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HTC Vive Review: Fazit der US-Medien

von Matthias Bastian5. April 2016

Nachdem Oculus Rift in den US-Medien tendenziell zwar positiv, aber längst nicht unkritisch bewertet wurde, ist der Vergleich zum direkten Wettbewerber HTC Vive besonders spannend. Wie schlägt sich die “Room-Scale”-Brille in den Tests?

Der größte Kritikpunkt der englischsprachigen Medien an Oculus Rift war eindeutig das mutlose Interface. Statt 3D-Controllern gibt es bei der Rift-Brille nur ein klassisches Gamepad als Dreingabe, die Oculus-Touch-Controller erscheinen erst Ende des Jahres. HTC Vive bietet dieses Feature von Anfang an und könnte so zum Liebling vieler Tech-Journalisten werden. Wir wühlen uns durch das Meinungsdickicht der zahlreichen Testberichte und fassen die wichtigsten Pro- und Contra-Argumente aus den US-Medien zusammen. Unser Meta-Review zu Oculus Rift gibt es hier.

HTC Vive im Vergleich zu Oculus Rift – welche VR-Brille kommt besser an?

Setup

Neben dem hohen Einstiegspreis wird das aufwendige Setup als größter Minuspunkt genannt. Ein Tester von Destructoid beschreibt den Aufbau der VR-Brille als komplex im Vergleich zu Oculus Rift. Neben der Verkabelung müssen gleich zwei Trackingboxen im Raum untergebracht werden. Das sehen auch andere Tester ähnlich, beispielsweise bezeichnet Polygon den Aufbau der Basisstationen als “absolut schrecklich” (Gizmodo benutzt exakt die gleiche Wortwahl), die Brille sei im Vergleich zu Oculus Rift deshalb deutlich weniger mobil. Und auch die New York Times nennt die Bastelei mit den Trackingboxen als großen Nachteil. “Das ist VR auf Enthusiasten-Niveau, hier wird Einfachheit gegen maximale Qualität getauscht”, schreibt CNET.

Die zahlreichen Kabel stören die Tester ebenfalls. Time.com spricht zwar von “hypnotischen VR-Erlebnissen”, die aber den Nachteil hätten, dass “überall Kabel herunterhängen, die einen in Virtual Reality verfolgen und denen man sich bewusst sein muss, damit man nicht drüber stolpert.” Außerdem sollen schon relativ geringe Erschütterungen der Basisstationen dafür sorgen, dass das Bild in der VR-Brille wackelt. Die Boxen sollten also möglichst stabil und entkoppelt montiert werden.

Design und Ergonomie

“Ich könnte auch direkt auf das Gesicht fallen, aber Vive würde ganz bleiben”, schreibt der Destructoid-Tester als Beweis dafür, dass HTC Vive solide verarbeitet sei. Ähnlich stabil ist auch das Zubehör, da sind sich alle Tester einig. “Nicht besonders schön, aber robust”, nennt Road to VR die VR-Brille. Der Tester von Gizmodo bezeichnet das Gewicht und die zahlreichen Kabel von Vive besonders bei längeren Sessions als “großes Problem”.

Auch der Techcrunch-Tester zieht sowohl Ergonomie als auch Design von Oculus Rift deutlich vor, außerdem vermisst er die integrierten Kopfhörer der Rift-Brille. Der Redakteur von Time.com hingegen hatte keine Probleme: “Obwohl Vive größer und schwerer als Oculus Rift ist, kann man sie angenehm und komfortabel tragen.” Brillenträger sollen mit der VR-Brille keine Probleme haben, dafür sorgen austauschbare Schaumstoffrahmen.

Die an der Vorderseite integrierte Kamera stellt sich gerade bei der alltäglichen Nutzung als praktisch heraus. So könne man beispielsweise auch Maus, Tastatur oder Gamepad durch die Kamera betrachten, was die Bedienung des PCs deutlich erleichtern würde, heißt es bei Destructoid. Bei Oculus Rift müsse man seine Eingabegeräte schon blind bedienen können, alternativ bliebe nur, die VR-Brille kurz abzuziehen. Laut dem Destructoid-Tester eignet sich die Vive-Brille im Vergleich zu Oculus Rift daher sogar deutlich besser für VR-Spiele im Sitzen oder Stehen.

Auch dass HTC Vive Anrufe und Nachrichten empfangen kann, macht die VR-Brille vergleichsweise alltagstauglich. “Valve hat das Problem gelöst, wie man auch mit VR-Brille noch die Außenwelt verfolgen kann und nicht völlig davon abgeschnitten ist”, lautet ein Fazit von Polygon.

Sichtfeld und Bildqualität

Das im Vergleich zu Oculus Rift etwas weitere Sichtfeld erkauft sich HTC Vive mit einem sichtbaren Screen-Door-Effekt, bei dem kleine Lücken zwischen einzelnen Pixeln als grobe Musterung wahrnehmbar sind. Laut Upload VR soll der Effekt besonders in hellen Szenen auftreten, aber insgesamt nicht zu deutlich sein.

Ähnlich wie bei Oculus Rift können durch den speziellen Schliff der Fresnellinsen außerdem Lichtblitzer auftreten. “Wie stark man die Lichtartefakte und die Furchen der Fresnellinsen wahrnimmt, unterscheidet sich von App zu App, aber die Effekte sind offensichtlich”, schreibt der Tester von Road to VR.

Sowohl Oculus Rift und HTC Vive liegen hier auf einem ähnlich hohen Niveau, bieten aber gleichsam noch viel Potenzial für Verbesserungen. Speziell die Auflösung der Displays muss noch höher geschraubt werden, um zukünftige VR-Erlebnisse glaubhafter zu machen.

Tracking

Besonders angetan sind die Tester vom Room-Scale-Tracking samt 3D-Controllern, die im Zusammenspiel besonders immersive VR-Erlebnisse mit echtem Präsenzgefühl ermöglichen. “Room-Scale-VR ist die Zukunft des Gaming”, schreibt Destrctoid, aber nur, wenn man auch dazu bereit sei, entsprechend viel Platz zu schaffen. Ähnlich beschreibt es Road to VR; wenn man nicht mindestens 3 x 2 Meter Platz hätte, würde das das Potenzial der Vive-Brille deutlich behindern.

Ars Technica bezeichnet HTC Vive gar als “Holodeck-Simulator”. Zwar sei die VR-Brille noch lange nicht auf dem gleichen Niveau wie die Vision aus Star Trek, aber “die Möglichkeit in einer Computersimulation herumzulaufen und mit ihr zu interagieren, fühlt sich an wie der erste Schritt in eine Zukunft, wie sie uns die Sci-Fi-Literatur seit Jahrzehnten vorschwärmt.”

Auch ohne Room-Scale-Feature sollen allein die beigelegten 3D-Controller den Unterschied zu herkömmlichen Gaming-Erlebnissen machen. “Auch wenn man nicht rumspringt, gibt es im Vive-Universum mit den eigenen Händen eine Menge zu tun”, schreibt das Wall Street Journal.

Software

Die Software ist neben dem Aufbau noch die größte Schwachstelle der Vive-Brille. Viele VR-Erfahrungen sind noch experimentell und eher gute Demos als vollwertige Spiele und Programme. Gelobt wird aber die Vielfalt der Apps.

“Von Kurzfilmen über Popos bis hin zu Apps für 3D-Bildhauerei, Cockpit-Simulationen und virtuellen Desktop-Umgebungen, bin ich sehr beeindruckt vom Launch-Lineup für HTC Vive”, schreibt der Tester von Destructoid. Die Auswahl von Vive-kompatiblen Anwendungen bei Steam sei deutlich größer als die 30 Launchspiele, die Oculus VR aktuell im Oculus Store anbiete. Auch Polygon schreibt: “Es ist erstaunlich, wie viel es gibt und wie abwechslungsreich die Inhalte sind.”

Nicht so gut kommt die SteamVR-Plattform weg, die Polygon als “von Natur aus chaotisch” bezeichnet. Die Testerin von The Verge sieht das ähnlich, aber routinierte Steam-Nutzer sollen sich trotzdem schnell zurechtfinden. Der Tester des Wall Street Journals ärgerte sich besonders: “Der Vive App-Store ist eine komplette Katastrophe. Es gibt keine Garantie für Qualität und Valve zeigt keine Komfortratings so wie Oculus VR. Apps stürzen manchmal ab oder ruckeln, obwohl ich einen sehr leistungsfähigen Rechner habe.” Auch Road to VR bemängelt vereinzelte Ruckler und Abstürze bei der ansonsten guten Nutzeroberfläche.

Die meisten Reviews kritisieren, dass es dem Software-Lineup noch an Apps und Spielen fehlt, die wirklich herausragen. Der Tester von Techcrunch konnte zwischen all den kurzen VR-Erfahrungen keine herausgreifen, die ihn besonders überzeugte. Und auch der Journalist von Gizmodo lässt kein gutes Haar am Launch-Lineup von HTC Vive: “Die Titel sind halbfertig und man hätte sie besser als Bundle im Ausverkauf angeboten.”

Chet Faliszek von HTC geht derweil davon aus, dass Vive keine “Killer-App” brauche, da die VR-Brille an sich schon die “Killer-App” sei.

Fazit in den US-Medien: HTC Vive hat die Nase vorne

Destructoid
Obwohl Oculus Rift eine tolle VR-Brille ist, spielt HTC Vive in einer eigenen Liga.

Polygon
Vive fühlt sich wie ein unausgereiftes Endprodukt an – oder wie eine sehr ausgereifte Entwicklerversion. […] Die Möglichkeit, die eigenen Hände zu sehen oder auch nur die Controller, zieht einen auf eine Art in die VR-Erfahrung, die mit normalen Gamepads nicht erreichbar ist. […] Oculus muss so schnell wie möglich die Touch-Controller auf den Markt bringen.

Time.com
Die Vive ist teuer und verlangt dem Nutzer viel ab, benötigt außerdem einen leistungsstarken PC. Aber es ist die immersivste und kompletteste VR-Erfahrung auf dem Markt.

Road to VR
HTC Vive und SteamVR fusionieren High-End Hardware und Software und bieten eine faszinierende Virtual-Reality-Erfahrung, wie Konsumenten sie noch nie erlebt haben.

Wall Street Journal
Ich habe Rift und Vive eine Woche getestet und hatte mehr Spaß mit Vive. Die Möglichkeit, sich mit dem eigenen Körper und den eigenen Händen durch VR zu bewegen, ist deutlich ansprechender.

Techcrunch
HTC Vive versucht sehr viel und vieles klappt, aber nicht jedes Feature ist perfekt. 800 US-Dollar sind viel Geld, aber das ist gut angelegt. Die Erfahrung ist auf viele Arten deutlich besser als mit jeder anderen VR-Brille, inklusive Oculus Rift.

Gizmodo
Oculus Rift ist ein tolles Produkt, aber es bietet nicht die gleiche Qualität an Immersion. […] Ohne Zweifel ist HTC Vive das coolste High-Tech Gadget, das man aktuell kaufen kann.

Upload VR
Oculus Rift beweist, dass man für eindrucksvolle VR-Erlebnisse kein Room-Scale-VR und keine Handtracking-Controller braucht – HTC Vive zeigt, wie sehr man sie trotzdem will.

New York Times
Das ist das erste Jahr, in dem hochwertige Virtual-Reality-Systeme im Mainstream ankommen. Mit der Zeit werden die verfügbaren Inhalte über den Wert der Plattformen bestimmen. Aktuell kann man mit beiden Systemen nicht viel anfangen und Verbraucher sollten lieber noch abwarten, ob noch Virtual Reality Killer-Apps auftauchen.

CNET
Wer die bestmögliche VR-Erfahrung möchte, dem bietet Vive Bewegungscontroller und ein Trackingsystem für den ganzen Raum in einem Paket, bei dem Oculus Rift nicht mithalten kann. Noch nicht.

The Verge
Oculus hat viel Wert auf VR-Filme und Spiele gelegt, aber Valve und HTC waren vorsichtiger – sie haben kein vollständiges Entertainment-Ökosystem geschaffen, sondern einfach nur eine VR-Brille samt 3D-Controller und sie den Leuten zum Herumspielen gegeben. Für den Augenblick ist das genug.

| Featured Image: Oculus VR / HTC Vive / VRODO