Kommentar

Der Oculus-Mitgründer Brendan Iribe verlässt nach sechs Jahren das Unternehmen. Der Grund soll ein internes Zerwürfnis mit Facebook sein, wie eine anonyme Quelle der Webseite Techcrunch berichtet. Der Streit entbrannte angeblich um Oculus Rift 2 – und soll zum Entwicklungsstopp geführt haben. Wir diskutieren über Iribes Abgang und wie es um die nächste Generation Rift-VR bestellt sein könnte.

Hinweis: Mehr Hintergründe zum Iribes Abgang und den Gerüchten um den Entwicklungsstopp stehen in diesem Artikel.

Tomislav: Sollte an den Gerüchten etwas Wahres dran sein, steht die Zukunft von Oculus Rift und Oculus’ PC-VR-Strategie mehr denn je in den Sternen. Ich sehe vier mögliche Zukunftsszenarios.

Matthias: Nur vier? Schränk’ dich bitte nicht zu sehr ein bei deinen Zukunftsprognosen. 😉

Tomislav: Erstens: Oculus lässt sich viel Zeit und bringt um das Jahr 2022 herum eine hoch entwickelte Oculus Rift 2 mit allen Wunschfeatures der nächsten Generation auf den Markt. Ich denke zum Beispiel an Eye-Tracking und ein Multifokus-Display. Dank Foveated Rendering und neuen Grafikkarten sollte der aktuelle PC-Flaschenhals bis dahin kein Problem mehr darstellen.

Matthias: Ok, ja. Möglich. Die Forschung an PC-VR wurde ja angeblich nicht gestoppt. Nur “Rift 2” steht zur Debatte. Bis 2022 hätten sich Facebook sicher eine andere Marketingstrategie überlegt. Und weiter?

Tomislav: Zweitens: Oculus wartet nicht so lange und bringt spätestens 2020 eine Rift Pro heraus, um den Enthusiasten-Markt zu bedienen und Konkurrenten wie Pimax Paroli zu bieten. Die oben genannten Funktionen dürften bis dann allerdings noch nicht voll ausentwickelt sein. Dafür könnte die Rift Pro 4K-Displays, ein Sichtfeld von 140 Grad und vielleicht Eyetracking bieten.

Matthias: Ich denke, das wollte Iribe. Zuckerberg nicht.

Tomislav: Dazu kommen wir gleich. Drittens: Oculus veröffentlicht bis 2020 einen Quest-Rift-Hybrid, der eine mobile und stationäre PC-Nutzung mittels Kabel oder WLAN-Streaming erlaubt, das Beste beider Welten kombiniert und sowohl Casual als auch Core Gamer zufriedenstellt.

Matthias: Wenn sie das wollten, hätten sie es mit Oculus Quest getan. Was bleibt noch?

Tomislav: Viertens: Facebook stampft PC-VR ein und bringt keinen Oculus-Rift-Nachfolger auf den Markt. Das soziale Netzwerk konzentriert sich auf Mobile-VR oder gibt Oculus im schlimmsten Fall ganz auf.

Matthias: Ich halte Szenario 1 und 4 für möglich. Am wahrscheinlichsten ist es, dass Facebook diese Entscheidungen noch gar nicht getroffen hat. Außer dass ein womöglich für 2019 oder 2020 vorgesehener Rift-Nachfolger nicht kommt. Also dein Szenario 2. Das dementieren sie übrigens nicht.

Tomislav: Facebook behauptet, dass ein Rift-Nachfolger in Arbeit ist.

Matthias: Sie sprechen ziemlich schwammig von “Plänen” für “eine Version der Rift”. Wenn überhaupt, dann spricht diese Stellungnahme dafür, dass tatsächlich die Entwicklung von Oculus Rift 2 in der bis vor kurzem geplanten Form abgebrochen wurde.

Tomislav: Iribe schreibt, er wolle sich eine Auszeit nehmen und danach neue Herausforderungen angehen. Was sind die wahren Gründe für seinen Abgang? Ist an den Gerüchten um sein Zerwürfnis mit Facebook etwas dran?

Matthias: Das weiß ich nicht. Ich glaube aber nicht, dass Iribe für einen neuen Job geht. Er hat Oculus gegründet, war bis Ende 2016 CEO und hat das Unternehmen über sechs Jahre aufgebaut. Dennoch ist alles ganz am Anfang. Das ist kein Zeitpunkt für einen Abgang, weil du von heute auf morgen Lust auf etwas Neues hast. Sein Abschiedsgruß wurde ihm wahrscheinlich so von der PR-Abteilung vorgelegt. Die wahren Gründe erfahren wir dann in ein paar Monaten über Umwege und Andeutungen.

Tomislav: Die Frage ist also nicht, ob ein VR-Projekt gestoppt wurde, sondern welches. Ich frage mich, wie Oculus Rift 2 ausgesehen hat und was jetzt folgt. Glaubst du tatsächlich, dass bis auf Weiteres kein Rift-Nachfolger mehr geplant ist?

Matthias: Ich glaube, dass Facebook den Markterfolg von Oculus Quest abwartet und dann über die nächsten Schritte entscheidet. Wenn Quest floppt, könnte es eng werden für Facebook-VR.

Tomislav: Oculus Quest wird das Ruder für Virtual Reality nicht herumreißen können. Wer hofft, dass die VR-Brille wie eine Bombe einschlägt, ist naiv. Im Optimalfall schlägt sie sich ein gutes Stück besser als Oculus Rift.

Matthias: Ich glaube nicht, dass Zuckerberg eine weitere Nischen-PC-Brille wie Oculus Rift 2 auf den Markt bringen wird. Das ist nicht Facebooks Geschäftsmodell.

Tomislav: Aber wir wissen doch, welchen Weg die meisten neuen Technologien gehen: Sie werden zuerst in Unternehmen oder von Enthusiasten genutzt, erlangen dann nach und nach Marktreife und kommen schließlich dank fallender Preise bei Endverbrauchern an.

Diesen Markt jetzt einfach aufzugeben, wäre sinnlos, gerade angesichts der bisherigen Miliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung sowie Software.

Matthias: Noch sinnloser als verschleuderte Milliarden sind weitere verschleuderte Milliarden. Zuckerberg wird nicht aus Sorge um sein Image als Geschäftsmann weiter investieren. Glaube ich jedenfalls.

Tomislav: Ich denke, dass eine sehr gute Oculus Rift 2 in den nächsten Jahren weitaus mehr Marktpotenzial hat als Oculus Quest. Ich glaube, dass sehr viele PC-Spieler, die bisher zögerten, auf eine ausgereifte Rift-Brille der nächsten Generation warten und bereit sind, auf den Zug aufzuspringen, sobald die Technologie die hohen Erwartungen erfüllt.

Matthias: Woher kommt die Zuversicht? Ich habe noch keine Online-Petition von PC-Spielern für bessere VR entdeckt. Selbst wenn Oculus Rift 2 auf ein deutlich gesteigertes Interesse trifft – wie viel mehr wäre das? Was ist eine deutliche Steigerung von vielleicht 500.000 verkauften Geräten? Fünf Millionen? Zehn Millionen? Zu wenig für Facebook.

Tomislav:  Zuckerberg hat doch selbst die kritische Grenze für ein sich selbsterhaltendes VR-Ökosystem genannt: Zehn Millionen Geräte pro VR-Plattform. Die wird er mit allen Mitteln erreichen wollen. Und ich denke nicht, dass Zuckerberg glaubt, diese Grenze schon mit dieser Generation Rift, Go und Quest knacken zu können.

Matthias: Zuckerbergs Zahl ist nicht schlüssig. Sonys Handheld Playstation Vita hat sich 16 Millionen Mal verkauft – und gilt als ambitionierter Flop. Auf mich wirkt das aktionistisch, nachdem Zuckerberg 2017 mit seiner Vorgabe über eine Milliarde VR-Nutzer weit über das Ziel hinausgeschossen ist. Dieser Populismus hilft weder ihm noch der Branche. Zehn Millionen verkaufte Geräte sind schon irgendwie erreichbar.

Tomislav: Der Schneeball muss ins Rollen kommen und das wird er laut Zuckerberg ab zehn Millionen Geräten. Ich denke, ihm ist jetzt auch klar, dass es ein weiter, weiter Weg ist und dass es keine Abkürzungen gibt.

Matthias: Dass es keine Abkürzungen gibt, hat er schon Anfang 2017 gesagt. Das Ding ist nur: Aktionäre sind ungeduldig, Oculus ist bislang ein Milliardengrab und Zuckerbergs private Liebelei, für die bis heute niemand außerhalb der Blase Verständnis aufbringt. Wenn Oculus scheitert, ist das nach dem verpennten Smartphone-Business sein zweiter großer Fehlschlag. Sein Stuhl wackelt.

Vergleiche den Oculus-Deal mal mit der Übernahme von Instagram: Das Unternehmen wäre heute nach Schätzungen über 100 Milliarden US-Dollar wert. Zuckerberg hat es für eine Milliarde gekauft. Er wird nicht unendlich viel Geld in Oculus pumpen, nur weil er damit angefangen hat. Wenn er kein Potenzial mehr sieht, rudert er zurück.

Tomislav: Für mich hat Virtual Reality rein technisch noch längst nicht die kritische Qualitätsgrenze erreicht, um viele Menschen anzusprechen. Da ist noch viel Luft nach oben.

Matthias: Wenn du mit Qualität den Inhalt, den sozialen Faktor und den Komfort meinst und nicht die Auflösung oder das Sichtfeld, dann stimme ich dir zu. Für Zuckerberg ist nicht die Hardware das Problem, so wie sie Spiele-Enthusiasten fordern, die könnte er heute bauen und vertreiben lassen. Sein Problem ist die fehlende Killer-App, die soziale Isolation und dass man seltsam aussieht mit einer VR-Brille auf dem Kopf.

Erinnere dich an das dystopische Bild, das entstanden ist, als Zuckerberg wie ein sehender Imperator an den blinden VR-Nutzern vorbeimarschiert. Das bleibt hängen in den Köpfen.

Marc Zuckerberg gratuliert sich selbst und seinem Team zu einem Emmy. Und kündigt große Neuigkeiten für die Connect 3 Entwicklerkonferenz an.

VR-Imperator Zuckerberg und seine VR-Drohnen. Bild: Oculus

Deshalb will Zuckerberg auch keine Rift Pro oder dergleichen auf den Markt bringen. Die verkauft sich vielleicht eine Million Mal, aber sie löst seine Probleme nicht. Die sind grundlegender Natur.

Tomislav: Und was löst Zuckerbergs VR-Probleme?

Matthias: Das weiß ich nicht. Und ich habe nicht den Eindruck, dass Facebook und Oculus eine Idee haben. Sie probieren aus – und hoffen, dass etwas klappt.


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