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Durch die Augen eines Schweins: 360-Reportage aus dem Schlachthaus

von Matthias Bastian2. März 2016

Eines der wesentlichen Merkmale des neuen Mediums 360-Video soll es sein, durch das “Mittendrin-Gefühl” die Empathie des Zuschauers besonders stark zu stimulieren. Anstatt nur einer vorgefertigten Bilderserie zu folgen, wird der Zuschauer Teil der Szene und fühlt sich, als wäre er vor Ort. Das soll Handlung und Verhaltensänderung provozieren, denn was man selbst erlebt, wirkt nachhaltiger als das, was man nur erzählt bekommt.

Die Tierschützer von “Animal Equality” wollen sich diesen Effekt zunutze machen und zeigen “Durch die Augen eines Schweins”, eine 360-Reportage direkt aus dem Schlachthaus. “Virtual Reality eröffnet uns Welten, die uns bisher verborgen blieben. Plötzlich sind wir nicht mehr Zuschauer, wir befinden uns mitten im Schlachthaus. Das ist eine sehr eindringliche Erfahrung, die uns nachhaltig bewegt” beschreibt Stefanie Lenz, Pressesprecherin bei Animal Equality, das Projekt. “Wir gehen davon aus, dass Virtual Reality unsere Sicht auf Tiere ändern wird. Es gibt kaum etwas, das Empathie so sehr fördert wie diese Technologie. Die einzige Steigerung wäre, selbst ins Schlachthaus zu gehen”, so Lenz. Die Aufnahmen entstanden in den vergangenen 18 Monaten in Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien und Mexiko.

“VR wird Leben retten.” Stefanie Lenz, Animal Equality

Ob sich die spezielle Wirkung des 360-Mediums bei “Durch die Augen eines Schweins” voll entfaltet, ist schwer zu beurteilen, denn die gezeigten Bilder sind Teils derart intensiv, dass sie die Nachricht wahrscheinlich auf ähnliche Weise auch in klassischen Aufnahmen transportieren würden. Vielleicht sogar besser, denn während ein Kameramann schonungslos alle Details des Unglücks zeigen würde, kann der Zuschauer in VR zumindest noch den Blick abwenden, wenn Schock und Ekel die Überhand gewinnen. Dennoch entsteht zumindest in den Szenen, bei denen die 360-Kamera direkt im Käfig platziert wurde, ein Gefühl von Nähe zu den Tieren, das man mit traditioneller Filmtechnik nur schwerlich erzielen kann.

Animal Equality filmt mit 360-Kameras eine Reportage aus dem Schlachthaus.

Animal Equality filmt mit 360-Kameras eine Reportage aus dem Schlachthaus.

Sprecher der deutschen Version von “Durch die Augen eines Schweins” ist Thomas D, bekannt von den Fantastischen Vier, und selbst überzeugter Veganer. “Du wirst nicht nur sehen, was tagtäglich vor uns versteckt gehalten wird. Du wirst es durch die Augen eines Tieres sehen”, formuliert er leicht bedrohlich im Intro der Reportage. Sein begleitender Text enthält viel Drama und Appell. In Anbetracht der rauen und pervertierten Wirklichkeit, die man unmittelbar vor den Augen hat, wirkt die stark inszenierte Poesie auf der Tonspur eher störend. Seine Prominenz dürfte der Produktion aber zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen.

Die englische Version feierte bereits auf dem diesjährigen Sundance-Filmfestival Ende Januar Vorpremiere und löste dort Diskussionen um Ethik und Moral bei Videoproduktionen für die virtuelle Realität aus. Diese sind besonders in Hinblick auf die technologische Weiterentwicklung des neuen Mediums dringend notwendig, denn aktuell verfügbare 360-Videos deuten das Potenzial von immersiven Medien nur an. Erst in den kommenden Jahren, wenn die Technologie ausgereift ist, werden echte Virtual-Reality-Videos eine ungleich stärkere Wirkung erzielen und das Empathie-Versprechen auf hohem Niveau einlösen können.

Vor dem Ansehen des Videos warnen wir ausdrücklich: Die Bilder sind extrem und zeigen sterbende und verstorbene Tiere, Blut und Innereien. Wer sich nicht sicher ist, das aushalten zu können, sollte die Aufnahmen unbedingt meiden. Via YouTube kann man das Video entweder direkt im Browser oder mit Smartphone-VR-Brillen wie Google Cardboard oder Samsung Gear VR ansehen. Mehr Informationen zum Video gibt es auf der offiziellen Webseite.

| FEATURED IMAGE: Animal Equality
| ALL ARTICLE IMAGES: Animal Equality
| SOURCE: Animal Equality