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Dystopie oder Wirklichkeit? Das Kontinuum des Virtuellen

von Tomislav Bezmalinovic27. Dezember 2016

Die Werke des neuseeländischen Künstlers Philipp Madill stellen eine Vergangenheit dar, die unsere Zukunft werden könnte. Oder ist sie das bereits?

Überdimensioniert groß, kantig und nüchtern wirken diese Helme. Fast wie eine Skulptur der Konkreten Kunst, die sich die Menschen über den Kopf gestülpt haben. In ihrer streng geometrischen Gestalt stehen sie in einem scharfen Kontrast zu den organischen Formen der Lebewesen, die sie tragen und wirken daher wie ein Fremdkörper.

Was noch mehr verstört, ist der Umstand, dass sich die dargestellten Menschen durch die Apparaturen nicht beeinträchtigt fühlen. Ihrer entspannten Körperhaltung kann man entnehmen, dass sie die sperrigen Helme nicht einmal wahrnehmen. Die klare und nüchterne Form der Technologie lässt hingegen darauf schließen, dass sie nicht befreiend wirkt, sondern ein mathematisches Raster vorgibt, durch das die Welt gesehen wird.

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Universal Soldier, 2011. BILD: Philip Madill

Auf einem anderen Bild ragt aus der Vorderseite der Helme ein einzelnes Rohr heraus, das an den Lauf einer Kanone erinnert. Für die Träger dieser Helme wird die Wirklichkeit nicht erweitert, sondern reduziert: Sie sehen die Welt mit einem monoskopischen Tunnelblick, der gleichsam zur Waffe wird.

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Softmachine, 2015. BILD: Philip Madill

Eine neuere Arbeit zeigt das Porträt einen jungen Mannes, dessen Gesicht sich hinter einer maskenhaften Vorrichtung verbirgt. Zwei Kreise, ein Balken und eine Zickzacklinie deuten an, dass dahinter Augen, Nase und Mund versteckt sind. Madills Zeichnung beschwört eine Gesellschaft und Zeit herauf, aus der Gesichter und damit auch die Menschlichkeit verschwunden sind.

Ideologien als virtuelle Realitäten

Doch es wäre fälsch, in Madills Bildern eine Kritik neuer Technologien zu sehen. Dem Künstler geht viel mehr darum, an die Gefahr des Totalitarismus zu erinnern. Indem er sich eines Anachronismus bedient, also Gegenstände in eine Zeit versetzt, in der sie noch gar nicht existiert haben können, macht er auf einen zeitlich unabhängigen, universal geltenden Umstand aufmerksam: dass die Menschen damals wie heute in Weltbildern, also virtuellen Realitäten, gefangen sind. Nicht von ungefähr greift Madill auf Bilder aus der Zeit des Kalten Kriegs zurück, die besonders belastet war durch Ideologien.

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Unwelten, 2011. BILD: Philipp Madill

Die Werkreihe, aus der die Zeichungen stammen, trägt den Titel “Virtual Continuum”. Dieser Titel deutet zweierlei an: Erstens, dass wir uns in einem Prozess der Aufklärung befinden, der niemals abgeschlossen sein wird und folglich denselben ideologischen Täuschungen erliegen können wie frühere Generationen. Zweitens, dass die Grenzen zwischen dem Realen und Virtuellen fließend sind. Von genau diesem Aspekt einer Mixed Reality zeigt sich Madill bei seiner Arbeit fasziniert.

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Observation Room, 2013. BILD: Philip Madill

Die Vergangenheit wirkt mitunter realer als die Gegenwart, weil sie abgeschlossen ist und hinter uns liegt. Was einst in Bewegung war, hat feste Umrisse erhalten und wird zu einem Zeitdokument, das für Authentizität bürgt. Indem Madill seine Dystopie in die Vergangenheit projiziert und Altbekanntes durch Neues ergänzt, wirkt diese umso echter – und unheimlicher.

Virtual Continuum besteht aus 16 Graphitzeichnungen, die Madill 2013 in der neuseeländischen Stadt Dunedin ausstellte. Weitere Zeichnungen aus der Werkreihe, sowie andere Arbeiten findet man auf Madills Blog.


| Featured Image: Philip Madill

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