Das US-Startup Nectome möchte den menschlichen Geist konservieren, sodass er zu einem späteren Zeitpunkt in einer Computersimulation wieder zum Leben erweckt werden kann.

Das US-Startup Nectome möchte den menschlichen Geist konservieren, sodass er zu einem späteren Zeitpunkt in einer Computersimulation wieder zu digitalem Leben erweckt werden kann. Es wird vom Ycombinator unterstützt, einem der bekanntesten Startup-Förderer in Kalifornien.

Digility 2018

Das Ziel von Nectome ist es, die Systemeigenenschaften des menschlichen Gehirns und sämtliche neuronalen Mechanismen bis aufs “mikroskopische Detail” durch eine Hightech-Einbalsamierung zu konservieren (“Aldehyd-stabilisierte Kryokonservierung”).

Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Erhalt der sogenannten Konnektome, die Informationen über die Struktur des Gehirns enthalten. Sie sollen die Aufbauanleitung für die digitale Rekonstruktion des menschlichen Geistes liefern.

Nectome verspricht auf der eigenen Webseite, dass bei diesem Prozess sämtliche Erinnerungen erhalten bleiben. Eine spezielle chemische Lösung soll den Körper über hunderte oder sogar tausende Jahre konservieren können.

Wer die dystopische Sci-Fi-Serie “Black Mirror” kennt, wird von Nectomes Plänen unweigerlich an die Folge “San Junipero” erinnert, in der kranke Menschen und Senioren ihren Lebensabend – und auf Wunsch darüber hinaus – in einer rein virtuellen Welt verbringen. Dafür laden sie ihren Geist in eine junge Version ihres Selbst hoch.

Tödlicher Upload

Das Konservierungsmittel von Nectome wird den Teilnehmern des Programms bei lebendigem Leib in die Adern gepumpt und hat den Tod zur Folge. Das Startup möchte daher zuerst mit Kaliforniern zusammenarbeiten, die tödlich erkrankt sind.

Es beratschlagt sich mit Anwälten, die spezialisiert sind auf die kalifornische Interpretation der Sterbehilfe und geht davon aus, dass das Konservierungsangebot im Rahmen dieses Gesetzes legal ist.

Cyber-Sterbehilfe für reiche Menschen

Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Technologie es erlaubt, soll der konservierte menschliche Geist in einer Computersimulation wieder zu digitalem Leben erweckt werden. Allerdings, und das ist der Haken an der Sache, ist diese Wiederauferstehung nur als Kopie des Originals möglich.

Die Person, deren Geist ursprünglich konserviert wurde, bliebe verstorben. Zudem ist unklar, was ein Bewusstsein genau definiert und welche Daten und Strukturen erhalten bleiben müssen, um es wiederherzustellen. Falls das losgelöst von der Verkörperung überhaupt möglich ist.

Referenzen sind vorhanden

Bei Nectomes Technologie soll es sich laut Technology Review nicht um ein Luftschloss handeln. Die Indizien dafür: Das Startup kooperiert mit der bekannten Forschungsuniversität MIT. Das Konservierungsverfahren konnte außerdem laut der Nectome-Webseite in einem Hasenhirn jede einzelne Synapse erhalten und wurde dafür mit einem Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Dasselbe soll samt 80.000-US-Dollar-Prämie auch mit einem Schweinehirn gelungen sein. Am Gehirn einer menschlichen Leiche wurde das Verfahren ebenfalls eingesetzt und soll sich bewährt haben. Ein Probelauf für den Test am lebenden Objekt.

Die beiden Gründer von Nectome, Computerforscher mit Schwerpunkt auf Künstliche Intelligenz am MIT, beschreiben ihre Zielgruppe als “Menschen, die daran glauben, dass es funktioniert.” Denn dass aus totem Gewebe eines Tages Erinnerungen wiederhergestellt werden könnten, ist wissenschaftlich umstritten.

25 Personen stehen auf der Warteliste für Unsterblichkeit

25 Menschen, die daran glauben, hat Nectome bereits gefunden. Sie bezahlen je 10.000 US-Dollar für einen Platz auf der Warteliste. Unter den Geldgebern ist der 32 Jahre alte Ycombinator-Präsident Sam Altman, ein bekennender Transhumanist und überzeugt davon, dass die Geist-Konservierung in der Cloud Zukunft hat – noch zu seinen Lebzeiten.

Nicht zu viel versprechen, aber genug

Rund zwei Millionen US-Dollar konnte Nectome bislang von Investoren einsammeln, knapp die Hälfte davon kommt vom US-Nationalinstitut für geistige Gesundheit. Für das steht allerdings die Konservierung des Gehirns im Vordergrund, um Hirnerkrankungen besser zu verstehen. Nicht die fantastische Wiederbelebung in der Virtual Reality.

Nectome jedenfalls ist darauf bedacht, nicht zu viel zu versprechen. Der ursprüngliche Slogan “Wir archivieren ihr Gehirn” wurde umgewandelt in “Dem Ziel verpflichtet, Ihr Gehirn zu archivieren.”

Die Gründer glauben an ihre Idee und das große kommerzielle Potenzial der digitalen Unsterblichkeit. Im nächsten Schritt bemühen sie sich um weitere Investoren. Und um Menschen, die sterben wollen, aber nicht so richtig.

| Quelle: Technology Review


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