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Earth VR mit Street View: Ihr wolltet die Killer-App? Hier habt ihr sie

von Matthias Bastian16. September 2017

Mit Earth VR für HTC Vive und Oculus Rift veröffentlichte Google beinahe im Vorbeigehen die beste App, die es aktuell für eine VR-Brille gibt. Keine andere Anwendung zeigt so gut und auf so vielen Ebenen, wozu Virtual Reality in der Lage ist. Aber das allein wäre noch zu kurz gedacht: Earth VR ist vielleicht die wichtigste und ambitionierteste Computeranwendung überhaupt, denn Google baut die nächste große Technologie zur Weltenerkundung.

Zweifellos war Googles Earth-App schon immer ein Hingucker, egal ob auf dem Monitor oder dem Smartphone. Aber erst wenn die digitalisierte blaue Kugel den flachen 2D-Monitor verlässt und sich die beeindruckendsten Skylines und die schönsten Naturwunder dieser Erde wie eine gigantische Modellbauumgebung im eigenen Zuhause ausbreiten, entfaltet Googles Digitalwelt ihr volles Potenzial.

Diese These ist leicht zu begründen: Google Earth soll die Wirklichkeit abbilden, so exakt wie möglich. Und die analoge Welt klebt nun mal nicht auf einem flachen Pixeldisplay und wird mit Maus und Tastatur bedient. Sie ist dreidimensional, räumlich und die Schnittstelle zur Welt ist unser eigener Körper. VR-Technologie ist als einziges Medium dazu imstande, die Nutzererfahrung der wirklichen Welt digital wiederzugeben.

Über sich selbst hinauswachsen im Wortsinn

Die Google-App beweist eindrücklich, wie herausragend die VR-Brille darin ist, Dimensionen zu verdeutlichen und Perspektivwechsel zu ermöglichen. Wie Godzilla stapfe ich durch die Hochhauslandschaft meiner neuen Heimatstadt Frankfurt und klopfe in der obersten Etage der Europäischen Zentralbank an.

Ich blinzle kurz und stehe in Menschengröße vor den Eingangstoren des Bankerdenkmals. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und schaue nach oben. Mit einer Hand deute ich in den Himmel und auf meine Geste hin geht die Sonne über Frankfurt unter und wieder auf.

Nur VR-Technologie kann die Nutzererfahrung der wirklichen Welt digital wiedergeben.

Im nächsten Moment schwebe wie ein Vogel über der Stadt, über Deutschland, über Europa und im All über der ganzen Welt. Sie liegt vor mir und wartet darauf, erkundet zu werden.

Das Eintauchen in Google Earth VR ist ein so meditatives Erlebnis, dass ich längst vergessen habe, dass ich eigentlich nur in meinem Arbeitszimmer stehe mit einem unförmigen Stück Plastik auf dem Kopf.

VR-Erlebnis mit Nachwirkungen

Meine Wahrnehmung lässt sich von dem Gefühl, gigantisch groß zu sein, völlig übertölpeln und gewöhnt sich schnell daran. Nachdem ich die VR-Brille schon lange ausgezogen habe, erscheint mir meine reale Umgebung noch immer wie eine Spielzeugwelt. So als würde ich – trotz normaler Größenverhältnisse – gerade durch eine Modellbauversion meiner Wohnung spazieren. Mein Gehirn ist offenbar nachhaltig beeindruckt von dem, was es gerade erlebt hat.

Später am Tag gehe ich erstmals zum Postamt ein paar Straßen weiter. Die Route dorthin habe ich zuvor bei Earth VR ausgeschaut. Das Postamt liegt direkt neben einem kleinen Park. Als ich den erreiche, habe ich ein Déjà-vu-Erlebnis – ich war schon mal da.

Weltenerkundung der nächsten Generation: Earth VR mit Street View

Durch die Verschmelzung von Earth VR mit Street View verwischt Google die Grenzen zwischen virtuellem 3D-Modell und der realen Welt. Während man mit der einen Hand durch die digitalisierte Umgebung navigiert, stülpt man sich mit der anderen Hand eine 360-Fotosphäre über den Kopf, die den Blick auf die reale Umgebung erlaubt.

 

Earth VR zeigt dabei eigenständig geographisch zum Digitalstandort passende Panoramen an. Sofern entsprechenden Fotos vorliegen, können sogar Gebäude betreten werden. Erst durch diese Integration realer Bilder in das ansonsten eher abstrakte 3D-Modell von Earth VR fühlt sich die VR-Erfahrung komplett an.

Mit der Street-View-Integration beweist Google erneut, dass die Brillanz eines natürlichen und intuitiven Virtual-Reality-Interfaces verstanden wurde. Der Wechsel zwischen 3D-Modell und Realbild erfolgt nahtlos, keine Ladezeiten oder Ruckler stören die Erfahrung.

Für die Menschheit ist Virtual Reality zweifelsohne die nächste große Technologie zur Weltenerkundung.

In Windeseile bewegt man sich so von Ort zu Ort, erkundet riesige Großstädte wie New York oder Tokyo aus der Vogel- und der Menschenperspektive, fliegt in einem Wimpernschlag zurück in die Kindheit, an den schönsten Urlaubsort und die entlegensten Naturdenkmäler.

Kaum eine andere VR-App bedient sich so flüssig und einfach wie Earth VR und das obwohl der Inhalt so unglaublich komplex ist. Das ist die Magie dieser Anwendung.

Earth VR wird beinahe von selbst besser

Die Entwicklung von Earth VR steht zwar technisch noch ganz am Anfang. Das Gerüst, auf dem Google aufbaut, ist jedoch stabil und wächst dank der Entwicklung neuer Aufnahmeverfahren wie von selbst.

Immer mehr Menschen nutzen 360-Grad-Kameras, die zukünftig neben Bilddaten auch 3D- und Rauminformationen aufzeichnen. Videos, Livestreams und gerenderte Umgebungen dürften auf diesem Wege über kurz oder lang ebenfalls den Weg in den Google-Service finden.

Hinzu kommen all jene Geräte, die autonom die Welt digitalisieren und 3D-Modelle ihrer Umgebung erstellen, vom selbstfahrenden Auto bis zum Staubsaugerroboter. Diese Entwicklung schafft eine völlig neue Datengrundlage für Earth VR.

Außerdem werden VR-Abspielgeräte immer besser: Höhere Auflösungen und weitere Sichtfelder sorgen dafür, dass das Eintauchen in die virtuelle Version unserer Erde zukünftig noch überzeugender wird.

Atlas, Globus, Earth VR

In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird die Menschheit kollektiv jedes Detail dieser Erde digital dokumentieren und so ein virtuelles Paralleluniversum der realen Welt erschaffen. Ein Service wie Earth VR ist die Sammelstelle, bei der ein Unternehmen wie Google die vielen kleinen Puzzleteile zusammenführt, die die Nutzer zur Verfügung stellen.

In einigen Jahren dürfte der Besuch eines Ortes in Earth VR audiovisuell kaum mehr von einem realen Trip zu unterscheiden sein. Diese Vision ist kein Hirngespinst, sondern bedarf nur einer linearen Fortentwicklung aktuell verfügbarer Technologien. Dass das passiert, ist absehbar.

Mit Earth VR entsteht die Infrastruktur für eine neue Art Inhalt, der eines Tages so gigantisch sein wird, dass er die derzeitige Vorstellungskraft sprengt. Wie hätte wohl ein Erfinder und Entdecker wie Galileo Galilei auf diese neuen Möglichkeiten reagiert? Für die Menschheit ist Virtual Reality zweifelsohne die nächste große Technologie zur Weltenerkundung.

Hinweis: Dieser Artikel wurde zuerst am 20. November 2016 nach der Veröffentlichung von Earth VR publiziert. Am 14. September 2017 veröffentlichte Google ein Update für Earth VR mit Street-View-Integration. Außerdem ist die App seit Sommer auch für Oculus Rift verfügbar. Der Artikel wurde aktualisiert, um diese Neuerungen zu berücksichtigen und zu beschreiben.

| Featured Image: Google Inc.

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