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„Es werden Dinge erfunden, die wir nicht vorhersehen können“

von Tomislav Bezmalinovic16. September 2016

Vor Kurzem fand in San Francisco die Techcrunch Disrupt Conference statt. Einer der Gäste: Neal Stephenson. Der Sci-Fi-Autor veröffentlichte 1992 mit “Snow Crash” einen Roman, der unsere Vorstellung einer Zukunft, in der virtuelle Realität zum Alltag gehört, maßgeblich geprägt hat. 

Im Gespräch mit Moderator John Biggs äußerte sich der Schriftsteller, der mittlerweile bei Magic Leap als Zukunftsforscher und Ideengeber arbeitet, über Dystopien, das Faszinierende an neuen Technologien und die Schwierigkeit von Prognosen.

John Biggs: Was fasziniert uns an düsteren Zukunftsszenarien?

Neal Stephenson: Ich habe meine Karriere damit begonnen, über Dystopien zu schreiben. Mittlerweile bin ich dessen etwas müde geworden. Ich glaube nicht, dass Dystopien immer noch den Zweck erfüllen, den sie früher einmal hatten. Ich halte es heute für konstruktiver, wenn wir uns Gedanken darüber machen, wie man verhindern kann, dass wir in eines Tages in einer Dystopie aufwachen.

“Die Veränderung wird uns selbst langsam vorkommen, während sie passiert, aber rasend schnell, wenn wir zurückblicken.”

John Biggs: Werden die Leute im Saal in fünf Jahren unser Gespräch von zu Hause aus per VR-Brille mitverfolgen, anstatt hier zu sitzen?

Neal Stephenson: Wenn wir uns Filme anschauen, die in den 90er-Jahren gedreht wurden, kann man leicht vergessen, dass sie 20 Jahre alt sind – bis man jemanden sieht, der ein gigantisches Telefon benutzt oder vor einem Monitor sitzt, der so groß ist wie ein Auto. Dann fällt uns wieder ein, dass wir diese Technologien zu nutzen pflegten und dass sie sich veränderten, ohne dass wir es merkten. In zehn bis 20 Jahren werden die Leute ähnlich reagieren, wenn sie Filme aus unserer Zeit sehen. Die Veränderung wird uns selbst langsam vorkommen, während sie passiert, aber rasend schnell, wenn wir zurückblicken.

John Biggs: Was fasziniert Sie an den neuen Technologien, an der virtuellen und erweiterten Realität? Glauben sie, dass eines Tages alle Menschen diese Brille tragen werden?

Neal Stephenson: Ja, ich glaube, dass es darauf hinausläuft. Es ist schwer in einem Medium wie dem Film kreativ zu sein, bei dem bereits jeder weiß, was funktioniert und was nicht. Es gibt aber Momente in der Geschichte, in denen ein neues Medium erscheint und man neu anfangen und erst herausfinden muss, wie das neue Medium funktioniert. Heute ist ein solcher Moment.

John Biggs: Wie wird dieser Raum in 20 Jahren aussehen?

Neal Stephenson: [Auf die anwesenden Journalisten im Publikum blickend] Jetzt gerade sehe ich eine Milchstraße von kleinen, weißen Äpfeln vor mir. Ich habe auch einen kleinen weißen Apfel in meinem Hotelzimmer. Ich liebe ihn. Er ist toll.

Aber man kann sagen, dass all dies eine soziale Auswirkung hat, die das Gegenteil davon ist. Menschen können so fixiert sein auf ihr Telefon oder ihren Laptop, dass sie nicht mehr aufschauen und mit anderen Menschen interagieren. Ich hoffe, wir finden einen Mittelweg: dass wir immer noch Zugang haben zu all den Informationen, die im Internet verfügbar sind, aber diesen Zugriff auf eine sozialere und gemeinschaftlichere Art und Weise pflegen und zurückfinden zur Gewohnheit sich gegenseitig anzuschauen.

“Man muss vorbereitet auf den Umstand, dass brillante Leute kommen und Dinge erfinden werden, die wir nicht vorhersehen können.”

John Biggs: Welche Technologien werden auf uns zukommen?

Neal Stephenson: Es werden zuerst und eine Zeit lang Werkzeuge sein und dann werden Technologien entstehen, die man unmöglich vorhersehen kann. Ich habe mit “Snow Crash” selbst bewiesen, dass Vorhersagen schwierig sind. Unsere Welt ist ganz anders geworden, als ich es in meinem Buch beschrieben habe.

Ich verwendete damals das Fernsehen als Grundlage dafür, wie sich Computergrafiken entwickeln würden. Das passierte allerdings nicht. Stattdessen vollzog sich diese Entwicklung über das Medium der Computerspiele. Man muss vorbereitet sein auf den Umstand, dass brillante Leute kommen und Dinge erfinden, die wir nicht vorhersehen können.

| Featured Image: Techchrunch (Screenshot bei YouTube)