2

Eingesperrt in Virtual Reality: Isolationshaft auf 6×9 Meter

von Carolin Albrand28. April 2016

Als Experiment bezeichnet “The Guardian” die VR-Erfahrung “6×9”. Für knapp neun Minuten muss man es ertragen, in einer virtuellen Zelle eingesperrt zu sein.

Und diese neun Minuten reichen aus, um für einen kurzen Moment zu spüren, wie in der kleinen Zelle die Wände näherkommen und die Decke drückt. “Man hat hier drin viel Zeit. In der Nacht ist das besonders schlimm. Die Selbstmordrate ist sehr hoch”, höre ich eine Stimme sagen. Die Stimme muss es wissen, denn sie gehört zu einem ehemaligen Häftling, der selbst lange in Isolationshaft saß. Ein Schicksal, das er mit über 80.000 US-Häftlingen teilt, die jeden Tag 23 Stunden auf wenigen Quadratmetern mit sich alleine sind. In dieser Zelle kann man schlafen, essen, trainieren und putzen. Sonst nichts. Ein dickes Buch, das ist wie ein Sechser im Lotto, sagt die Stimme.

Mit “6×9” möchte “The Guardian” auf das Schicksal dieser Häftlinge aufmerksam machen. “Das Ziel von 6×9 ist es, mittels immersivem Journalismus zu demonstrieren, wie die Isolationshaft die Psyche von Häftlingen verändert”, heißt es in der Ankündigung. Dafür arbeitete das britische Magazin eng mit “Solitary Watch” zusammen, einer US-Organisation, die Häftlinge betreut, die über Jahre hinweg isoliert wurden und jetzt mit den psychischen Folgen zu kämpfen haben. Auszüge aus den Interviews, die die Journalisten im Vorfeld führten, sind in der App zu hören und mit passenden Bildern unterlegt. Einige Szenen sind interaktiv und reagieren auf die Blicke des VR-Nutzers.

“6×9: A virtual experience of solitary confinement” ist kostenlos für Google Cardboard (Android & iOS) und Samsung Gear VR verfügbar. Mehr Informationen zum Experiment und zum Download gibt es hier. Trotz der technischen Limitierung der mobilen VR-Brillen und obwohl das Medium noch in den Kinderschuhen steckt, entfaltet “6×9” seine beklemmende Atmosphäre bereits. Wer sich für außergewöhnliche VR-Erfahrungen abseits von Entertainment interessiert, für den lohnt sich der Download auch für die mobile VR-Brille.

Ungleich wirkungsvoller dürfte die Anwendung als “Room-Scale-VR”-Erfahrung für ausgereifte VR-Brillen sein, mit denen man sich in der Zelle bewegen und tatsächlich als Insasse und nicht nur als Beobachter fühlen kann. Eine Umsetzung für HTC Vive und Co. ist zwar noch nicht angekündigt, das wäre aber verschenktes Potenzial. Eine Portierung sollte relativ einfach machbar sein, denn die realistisch gerenderte Umgebung wurde komplett mit Unity erstellt. Ohnehin möchte “The Guardian”, so wie zahlreiche andere große Medienhäuser auch, zukünftig noch mehr die Potenziale der immersiven Berichterstattung erforschen. Und das Potenzial, das “6×9” andeutet, ist immens.

| Source: The Guardian | Featured Image: The Guardian