HTC Vive: Everest VR im Test – Ist der Gipfel der Virtuellen Realität erreicht?
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HTC Vive: Everest VR im Test – Ist das der Gipfel der Virtuellen Realität?

von Tomislav Bezmalinovic9. August 2016

Mit Everest VR ist einer der meisterwarteten Titel für HTC Vive erschienen. Das Erstlingswerk des isländischen Kleinstudios Sólfar will ein Stück weit erfahrbar machen, was es heißt, den Mount Everest zu besteigen. Ist das ein zu hoch gestecktes Ziel?

Das Tutorial beginnt vielversprechend. Man findet sich in einem halbtransparenten Raum wieder, dessen Konturen aus grün leuchtenden Datenströmen bestehen und lernt mit Hilfe eines digitalen Instrukteurs die Werkzeuge des Bergsteigers kennen. Man verstaut einen Eispickel im Rucksack, übt den Umgang mit Steigklemmen und Karabinerhaken und erklimmt eine Leiter. All das geht mit den Vive Controllern erstaunlich gut von der Hand. Am Ende des Tutorials angelangt, winkt man dem Instrukteur zu und signalisiert damit, dass man bereit ist für das Abenteuer.

Über den Gipfeln des Himalaya

Im nächsten Augenblick findet man sich in einem dunklen Raum vor einer Leinwand wieder. Sie zeigt aus der Luft und in bewegten Bildern den Mount Everest und man vernimmt eine Stimme, die von der Geschichte des Bergs erzählt.

Daraufhin folgt einer der anmutigsten Momente von Everest VR, als das Dunkel um die Leinwand herum verschwindet und den Rundumblick auf die Umgebung freigibt. Wenn man in diesem Augenblick vom Film in die Virtuelle Realität wie durch ein Fenster in eine andere Welt hinübergelangt, dann ist das, als wäre einem der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Man schnappt nach Luft, während man sich in schwindelerregender Höhe und über den Gipfeln des Himalayas schwebend wähnt.

Grafisch gehört Everest VR zum Beeindruckendsten, das VR bis dato zu bieten hat.

Der Mount Everest und das umliegende Gebirge wurde von Sólfar detailgetreu rekonstruiert. Hierfür wurden über 300.000 hochaufgelöste Aufnahmen des Bergmassivs per Photogrammetrie zu einem dreidimensionalen Modell vernäht. Das Ergebnis ist eine gestochen scharfe, wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des Daches der Welt. Grafisch gehört das zum Beeindruckendsten, das VR bis dato zu bieten hat.

Kaum Bewegungsfreiheit und Interaktion

Nach dieser imposanten Eingangssequenz gelangt man zum Basislager, dem Ausgangspunkt des Aufstiegs. Das Basislager ist eine von fünf Stationen auf dem Weg zum Gipfel, an welchen man sich frei bewegen und mit der Umgebung interagieren kann, beides jedoch äußerst eingeschränkt.

Hier tritt die erste Ernüchterung ein. So lässt sich das Basislager nicht erkunden, da man nicht mehr als drei Schritte tun kann und auch das Teleportieren funktioniert nicht außerhalb der Grenzen des eng abgesteckten Bewegungsraumes.

Der gebotene Grad an Interaktion lässt ebenso zu wünschen übrig. Die Interaktionsmöglichkeiten im Basislager beschränken sich darauf, seine Bergsteigerausrüstung einzupacken und eine Puja-Zeremonie nach der Weise der Sherpas durchzuführen, indem man den Göttern etwas Essbares auf einen steinernen Altar legt. Das ist genau ein Handgriff.

Die weiteren Stationen führen über den Khumbu-Gletscher und die steile, westliche Flanke des benachbarten Lhotse hoch zu Camp 4 und über den schmalen Hillary Step zum Gipfel des Mount Everest. Alle Stationen werden, wie das Basislager, durch einen Flug über das erhabene Bergmassiv eingeführt und durch eine Erzählerstimme begleitet. So wechseln sich erzählerische mit interaktiven Passagen ab.

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Der Aufstieg von Camp 4 startet mitten in der Nacht. Bild: Solfar Studios

Verschenktes Potenzial

Leider bestätigt sich bei den übrigen vier Stationen der durchwachsene Eindruck, den man bereits im Basislager gewinnen konnte. Zwar hat man zuweilen einen etwas größeren Bewegungsradius, aber dann fehlen schlicht die Objekte oder Details, für die es sich lohnen würde, das künstliche begrenzte Areal zu erkunden oder etwas genauer hinzusehen.

Zudem werden die im Tutorial vorgestellten Möglichkeiten, mit der Welt von Everest VR zu interagieren, nicht ansatzweise ausgeschöpft, da sie danach kaum einmal zum Einsatz kommen: etwa beim Überqueren einer Gletscherspalte oder beim Erklimmen eines Vorsprungs.

Wer den Nervenkitzel am Hang oder gar eine Alternative zu Spielen wie Edge of Nowhere oder The Climb sucht, der wird enttäuscht sein.

Es macht ganz den Eindruck, als hätte Sólfar mit diesen Mechaniken noch mehr im Sinne gehabt, mangels Zeit und Budget aber darauf verzichtet, sie tiefer ins Geschehen zu integrieren. Auch mit den etwas steif animierten menschlichen Figuren gibt es kaum Interaktion. So verkommen die Stationen, die ja eigentlich den Kern von Everest VR bilden sollten, zu leblosen Kulissen und die darin enthaltenen Figuren und Gegenstände zu bloßer Staffage. Daran vermag auch das realistisch animierte Schneegestöber wenig zu ändern.

Da es an den Stationen nichts zu tun gibt und man nach wenigen Minuten weiter möchte, erreicht man den Gipfel des Everest bereits nach einer halben Stunde und ohne einmal außer Atem gewesen zu sein. Das ist zu wenig. Zu wenig, um einem das Gefühl zu geben, sich auf einer Reise befunden und ein Ziel erreicht zu haben, aber auch zu wenig, um den hohen Preis zu rechtfertigen: Everest VR schlägt bei Steam mit 23 € zu Buche. Immerhin wird nach Erreichen des Gipfels noch der “Godmode” freigeschaltet. Hier kann man sich, einem Gott gleich und selbst so groß wie ein Achttausender, frei um das dreidimensionale Modell des Mount Everest und das umliegende Gebirge herumbewegen und die zahlreichen Details der Eislandschaft bewundern.

Everest VR ist kein Spiel

Laut Aussagen des Entwicklers wurde Everest VR als eine interaktive Erfahrung konzipiert, welche besonders VR-Neulingen die Möglichkeiten des Mediums demonstrieren soll. Ein Vergleich zu theBlu drängt sich auf, welches ebenfalls aus einer Anzahl animierter Szenen besteht, die vor allem optisch beeindrucken, aber wenig Interaktion bieten. Oder das touristisch motivierte Realities, das Ausflüge an real existierende, per Photogrammetrie rekonstruierte Orte möglich macht. Allerdings kostet theBlu weniger als die Hälfte von Everest VR und Realities ist sogar kostenlos zu haben.

Wer den Nervenkitzel am Hang oder gar eine Alternative zu Spielen wie Edge of Nowhere oder The Climb sucht, der wird enttäuscht sein. Everest VR ist leider nicht mehr als eine durchaus eindrucksvolle Technikdemo, die sich in ihrem Anspruch, die Besteigung des Mount Everest ein Stück weit erfahrbar zu machen, ordentlich versteigt. Aufgrund des hohen Preises und des dürftigen Inhalts dürfte das Programm am Ende nur etwas für gut betuchte VR-Enthusiasten oder Fans des Mount Everest sein.

| Featured Image: Sólfar Studios