Psychologen konnten in einem Experiment mit Hilfe eines maschinellen Lernverfahrens vier von fünf für Menschen typische Persönlichkeitsmerkmale zuverlässig an den Augenbewegungen erkennen.

Menschen sind empathische Lebewesen – wir spüren, wenn sich jemand unwohl fühlt, freudig oder nervös ist. Diese Fähigkeiten entwickeln sich bereits in frühester Kindheit.
Augenbewegungen unseres Gegenübers helfen uns, Verhalten zu verstehen, vorherzusagen und zu erklären. Sie geben uns einen Einblick in die Persönlichkeit eines anderen Menschen.

Innerhalb der Persönlichkeitspsychologie wurde das Fünf-Faktoren-Modell (auch Big Five) entwickelt, das die Hauptdimensionen einer Persönlichkeit beschreibt: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus.

Was ist eigentlich nicht Statistik?

Üblicherweise werden diese Dimensionen mit wissenschaftlich fundierten Fragebögen überprüft und so ein individuelles Persönlichkeitsprofil erstellt. Eine internationale Forschergruppe hat nun eine KI entwickelt, die in der Lage ist, vier der fünf uns bestimmenden Persönlichkeitsmerkmale mit messbaren Augenbewegungen zu assoziieren.

In einem Experiment statteten die Forscher 42 Probanden mit Eye-Tracking aus. Anschließend stellten sie ihnen die Aufgabe, auf dem Universitätsgelände in einem Shop ihrer Wahl etwas für fünf australische Dollar zu kaufen. Die Forscher wählten diese Aufgabe, da sie einer Alltags- statt einer Laborsituation entsprach.

Nach maximal zehn Minuten Einkaufstour füllte jeder der Probanden die standardisierten Fragebögen aus. Das Ergebnis: Die KI konnte aus den Eye-Tracking-Daten die Ergebnisse der Fragebögen prognostizieren – nur zur Offenheit war keine zuverlässige Vorhersage möglich.

Die Macher der Studie sind sich unsicher, ob diese fehlende Verbindung am Experiment liegt oder ob es womöglich keinen Zusammenhang gibt zwischen Offenheit und Augenbewegungen.

Nur bei der Offenheit versagte das KI-System. Die restlichen Vorhersagen zur Persönlichkeit liegen laut der Forscher über Zufallsniveau.

Nur bei der Offenheit versagte das KI-System. Die restlichen Vorhersagen zur Persönlichkeit liegen laut der Forscher über Zufallsniveau.

Die Forscher sehen ihre Ergebnisse als Grundlage für die Entwicklung einer verbesserten und persönlicheren Interaktion zwischen Mensch und Computer. Gerade bei Robotern, die soziale Aufgaben erfüllen sollen, könne ein personalisiertes Eingehen auf den Menschen Vorteile bringen.

Potentiell sind auch individualisierte Medienerfahrungen vorstellbar, zum Beispiel Videospiele, die sich an die Persönlichkeit des Nutzers anpassen.

Interessante Daten für Facebook und Co.

Unternehmen wie Facebook, die Eye-Tracking voraussichtlich in die nächste Generation VR-Brille oder in zukünftige AR-Brillen einbauen werden, dürften ebenfalls großes Interesse an einer verlässlichen Charakterisierung des Brillenträgers entlang seiner Augenbewegungen haben: Sie könnten Inhalte und Werbung noch zielgerichteter personalisieren.

Sofern sie die Eye-Tracking-Daten denn auswerten dürfen: Der schwedische Eye-Tracking-Hersteller Tobii beispielsweise, der laut eigenen Angaben mit VR-Herstellern für zukünftige Geräte kooperiert, gibt die Augenbewegungsdaten nur für die Forschung und gegebenenfalls im industriellen Kontext heraus. Interessierte Organisationen müssen dafür eine spezielle Analyse-Lizenz erstehen.

Selbst die aggregierte Auswertung über mehrere Nutzer hinweg ist bei Endverbrauchern untersagt. Womöglich möchte an dieser Stelle auch der Gesetzgeber noch regulierend eingreifen.


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