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“Kingdom City Drowning”: Ein Trip in eine finstere Welt

von Tomislav Bezmalinovic22. September 2017

Der VR-Animationsfilm “Kingdom City Drowning” nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in eine düstere Zukunftsvision und erforscht dabei neue Möglichkeiten visuellen Geschichtenerzählens.

In einer nicht allzu fernen Zukunft bedecken giftige Gase die Erdoberfläche. Da der tödliche Smog jeden Tag höher steigt, bauen die Menschen gewaltige Wolkenkratzer, die bis in den Himmel reichen. Der Film spielt in Kingdom City, dem größten Turm seiner Art und der letzten Metropole der Menschheit.

Die Elite lebt in den oberen, hellen Stockwerken, während die übrigen ihr Dasein in der Unterstadt fristen, einem finsteren Ort, an den kein Tageslicht kommt. Der Film besteht aus drei Episoden, in denen man drei Charakteren aus den untersten Stockwerken auf ihrem schweren Weg nach oben begleitet.

Ein gefallener Champion

Kingdom City Drowning erklärt diese Zusammenhänge nicht, sondern wirft den Zuschauer unvermittelt ins Geschehen, wodurch die Welt noch fremder und unheimlicher wirkt. In der ersten Episode lernt man dem ehemaligen Gladiator James kennen, der früher Champion der Arena war und der Elite angehörte, bis er einen verhängnisvollen Fehler machte und ins Gefängnis der Unterstadt geworfen wurde.

In rund zwanzig Minuten folgt man James auf Schritt und Tritt beim Versuch, aus dem Gefängnistrakt auszubrechen und in die höheren Stockwerke zu gelangen und erlebt dabei, wie er zum Auftragsmörder wird.

Erleben statt sehen

William Gerardi und Barrett Phillips haben sich für ihren VR-Film von Regisseuren wie Nicolas Winding Refn (“Drive”, “Only God Forgives”) und Gaspar Noé (“Irréversible”, “Enter the Void”) inspirieren lassen. Das merkt man Kingdom City an: Der Film ist einerseits düster und brutal, andererseits ist ihm nicht viel daran gelegen, eine Geschichte in klassischer Hollywood-Manier zu erzählen.

Stattdessen bietet er eine lose Abfolge von Szenen, die eher erlebt, als bloß geschaut werden wollen. Die Kamera wird wie einem herkömmlichen 2D-Film eingesetzt: Sie ist vom Körper eines Betrachters losgelöst und zeichnet die Umgebung in teils spektakulären Kamerafahrten auf.

Freiheiten des animierten VR-Films

Für einen VR-Film ist das eher ungewöhnlich. Das hat vor allem technische Gründe: Die meisten 360-Grad-Produktionen sind Realfilme, die mit Spezialkameras aufgenommen werden. Die Geräte sind komplex in der Handhabung sind und dürfen weder den Kameramann noch Schienen zeigen.

Dieses Problem haben animierte VR-Filme nicht, da hier eine virtuelle Kamera zum Einsatz kommt. Dadurch hat der Regisseur mehr Freiheiten und kann Kamerafahrten umsetzen, die in der Realität nicht möglich wären. Doch Kingdom City nutzt noch einen weiteren Vorteil digitaler Filmsets: Er manipuliert Größenverhältnisse und spielt dadurch mit der Wahrnehmung des Zuschauers.

So klein wie eine Streichholzschachtel

In der ersten Einstellung fährt die Kamera auf eine Tür mit eng beieinanderliegenden Gitterstäben zu und zwängt sich schließlich mitten durch sie. Während man auf die Stäbe zufährt, wird die Welt immer größer, während man selbst auf die Größe einer Streichholzschachtel schrumpft – eine optische Erfahrung, die ich so von keinem anderen Medium kenne.

Der Film nutzt Filter, die das Bild unscharf und grobkörnig zugleich wirken lassen. Damit erhält Kingdom City einen stark stilisierten, filmischen Look und kaschiert zugleich die altbackene Grafik: Grafisch bewegen sich die Schauplätze und Figuren auf dem Niveau der letzten Konsolengeneration.

In seinen schwächsten Momenten erinnert Kingdom City Drowning an Zwischensequenzen eindimensionaler Actionspiele. Etwas weniger US-Gangsterfilmklischees und etwas mehr erzählerische Substanz hätten dem Film gut getan.

Ein beeindruckendes Ende

Die letzte ist zugleich die beste Szene. Sie zeigt James, der sich nach seiner gefährlichen, aber erfolgreichen Flucht aus dem Gefängnistrakt in einem Aufzug Richtung Oberstadt befindet und eine Zigarette raucht. Da die Kamera hier zum Stillstand kommt und sich in der Nähe des Protagonisten befindet, hat man zum ersten Mal den Eindruck körperlicher Anwesenheit.

Es ist, als hätte man erst jetzt eine physische Form angenommen, um gemeinsam mit dem Protagonisten diesen Moment stillen Triumphs zu teilen. Für einen kurzen Augenblick scheint es gar, als wäre man James selbst, während man vor dem geistigen Auge all die fragwürdigen Taten vorbeiziehen lässt, die vollbracht werden mussten, um an diesen Punkt zu kommen.

Die erste Episode von Kingdom City Drowning hört auf den Namen “The Champion” und ist für 4,99 Euro bei Steam und im Oculus Store erhältlich. Sie ist für das Betrachten im Sitzen optimiert. Die zweite Folge trägt den vielversprechenden Namen “Lovers in Hell City”. Wann sie erscheint, ist nicht bekannt.

| Featured Image: Phoenixmirror

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