HTC Vive: Ein Puppenspielertraum wird Wirklichkeit – Tvori im Test
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HTC Vive: Tvori im Test – Ein Puppenspielertraum wird Wirklichkeit

von Tomislav Bezmalinovic28. August 2016

Tvori wurde im Juli angekündigt, nun ist die Anwendung im Early Access bei Steam erhältlich. Mit Tvori soll der Nutzer mit Leichtigkeit von Hand animierte Szenen erstellen können. Ich habe die Anwendung ausprobiert und gemerkt, dass das nicht ganz so einfach ist, wie es klingt. Dennoch hat mich Tvori beeindruckt.

Sobald man Tvori startet, fühlt man sich in Kindheitstage zurückversetzt. Als man mit dem Spielzeug, das man sein Eigen nennen durfte, auf dem Boden oder in der Luft herumfuhrwerkte und dabei eine Geschichte imaginierte oder eine Szene nachstellte. Mit Tvori wird dieser alte Puppenspielertraum nun ein Stück weit Wirklichkeit.

Tvori ist wie Tilt Brush ein Werkzeug für kreative Köpfe. Anders als bei letzterem steht bei Tvori aber nicht allein visuelle Gestaltung im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, kleine Geschichten zu inszenieren, indem man einen Schauplatz gestaltet, eine Handlung animiert und die Szene schließlich per virtuellem Camcorder aufzeichnet. Die Besonderheit an Tvori ist, dass all dies mit den Händen zu bewerkstelligen ist, so wie damals im Kinderzimmer.

Ein beeindruckend intuitives Interface

Das Interface ist sehr intuitiv. So stellt die Anwendung dem Nutzer einen höhenverstellbaren, virtuellen Arbeitstisch zur Verfügung, auf dem der Schauplatz aufgebaut werden kann. Dabei geht man wie ein Bühnenbildner vor, der en miniature eine Kulisse entwirft, indem man Hintergründe und Landschaften in verschiedenen Farben und Formen auswählt, Himmelskörper, Wolken, Bäume, Strassen und schließlich einzelne Requisiten auf wahlweise auf dem Schreibtisch oder im Raum um sich herum platziert.

Mit virtuellen Stiften lassen sich überdies, wie in Tiltbrush, Figuren in die Luft zeichnen. Überflüssige Requisiten werden ganz einfach im virtuellen Papierkorb entsorgt, der neben dem Arbeitstisch steht.

An der Vorderseite des Tisches sind Schubladen zu finden, aus denen die Bühnenelemente per Hand – in Form des Vive-Controllers – entnommen und arrangiert werden können. Beeindruckt hat mich die Möglichkeit, den Schauplatz in Lebensgrösse zu sehen und Feinjustierungen an einzelnen Requisiten vorzunehmen, indem man sich kurzerhand in die Szenerie hinein teleportiert.

Wie ein echter Kameramann kann man die Linse durch den Raum bewegen und cineastische Kamerafahrten inszenieren.

Ist alles wunschgemäß eingerichtet, geht es ans Animieren. Hierfür greift man nach den Requisiten, denen man Leben einhauchen will und bewegt sie entsprechend der gewünschten Animation mit den Vive Controllern durch den Raum. Die Bewegung wird von der Anwendung aufgezeichnet. Dies kann für verschiedene Requisiten wiederholt werden, so dass zum Beispiel die gleichzeitige Fahrt mehrerer Autos auf einer Strasse animiert werden kann. Hat man alle Objekte animiert, drückt man auf Play – und hat seinen ersten eigenen Animationsfilm erstellt.

Zu guter Letzt kann man die Szene filmisch aufzeichnen, indem man einen virtuellen Camcorder auf die Vorgänge richtet. Wie ein echter Kameramann kann man die Linse durch den Raum bewegen und cineastische Kamerafahrten inszenieren. Ein Bildschirm, nach dem man ebenfalls greifen und der frei in der Luft positioniert werden kann, zeigt dem Anwender, was von der Kamera aufgezeichnet wird. Einfacher geht es nicht.

Erhebliche Mängel beim Bedienkomfort und Inhalten

Trotzdem habe ich mich manches Mal über Tvori geärgert. Ja, das Interface ist intuitiv, aber leider fehlen wichtige Komfortfunktionen. Weshalb, so fragte ich mich, sind die Hintergründe und Landschaften nicht skalierbar? Weshalb kann man sich, nachdem man sich in der Szenerie umgesehen hat, nicht per Knopfdruck an den Arbeitsplatz zurückteleportieren? Weshalb kann man per Undo-Funktion nur jeweils einen Schritt zurückgehen? Und weshalb lassen sich die Filme nicht exportieren? Schwer wiegt zudem die Frage nach den fehlenden Inhalten, denn die Auswahl an Requisiten ist derzeit noch äußerst beschränkt.

Nun gut, Tvori befindet sich noch in der frühen Entwicklung, aber für einen Preis von 36,99 € auf Steam sollte man mehr erwarten dürfen – selbst im Early Access. Aufgrund fehlender Komfortfunktionen und Inhalte kann zu diesem Preis derzeit noch keine Kaufempfehlung ausgesprochen werden. Es sei denn, man möchte die Entwickler mit einem großzügigen Beitrag unterstützen.

Allen anderen rate ich dazu, sich auf der offiziellen Webseite für eine Demo anzumelden oder die Entwickler gleich selbst anzufragen. Oder einfach abzuwarten, bis die Mängel behoben werden.

Die einfache Handhabung hat auch Nachteile

Eins ist sicher: Tvori wird auf längere Sicht kein Ersatz für professionelle Animationssoftware sein. Denn sie lässt die Frage offen, wie man trotz einfacher Handhabung detailliert und genau arbeiten kann.

Aber was will Tvori dann sein? Ein Storyboard-Tool, ein Kreativspielzeug für Youtuber oder ein Partyspiel für Abende mit Freunden? Die Frage bleibt offen. Am ehesten könnte man in Tvori wohl eine Machbarkeitsstudie oder ein Experiment sehen, den kreativen Arbeitsplatz der Zukunft neu und unter dem Vorzeichen der virtuellen Realität zu denken. Unter diesem Gesichtspunkt ist Tvori seiner Zeit weit voraus.

| Featured Image: Tvori