0

Gefühlt 74: Wie Virtual Reality unser Mitgefühl für Senioren wecken soll

von Matthias Bastian4. Juni 2016

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Und mit dem Alter kommt meist auch ein erhöhter Bedarf an Zuwendung und Pflege. Virtual Reality soll uns beibringen, wie sich das aus der Perspektive der Senioren anfühlt.

Alfred ist 74. Er hört nicht mehr gut und leidet unter einer Makuladegeneration – ein schwarzer Fleck im Blickfeld behindert seine Sicht. Außerdem zittert er, das ist altersbedingtes Parkinson. So ist das halt, wenn man älter wird, das gehört dazu, denken sich viele junge Menschen und machen sich dabei wenige Gedanken darüber, wie es sich für den betroffenen Menschen anfühlt.

Das Entwicklerstudio “Embodied Lab” möchte mittels einer Virtual-Reality-Anwendung diese Denkhaltung ändern. Denn der Alfred, wie ich ihn oben beschrieben habe, existiert nur rein virtuell. Ein ausgedachter Charakter, der unter typischen altersbedingten Krankheiten leidet und in dessen Haut man schlüpft, indem man eine VR-Brille aufsetzt.

In insgesamt sechs Szenarien, die jeweils um die sieben Minuten dauern, muss der VR-Brillenträger alltägliche Situationen im Leben von Alfred meistern. Dazu gehört beispielsweise die Geburtstagsfeier mit der Verwandtschaft oder ein Arztbesuch. Die VR-Anwendung simuliert dabei die Gebrechen des Seniors, beispielsweise wird ein schwarzer Fleck ins Sichtfeld eingeblendet, so dass man Gesichter nicht mehr richtig erkennen und zuordnen kann. Die Hände, die mit der 3D-Kamera Leap Motion in VR übertagen werden, zittern und verschütten den Inhalt eines Weinglases. Den Arzt, der wichtige Dinge zum gesundheitlichen Zustand erklärt, versteht man kaum, da er zu leise und zu schnell spricht für die eigene eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit. Hinterher kann man sich an die Anweisungen des Doktors nicht mehr erinnern.

Die App soll insbesondere jungen Medizinstudenten beibringen, achtsamer mit älteren Patienten umzugehen. “Medizinstudenten sind meist um die 20 Jahre alt und kennen diese Herausforderungen noch nicht. Mit der Anwendung ermöglichen wir ihnen, den Alterungsprozess zu erfahren”, sagt Carrie Shaw, die das Programm gemeinsam mit Kollegen erdacht hat und selbst noch an der Universität Chicago studiert – biomedizinische Visualisierung. “Unserer Gesellschaft wird immer älter, wir brauchen mehr junge Menschen, die Berufe ergreifen, in denen sie mit älteren Menschen arbeiten.”

Ein ähnliches Projekt mit dem Ziel, Empathie zu wecken, gibt es auch für Angehörige von Migränepatienten. In Virtual Reality sollen Nichtbetroffene den Unterschied zwischen einfachen Kopfschmerzen und Migräne am eigenen Leib erfahren. Zum Launch des Migränesimulators konnten Migränepatienten gezielt Mitmenschen auswählen, die die Simulation durchlaufen sollten.

| Featured Image: Embodied Labs