Virtual Reality für die Behandlung von PTBS - ein neues Erfolgskonzept?
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Kriegserklärung an Posttraumatische Belastungsstörungen mit Virtual Reality

von Matthias Bastian17. Oktober 2015

Der US-Psychologe Albert Rizzo beschäftigt sich im Schwerpunkt mit der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen. PTBS können nach besonders belastenden Erlebnissen auftreten, beispielsweise nach einem schweren Unfall. Dabei muss man nicht zwingend selbst in diesen Unfall verwickelt gewesen sein – allein ein solches Geschehen als Zeuge mitzuerleben, kann ein solches Trauma auslösen. Besonders häufig werden PTBS bei Soldaten diagnostiziert, die aus einem Kriegseinsatz zurückkehren. Sie treten meist mit einer Verzögerung von einigen Wochen oder gar Monaten auf. Die Betroffenen fühlen sich hilflos und ausgeliefert, ihr Weltverständnis ist erschüttert und sie sind infolgedessen kaum mehr handlungsfähig.

In den 90er-Jahren fand Rizzo heraus, dass einfache Computerspiele, wie Tetris am Gameboy oder die Städtebau-Simulation Sim City, die Gehirnaktivitäten seiner Patienten vergleichsweise stark stimulierte und deshalb gut geeignet waren für das Hirntraining nach einer PTBS.

Rizzo ist Anhänger der sogenannten “Exposure”-Therapie, bei der man versucht, PTBS-Patienten zu helfen, indem man sie in einen ähnlichen Zustand zurückversetzt wie dem, der das Trauma verursacht hat. Für Rizzo war es wohl naheliegend, diese beiden Beobachtungen miteinander zu kombinieren.

Daher versuchte er bereits in den 90ern, Virtual Reality in der PTBS-Therapie einzusetzen. Allerdings ohne große Erfolge – der Hype um VR-Technologie stellte sich seinerzeit schlicht als ungerechtfertigt heraus. Die Simulatoren konnten kaum halten, was sie versprachen und es dauert nicht lange, bis Mitte der 90er niemand mehr über VR sprach (Lies dazu auch: VR-Software in den 90er Jahren und Ben Delaney, VR-Journalist in den 90ern, im Interview).

Ein neuer Anlauf: Virtual Reality in der Psychotherapie

Jetzt ist Virtual Reality zurück – und Rizzo auch. In einem Institut in Los Angeles forscht er, unterstützt von der University of Southern California und dem US-Militär, an Einsatzmöglichkeiten für Virtual Reality in der PTBS-Therapie. Da sowohl die VR-Technologie als auch die Produktion von VR-Inhalten deutlich fortschrittlicher ist als in den 90er Jahren und Rizzo die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt bekommt, konnten bereits eine ganze Reihe an Projekten fertiggestellt werden. Achtung: Natürlich handelt es sich dabei noch nicht um etablierte Therapieformen, sondern um Prototypen, die experimentell eingesetzt werden.

Bravemind: Virtuell zurück ins Kriesgebiet

Das Projekt Bravemind wurde über einen längeren Zeitraum gemeinsam mit dem US-Militär entwickelt. Die ursprüngliche Version basiert auf einem Computerspiel aus 2004 und wurde fortwährend adaptiert. Um wirklich alle Details korrekt darzustellen, reisten die Wissenschaftler sogar in den Irak, um sich von den dort stationierten US-Soldaten beraten zu lassen. Das Ziel von Bravemind ist es, Kriegsveteranen mit erlebten Situationen erneut zu konfrontieren, die das Trauma auslösten. Allerdings nicht mit der Holzhammer-Methode, sondern Schritt für Schritt.

Das ist der große Vorteil einer rein virtuellen Umgebung, in der eine Vielzahl von Parametern (bspw. Geräuschkulisse, visuelle Effekte, Details im Szenario) flexibel angepasst werden können, um die Intensität des Erlebnisses exakt auf den Therapiebedarf des Patienten abzustimmen. Das Ergebnis: Von 20 PTBS-Patienten, die mit Bravemind therapiert wurden, berichteten 16 anschließend über signifikante Verbesserungen. Nur bei vier Patienten konnte kein Therapieerfolg verzeichnet werden.

Virtueller Psychologe: Auch rein digitale Figuren können offenbar gute Zuhörer sein

Nicht alle Projekte von Rizzo setzen rein auf Konfrontation in virtuellen Umgebungen wie in einem Computerspiel. Er beschäftigt sich auch damit, wie Interaktionen mit virtuellen Charakteren bestimmte Angstzustände aufbrechen können. Die These dahinter ist, dass der Patient vor einem rein virtuellen Charakter keine Scham haben muss, sich zu offenbaren – intrinsisch tief verwurzelte und instinktive soziale Verhaltensweisen sollen auf diese Art ausgehebelt werden und den Therapieerfolg so begünstigen.

Neben einem Simulator für Einstellungsgespräche speziell für Menschen mit Autismus gibt es auch einen virtuellen Berater für traumatisierte Ex-Militärs. William Ford aka Bill bezeichnet sich selbst als virtuellen Menschen, der basierend auf den Erfahrungen vieler ehemaliger Soldaten und ihrer Familien erschaffen wurde. Er soll Soldaten mit PTBS dabei helfen, über Probleme und Ängste in einer anonymen und sicheren Umgebung frei zu sprechen. Die virtuelle Kunstfigur soll den Soldaten dabei einerseits das Gefühl geben, aus dem gleichen Holz geschnitzt zu sein, andererseits aber ein mögliches Militär-Stigma aushebeln, das es nicht zulässt, mit Vorgesetzten über emotionale Probleme zu sprechen.

Auch wenn diese virtuellen Therapieformen zum jetzigen Zeitpunkt noch befremdlich wirken mögen – künstliche Umgebungen in Virtual Reality, in denen dank detaillierter Kontrolle sämtlicher Umgebungsparameter sehr exakt auf die Bedürfnisse des Patienten eingegangen werden kann, könnten großes Potenzial haben. Vielleicht legen wir uns in Zukunft nicht mehr auf die Couch eines Psychologen, sondern ziehen stattdessen die VR-Brille auf.

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| VIA: Gizmodo
| FEATURED IMAGE: Skip Rizzo, YouTube