Die Finanzergebnisse aus dem Juni zeigen: Im Smartphone-Markt gibt es für HTC nichts mehr zu holen. Virtual Reality hingegen erweist sich als Marathonlauf, der auch in einer Sackgasse enden könnte. Was bedeutet das für die Vive-Marke und HTCs VR-Ambitionen?

Im Juni 2018 brach HTCs Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um 68 Prozent ein, berichtet Reuters. Umgerechnet knapp 62 Millionen Euro konnte das Unternehmen einnehmen. Im Juni 2017 waren es noch rund 190 Millionen Euro.

Der Umsatzrückgang wiegt besonders schwer, da der einst führende Smartphone-Hersteller gerade erst das neue Flaggschiff-Smartphone U12+ auf den Markt brachte. Von Kritikern wurde es positiv bewertet, auf die Verkaufszahlen hat das offenbar wenig Einfluss.

Ein weiteres Top-Smartphone ist für 2018 nicht geplant, die HTC-Aktie befindet sich im freien Fall. Zuletzt entließ das Unternehmen rund 22 Prozent der gesamten Belegschaft. Schon zuvor hatte es Entlassungen gegeben.

HTC: Gefangen zwischen zwei Märkten

HTCs Einbruch ist einem Branchentrend geschuldet: Highend-Smartphones sind lange nicht mehr so interessant, wie sie es einst waren. Die Geräte sind Massenware, kaum noch voneinander zu unterscheiden und echte Innovationen, die neue Kaufanreize setzen könnten, gibt es kaum – und wenn, dann bei der Software.

Vorausschauend verkaufte HTC Ende letzten Jahres weite Teile des eigenen Smartphone-Geschäfts an Google. Ohne den Erlös über mehr als eine Milliarde US-Dollar wäre HTC womöglich schon Geschichte.

Smartphone weg, VR noch nicht da

HTCs Problem: Das Unternehmen sitzt zwischen den Stühlen. Das Smartphone-Geschäft bricht weg, aber das antizipierte Neugeschäft mit VR-Brillen kann diese Umsatzlücke offensichtlich nicht ansatzweise schließen.

Das wird sich auf absehbare Zeit nicht ändern, VR-Technologie steckt noch in den Kinderschuhen. Ein Massenmarkt ist nicht in Sicht und selbst die Marktführerschaft in der Nische ist nicht besonders lukrativ. Denn eigentlich ist Aufbauarbeit gefragt und die erfordert Investitionen – die HTC auch verspricht. Bis VR zur Cashcow wird, könnte es noch Jahre dauern. Wenn es überhaupt passiert.

Eine weitere Herausforderung: Mitbewerber Oculus pumpt Hunderte Millionen US-Dollar in Forschung, Entwicklung und exklusive Software. Facebook ist die Wirtschaftlichkeit der VR-Sparte für die nächsten fünf bis zehn Jahre egal. Das verzerrt den Markt.

Vive Focus und 5G als Rettungsanker?

In einem aktuellen Interview macht Vives China-Präsident Alvin Graylin deutlich, dass HTC auf den chinesischen VR-Markt und dort speziell auf die Verbreitung von 5G-Netzwerken setzt. 5G, so HTCs Theorie, kann VR und AR schneller massentauglich machen, weil Brillentechnologie dank Streaming komfortabler, mobiler und günstiger wird. Aber ein weitläufiges 5G-Netz, das die Anforderungen an VR- und AR-Streaming lückenlos erfüllt, ist selbst in China noch weit entfernt.

Vive Focus allein wird HTC nicht reichen

Dass die Hoffnungsträgerbrille Vive Focus viel Geld in HTCs Taschen spült, ist eher unwahrscheinlich. Für Einsteiger ist die Brille im Vergleich zu Facebooks Oculus Go deutlich teurer. Zwar bietet sie technisch mehr, aber dieser Mehrwert ist Laien schwer vermittelbar.

Tech-Enthusiasten greifen ohnehin lieber zur Highend-Brille für den PC. HTC hofft daher primär auf Abnehmer aus Industrie und dem Bildungssektor.

Unabhängig von HTCs Schicksal hat die Vive-Marke gute Chancen, langfristig fortzubestehen. In der VR-Branche ist Vive positiv mit einem Hightech- und Pionier-Image aufgeladen und somit für andere Unternehmen attraktiv.

Sollten bei HTC tatsächlich die Lichter ausgehen, dürfte sich wohl ein Tech-Konzern finden, der die Vive-Sparte übernimmt und langfristig aufbaut. Vielleicht schlägt Google ja ein zweites Mal zu.


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