Immersives Theater ist der neueste Virtual-Reality-Trend. Die Erfahrung ist eine Art spielbarer Film: VR-Nutzer bewegen sich völlig frei innerhalb eines virtuellen Schauplatzes, in der sie mit echten Schauspielern interagieren und eine Geschichte erleben. Heute eröffnet die VR-Vorstellung “Chained: A Victorian Nightmare” in Los Angeles. Die Tickets für die ersten fünf Wochen sind bereits ausverkauft.

Chained ist eine Neuinterpretation von Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte A Christmas Carol aus dem Jahr 1843. Darin bekommt der alte, geizige Geldverleiher Ebenezer Scrooge Besuch von vier Geistern und wandelt sich mit deren Hilfe zu einem besseren Menschen.

In der zwölfminütigen VR-Erfahrung schlüpfen Besucher in Scrooges Rolle und treffen in einer virtuellen Version seines Zimmers auf den Geist seines verstorbenen Teilhabers Jacob Marley sowie drei weitere Spukgestalten.

Die Geister werden von einem im realen Raum anwesenden professionellen Schauspieler im Mocap-Anzug dargestellt. Der Anzug erfasst jede Bewegung und selbst die Mimik und Lippenbewegungen des Schauspielers und überträgt sie in Echtzeit auf die Geister, die er in der Virtual Reality darstellt.

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Der Schauspieler im Mocap-Anzug. BILD: Chained

Reales und Virtuelles werden vermengt

Der Besucher sieht die virtuelle Gestalt des Schauspielers und kann ihn physisch spüren. Zum Beispiel, wenn der Geist dem Besucher zu Beginn von hinten die Hand auf die Schulter legt.

Der Schauspieler verkörpert alle vier Geister und leitet Besucher durch die Erfahrung. Umziehen muss er sich für den Rollenwechsel nicht. Schließlich ist sein Erscheinungsbild rein digital.

Die Kombination aus realen und virtuellen Elementen setzt sich im Dekor der Szene fort: So existieren bestimmte Möbel wie ein Bett oder ein Stuhl sowohl physisch als auch digital, sodass sich Besucher tatsächlich hinlegen oder hinsetzen können. Das trägt stark zur Glaubwürdigkeit der virtuellen Welt bei.

Die Handlung ist zwar immer gleich, deren Ausführung jedoch einzigartig: Teilnehmer können sich frei in der Szene bewegen und auf ihre individuelle Art mit den Geistern sprechen. Der Schauspieler muss dabei der Persönlichkeit des Besuchers Rechnung tragen.

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So könnte der Schauspieler in der Virtual Reality aussehen. BILD: Chained

Jeder Besucher reagiert anders

Der Schöpfer der VR-Erfahrung Justin Denton hat bereits verschiedene Besuchertypen ausgemacht, wie er gegenüber CNET erzählt.

“Performer” würden selbst schauspielern und während der Erfahrung spontan eine selbsterdachte Figur darstellen. “Schläfer” würden sich eher passiv verhalten und müssten stärker an die Hand genommen und durch die Szene geleitet werden. “Läufer” sind das Gegenteil: Sie suchen spontan Stellen im Zimmer auf, in denen sie laut Skript nicht sein sollten.

Ebenfalls im Raum anwesend, aber unsichtbar für die Besucher, ist eine Regisseurin, die dafür sorgt, dass bestimmte Ereignisse zum richtigen Zeitpunkt einsetzen.

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In der VR-Erfahrung besucht man mehrere Orte. BILD: Chained

Immersives VR-Theater für zuhause?

Chained ist nicht die erste VR-Erfahrung ihrer Art: Produktionen wie Jack und The Horrifically Real Virtuality haben bereits mit dem Format experimentiert, waren bisher jedoch nur auf Filmfestivals zu erleben.

Nachfrage besteht offenbar: Die 40 US-Dollar teuren Tickets für die ersten fünf Wochen waren innerhalb zweier Tage ausverkauft. Nun wollen die Verantwortlichen weitere Vorstellungen anbieten und an andere Orte expandieren.

VR-Erfahrungen wie Chained könnten eines Tages sogar für die heimische VR-Brille verfügbar werden: Oculus soll an der Umsetzung immersiven VR-Theatererfahrungen mit echten Schauspielern arbeiten.

Über die Zukunft dieses VR-Unterhaltungsformats unterhielten wir uns in der 92. Folge des VRODOCasts:

Titelbild: Chained, Quelle: CNET


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