie Redakteurin beim SWR Fernsehen in Baden-Baden. Dort hat sie Kulturdokumentationen, Dokumentarfilme und Online-Projekte für den SWR, Das Erste und Arte betreut. Gute Geschichten, egal in welchem Medium, sind ihre Passion.


Warum liebe ich Filmfestivals so sehr? Ein Grund ist, dass ich immer wieder überrascht werde. Nur auf Filmfestivals stößt man bisweilen auf Perlen, die man ansonsten vielleicht niemals zu Gesicht bekommen hätte. Das gilt für klassische Filme – und noch mehr für Virtual Reality-Erfahrungen. Der VR-Film Lucid der Londoner Produktionsfirma Breaking Fourth war genau solch eine Entdeckung für mich.

Lucid beginnt mit einer sonderlichen Szene: Astra, eine junge Frau, steht inmitten einer dunklen Unterwasserwelt und spricht mit einer unsichtbaren Person. Schnell stellt sich heraus, dass Astra sich gar nicht in der Realität befindet, sondern ein Eindringling in einem fremden Bewusstsein ist.

Astra surft im Unbewusstsein ihrer Mutter - und lernt sie so aus einer neuen Perspektive kennen. Bild: Breaking Fourth

Astra surft im Unbewusstsein ihrer Mutter – und lernt sie so aus einer neuen Perspektive kennen. Bild: Breaking Fourth

Es ist das ihrer Mutter Eleanor, einer berühmten Kinderbuchautorin, die nach einem schweren Unfall im Koma liegt. Mit Hilfe einer neuen Technologie und einem Helm, aus dem jede Menge Kabel ragen, hat sich Astra in den Kopf ihrer Mutter begeben. Sie will sich von ihr verabschieden.

In der realen Welt sitzt Astra, akribisch überwacht von einem Wissenschaftler, mit dem sie über Funk kommuniziert, neben dem Bett ihrer todkranken Mutter.

Die Komawandlerin

Durch Astras Anwesenheit in Eleanors Bewusstsein geschieht jedoch etwas Unerwartetes: Eleanors Geist wird nach und nach wieder aktiv. In ihrem Komatraum schlüpft sie in die Gestalt ihrer Lieblingsfigur aus ihren eigenen Büchern.

Vergnügt springt sie in ihrem Baumhaus hoch über den Baumwipfeln herum, als die erstaunte Astra auf sie trifft. Doch Eleanor weiß weder, dass ihr Körper im Krankenhaus liegt, noch erkennt sie ihre Tochter wieder.

Davon lässt Astra sich nicht aufhalten. Um Eleanors Erinnerungen wieder vollständig zu herzustellen und sie aus dem Koma aufzuwecken, beschließt sie mutig, ihre Mutter durch die Fantasiewelt ihrer Kindheit zu begleiten.

Die Vielseitigkeit des menschlichen Geistes

Was folgt, ist eine atemlose Fahrt durch bruchstückhafte Szenen aus Eleanors Leben und ihren Büchern. Dabei zeigt das Team von Breaking Fourth, dass es das filmische Erzählen in immersiven Welten vortrefflich beherrscht.

Das Baumhaus, ein dunkler Wald, eine Eiswüste, die umhersausende Flugkapsel, all das konnte ich hautnah in VR erleben. Die bunte Welt in Eleanors Kopf ist abwechslungsreich, voller fantasievoller Details und perfekt auf das visuelle Erlebnis in VR abgestimmt. Dabei vereint Lucid das Beste aus VR und Film.

Lucid vereint die Qualitäten des klassischen Geschichtenerzählens mit VR. Bild: Breaking Fourth

Lucid vereint die Qualitäten des klassischen Geschichtenerzählens mit VR. Bild: Breaking Fourth

Denn auch wenn es in VR so viel schöner und immersiver ist – die Geschichte wäre sicherlich auch als klassischer Kurzfilm in „2D“ hervorragend geworden. Der 16 Minuten lange VR-Film fühlt sich an wie ein abendfüllender Spielfilm.

Das liegt insbesondere an dem kunstvoll erdachten Drehbuch, von dem es im Laufe der Entwicklung sieben Fassungen gab. Geschrieben hat es der Autor Islay Bell-Webb in enger Zusammenarbeit mit den Produzenten David Kaskel und Ken Henderson. Die Regie führte der Australier Pete Short.

„Lucid ist eine Geschichte über Liebe, Abenteuer und Loslassen.“ schreibt Pete Short im Pressematerial. „Ich habe lange darauf gewartet, diese Geschichte erzählen zu können. VR macht dies endlich möglich in einer Weise, die der Geschichte gerecht wird. Das Publikum bekommt Zugang zu Eleanors Bewusstsein und erlebt dort die letzten, intimen Momente zwischen Mutter und Tochter.“

Eine Liebeserklärung an die Fantasie

Entstanden ist eine VR-Erfahrung, die so unterhaltsam wie berührend ist, eine Liebeserklärung an die tiefe Bindung zwischen den beiden Frauen. Dabei spricht der Film Fragen an, mit denen sich jeder Mensch im Laufe des Lebens auseinandersetzen muss.

Für Breaking Fourth-CEO David Kaskel, der die erste Idee für den Film hatte, war das Verhältnis zwischen Kind und Eltern das emotionale Schlüsselthema. In einem Interview am Rande des Festivals in Venedig erzählte er mir mehr darüber:

„In unserem Team arbeiten ältere und jüngere Menschen ab 20. Ich bin über 50 und der Älteste der Gruppe. Jeder von uns hat eine andere Sicht auf die Verantwortung von Eltern ihren Kindern gegenüber und die Verpflichtungen der Kinder gegenüber ihren Eltern. Das war etwas, dem ich unbedingt weiter nachgehen wollte, auch meine Eltern sind mittlerweile älter. Deswegen habe ich zusammen mit dem Autor lange daran gearbeitet, dass Astra am Ende zu einer Art Akzeptanz kommt. Es ist ihre Reise. Sie trägt eine Menge Wut in sich, doch sie sollte letztendlich auch verstehen, wie es für ihre Mutter ist.“

Liebenswerte Charaktere

Nicht nur die Hauptperson Astra ist vielseitig und gut ausgearbeitet. Auch Eleanor, eine quirlige Dame mit viel Humor und einem ziemlichen Dickkopf, habe ich schon in den ersten Minuten ins Herz geschlossen.

Damit die Reise durch ihre Erinnerungen möglichst akkurat dargestellt werden konnte, ließ sich das Team von zwei Neurowissenschaftlern mit – so viel darf verraten werden – Spezialisierung in Demenz beraten.

Sie beurteilten, wie realistisch einige der Situationen sind, ob bestimmte Erinnerungen auf andere folgen können. Dabei wechseln sich Momente der Klarheit ab mit Erinnerungslücken, Wiedererkennen mit Vergessen. Immer wieder springt der Film außerdem zwischen Eleanors Vergangenheit und ihrer Fantasiewelt hin und her. Was den Experten dabei nicht plausibel genug erschien, wurde gestrichen.

Verzicht auf Egoperspektive

Erzählt ist der Film komplett in der dritten Person: Die Zuschauer nehmen selbst keine Rolle ein, sondern sind stille Beobachter. Das Breaking Fourth-Team hat sich bewusst gegen eine Egoperspektive oder gar interaktive Szenen entschieden.

Sie wollten den Handlungsverlauf und die Entwicklung der Protagonisten so nah wie möglich und ohne Unterbrechungen erzählen. Und das gelingt ihnen hervorragend: Am Ende des Filmes musste ich verstohlen ein paar Tränen von der Brille wischen.

Kommt als Roomscale- und 360-Film

Gesehen habe ich den Film als Roomscale-Erfahrung mit Oculus Rift. Tatsächlich sind viele Szenen im Film jedoch eher auf eine 180-Grad-Perspektive ausgelegt, bei der ich zwar die Welt um mich herum erkunden, der Geschichte aber auch bequem im Sitzen folgen konnte.

Der Grund dafür dürfte sein, dass Lucid auch als 360-Grad-Film erscheinen soll. Mehr Details oder auch ein genaues Veröffentlichungsdatum konnten mir die Produzenten noch nicht nennen.

Losgehen soll es direkt nach Ende des Festivals: Ab dem 8. September sollen die Highlights des Festivals für einen Monat via App zur Verfügung gestellt werden. Konkrete Informationen folgen, sobald verfügbar.

Bis es soweit ist, kann ich die früheren Werke aus dem Hause Breaking Fourth sehr empfehlen: das Drama Ctrl und die Mini-Serie Bro Bots, zu finden unter anderem in der App Samsung VR.


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