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Eintauchen in eines der mysteriösesten Kunstwerke – “Bosch VR” ausprobiert

von Tomislav Bezmalinovic30. Januar 2017

In “Eye of the Owl” besucht man das Atelier des niederländischen Malers Hieronymus Bosch, der vor fünfhundert Jahren eines der faszinierendsten und zugleich rätselhaftesten Werke der Kunstgeschichte schuf: “Der Garten der Lüste”. Mit Hilfe von Virtual Reality lässt sich das monumentale Triptychon auf eine Art und Weise betrachten, die bisher nicht möglich war. Ein virtuelles Alter Ego des Künstlers führt einen derweil in die reichhaltige Motivik des Werks ein.

Boschs Gemälde besteht aus drei Teilen. Das mittlere Bild zeigt eine Vielzahl menschlicher Figuren, die ausgelassen den sinnlichen Freuden irdischen Daseins frönen. Links und rechts ist es von Darstellungen des Paradieses und der Hölle gerahmt. Was an dem Werk ganz besonders beeindruckt, ist die überquellende Fülle an Motiven und Details. Es ist dermaßen reich an Bildideen, dass es genug Material für mehrere Dutzend Einzelgemälde bieten könnte.

Erst in der Virtual Reality wird man sich dieser Dichte an Motiven und Details voll und ganz bewusst. Betrachtet wird das Bild in einer Rekonstruktion von Boschs Atelier. Dank dem raumfüllenden Tracking von HTC Vive kann man sich dem Werk, das im Original zwei Meter hoch und zwei Meter lang ist, ganz natürlich nähern. Der Vive-Controller wird zu einer riesigen Lupe, die zwei Vergrößerungsstufen bietet.

Hält man diese über das Gemälde, erkennt man selbst kleinste Details. Für das virtuelle Gegenstück des Kunstwerks wurde vom Original ein hochauflösender Scan angefertigt, der selbst einzelne Pinselstriche und altersbedingte Risse in der Farbe erkennen lässt.

Bosch erklärt sein Kunstwerk

Ein virtuelles Alter Ego des Künstlers ist ebenfalls anwesend und kommentiert sein Werk. Einige der Motive sind markiert und können mit dem Vive-Controller aktiviert werden. Dann erzählt der Künstler etwas zu dem ausgewählten Motiv. Man selbst wird währenddessen auf die Größe einer Maus geschrumpft, so dass die menschlichen Figuren in Lebensgröße vor einem aufragen.

Das ist ein beeindruckender Effekt, bei dem man mitunter das Gefühl bekommt, man sei selbst ein Teil des sündigen Reigens. Diese Illusion wird durch künstliche Geräuschquellen verstärkt, sodass man zum Beispiel das Geflüster einer eng beieinanderstehenden Gruppe hört.

Die Ausführungen des virtuellen Hieronymus Bosch sind insofern hilfreich, als sie Details der Motive hervorheben, die einem selbst vermutlich nicht auffallen würden. Störend hingegen ist, dass Boschs Alter Ego das Gemälde interpretiert. Von Bosch sind keine Schriften überliefert, in denen er auf sein Werk Bezug nimmt. Außerdem wirft dessen Malerei bis heute Fragen auf. Dem Betrachter sollte deshalb keine Interpretation aufgedrängt werden – insbesondere nicht aus dem Mund einer virtuellen Figur, die Bosch repräsentiert. Stattdessen sollte der Betrachter ermutigt werden, sich seine eigene Gedanken zu machen.

Unnötige Effekthascherei

Unnötig sind auch die visuellen Effekte, die dem Gemälde hinzugefügt werden. So wurde im rechten Flügel, bei der Darstellung der Hölle, eine dreidimensionale Animation über einige der gemalten Flammen gelegt, sodass es aussieht, als würde das Feuer tatsächlich brennen und im linken Flügel fliegen Taubenschwärme aus dem flachen Gemälde in den dreidimensionalen Raum. Wahrscheinlich sollte dem Gemälde damit der Anschein von Lebendigkeit gegeben werden – eine Qualität, die das Werk ohnehin besitzt.

Mit Hilfe von Virtual Reality lässt sich Boschs Kunstwerk auf eine Weise erleben, die bisher nicht möglich war: Fährt man das Gemälde mit der Lupe ab, entdeckt man eine Unzahl an Szenen und Geschichten und sieht man die Figuren in Lebensgröße vor sich, hat man den Eindruck, man sei selbst ein Teil des Bildes.

Allerdings wünsche ich mir, dass sich das bunte Drumherum in einer zukünftigen Version abschalten lässt. Das Atelier, das virtuelle Alter Ego des Malers, die Geräuschquellen und die visuellen Effekte schaffen zwar eine Atmosphäre, aber sie lenken auch vom Kunstwerk ab oder fügen ihm etwas hinzu, das es nicht braucht.

“Eye of the Owl – Bosch VR” ist als Early-Access-Titel kostenlos auf Steam erhältlich und unterstützt sowohl HTC Vive als auch Oculus Rift. Die offizielle Internetseite des Projekts findet man hier.

| Featured Image: VRX

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