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Eltern können ihr ungeborenes Baby mit der VR-Brille ansehen

von Matthias Bastian22. November 2016

Die Anwendungsszenarien für Virtual Reality werden immer ausgefallener. In Brasilien können sich Eltern einen 3D-Scan ihres ungeborenen Kindes lebensecht durch die VR-Brille ansehen.

Kreiert werden die 3D-Modelle mit einer Kombination aus bildgebenden Verfahren wie Ultraschall und der Magnetresonanztomographie. Sowohl der Bauch der Mutter als auch das Neugeborene werden gescannt und die Daten in einem hochauflösenden 3D-Modell zusammengeführt. So können die werdenden Eltern ihrem Kind zumindest durch die VR-Brille recht nahekommen im Vergleich zu herkömmlichen 2D-Aufnahmen.

Allerdings dient das neue Scanningverfahren nicht alleine dem Zweck, Eltern zu entzücken. Es soll auch für die Diagnose und in der Lehre eingesetzt werden. Das Innenleben des Fötus inklusive dem Herzschlag und der Atemwege wird detailliert visualisiert.

Auch die inneren Organe des Fötus können visualisiert und virtuell untersucht werden. Bild: RSNA

Auch die inneren Organe des Fötus können visualisiert und virtuell untersucht werden. Bild: RSNA

Flug durch die Atemwege auf der Suche nach Auffälligkeiten. Bild: RSNA

Flug durch die Atemwege auf der Suche nach Auffälligkeiten. Bild: RSNA

Guck mal, wer da glotzt

“Die Arbeit mit Oculus Rift ist wundervoll”, sagt Dr. Heron Werner von der Klinik in Rio, an der das Verfahren ausprobiert wird. “Die Bilder sind deutlich schärfer und klarer als Ultraschallbilder und MR-Aufnahmen, die mit einem herkömmlichen Display angesehen werden.”

Ärzte könnten beispielsweise Auffälligkeiten an den Atemwegen besser erkennen, glaubt Werner. Mit der VR-Brille können sie die gesamte Länge der Atemwege untersuchen und ein- und auszoomen, indem sie ihren Kopf bewegen.

Laut Werner könnte die neue Untersuchungsmethode dazu beitragen, die interdisziplinäre Forschung zu seltenen Krankheitsbildern zu fördern. Außerdem könnte sie für ein besseres Verständnis bei Eltern sorgen, wenn das eigene Kind von einer Krankheit betroffen ist und unmittelbar nach der Geburt eine Operation erforderlich wird.

“Es ist eine aufregende Arbeit mit dem potenziellen Vorteil, dass man Auffälligkeiten bei ungeborenen Babys akkurater diagnostizieren und früher korrigieren kann”, bestätigt Professor Charles Kingsland vom Fertility Center Liverpool gegenüber The Telegraph.

Prof. Eberhard Merz, Vorsitzender der Fetal Medicine Foundation Deutschland und Leiter eines der größten Ultraschallzentren, sieht die neue Methode skeptisch. “Die Fälle, in denen zusätzliche MRT-Daten hilfreich sind, etwa um bestimmte Migrationsstörungen im Gehirn zu untersuchen, liegen im Promille-Bereich.” Ein weiterer Nachteil sei es, dass die Methode noch sehr teuer ist. Bis zu 1.000 Euro sollen für so einen 3D-Scan anfallen.

Die brasilianische Klinik hat das Scanningverfahren bereits für die Diagnose eingesetzt, darunter auch Fälle, bei denen eine Operation notwendig war. Im kommenden Jahr soll die Technologie noch umfangreicher genutzt werden. Eine Animation des 3D-Scans kann man hier ansehen.

| All Images: Radiological Society of North America | Source: RSNA