Zeitgleich mit Oculus Go schickten Google und Lenovo im Mai gemeinsam die autarke Daydream-Brille Mirage Solo ins Rennen. Im Vergleich mit Oculus Go bietet sie technisch deutlich mehr, hat aber einen entscheidenden Schwachpunkt.

Lenovos Mirage Solo macht Spaß. Und zwar richtig. Brille anschalten, aufsetzen, schon ist man drin in einer VR-Szene und kann darin herumlaufen. So einfach war es noch nie, raumfüllende VR zu erleben.

Und genau das ist der große Pluspunkt gegenüber Oculus’ Go-Brille. Es macht einen großen Unterschied, ob man festgenagelt an einen Punkt im Raum nur den Kopf drehen und sich distanziert umsehen kann. Oder ob man wie im echten Leben durch die (virtuelle) Welt spaziert und sich alles aus der Nähe anschaut. Das funktioniert sogar draußen.

Erkunden statt zuschauen

Richtig lebendig – zumindest für mein Gehirn – wird VR erst durch diese Raumbewegung. Sie macht den Unterschied zwischen Virtual Reality und TV-Gucken.

Selbst eigentlich banale Szenen wie beispielsweise der Comic-Film “Artie’s Adventure” werden durch die Raumbewegung spannend. Es ist befreiend und irgendwie aufregend, wenn man völlig ohne Installationsaufwand und Kabelgezerre so frei durch eine digitale Umgebung wandern kann. Das ist neu, das ist toll.

Aber aufgepasst: In der Standardeinstellung unterstützt Mirage Solo aus Sicherheitsgründen nur einen Bewegungsradius von ungefähr einem kleinen Tippelschritt in jede Richtung. Die völlige Bewegungsfreiheit, auch für Apps, bei denen sie eigentlich nicht vorgesehen ist, muss erst umständlich über das Entwicklermenü aktiviert werden (Anleitung). In der Standardeinstellung blenden Google und Lenovo das VR-Bild viel zu schnell aus und minimieren so den größten Vorteil des Geräts.

Eine digital eingeblendete Barriere, die einen davor bewahrt, in die Wand zu rennen, gibt es leider nicht. Aber ein Teppich unter den Füßen oder ein Aufpasser im Raum tut es auch.

Die in der Vorderseite integrierten Trackingkameras arbeiteten bei meinen Tests präzise ohne Aussetzer. Die Tracking-Software kommt von Google. Getestet wurde in einer normal belichteten Wohnumgebung.

Auf der CES 2018 enthüllt Lenovo wie erwartet Mirage Solo, nennt aber weder den Preis noch ein genaues Erscheinungsdatum.

Die beiden Frontkameras sorgen für präzises Raumtracking – ein großer Vorteil im Vergleich zu Oculus Go. Leider passt der einfache Dreh- und Zeigecontroller nicht zur Raumbewegung. Bild: Lenovo

6-Dof-3-Dof-Hybrid-Brille

Solange man nur herumläuft in der VR-Szene und sich umschaut, bietet Mirage Solo im Vergleich zu Oculus Go das bessere VR-Erlebnis. Blöd wird es, wenn man seine virtuellen Hände nutzen will. Die gibt es nämlich nicht.

Stattdessen muss man mit einem VR-Laserpointer Vorlieb nehmen, mit dem man auf Objekte zeigen und sie rotieren kann – so ähnlich wie Nintendos Wii-Fernbedienung vor rund zwölf Jahren. Der Mirage-Solo-Controller ist baugleich mit dem von Google vorgegebenen 3-DoF-Controller für die Smartphone-Brille Daydream View.

Die Daydream-Fernbedienung reicht für die Bedienung einfacher Anwendungen völlig aus. Bild: Google Inc.

Die Daydream-Fernbedienung reicht für die Bedienung einfacher Anwendungen völlig aus. Virtuelle Hände ersetzt er nicht. Bild: Google

Oculus Go bietet zwar ebenfalls nur eine bessere Fernbedienung statt richtiger VR-Hände. Aber dieses Defizit fällt weniger ins Gewicht, da die Brille ohnehin nicht mehr Bewegungsfreiheit bietet.

Der Hybrid-Ansatz von Mirage Solo (und übrigens auch HTCs Vive Focus) – 3D-Raumbewegung und 2D-Handbewegung – ist nicht konsequent zu Ende gedacht und stört die Immersion.

Endlich ein Lebenszeichen aus Googles VR-Abteilung: Lenovos autarke VR-Brille Mirage Solo wird mit Bewegungscontrollern und Mixed-Reality-Funktionen aufgewertet.

Kurz vor der Ankündigung von Oculus Quest stellte Google experimentelle 6-DoF-Controller für Mirage Solo vor. Erscheinen werden die wohl erst für einen möglichen Nachfolger. Bild: Google

Bildqualität auf Augenhöhe

Bei Displays und Linsen schenken sich Oculus Go und Mirage Solo fast nichts. Beide haben ein VR-optimiertes LC-Display mit 2.560 mal 1.440 Bildpunkten und Fresnel-Linsen. Mirage Solo läuft allerdings immer mit 75 Hz (Go: 60 bis 72 Hz) und es gibt einen Fokusmechanismus, mit dem man die Display-Distanz zu den Linsen verschieben kann (allerdings keinen IPD-Regler).

Das Sichtfeld ist bei beiden VR-Brillen eng und liegt bei circa 90 bis 100 Grad – Taucherbrillen-Gefühl ist also angesagt. Der Fliegengittereffekt ist noch dezent sichtbar. Auch der Schwarz- ist eher ein Grauwert und ziemlich flau. Abhilfe schaffen hier erst die OLED-Displays in Oculus Quest.

Dafür ist die Schärfe des LC-Displays gut und der etwas übertaktete Qualcomm 835 Prozessor in der Solo-Brille bringt eine ganze Ecke mehr Leistung als der 821er in Oculus Go. Grafisch sind die VR-Spiele in Ordnung, wenn sie sich ästhetisch auf die Smartphone-Leistung einstellen.

Anschlüsse und Bedienelemente. Bild: Lenovo

Anschlüsse und Bedienelemente. Bild: Lenovo

Spiele mit reduzierter Optik wie Virtual Virtual Reality, Rez oder auch Blade Runner (nutzt Seurat) sehen ordentlich aus, wenn man bedenkt, dass sie mit recht hoher Auflösung und 75 Bildern pro Sekunde samt Raumbewegung auf einer mobilen, komplett autarken Hardware laufen. Das ist schon ok. Einen deutlich sichtbaren Treppcheneffekt (Aliasing) konnte ich allerdings bei allen von mir getesteten VR-Apps entdecken.

Oculus Go ist transportabler

Bei zwei Hardware-Aspekten hat Oculus Go die Nase vorne: Zum einen ist es furchtbar nervig, dass Mirage Solo keine integrierten Lautsprecher bietet. Bei jeder Sitzung muss man erst externe Kopfhörer dranfummeln. Das verkompliziert den eigentlich tollen Nutzungskomfort unnötig.

Außerdem hat die Solo-Brille eine starre Kopfhalterung, Oculus Go hingegen ein flexibles Gummiband, das man zusammenlegen kann. Das erleichtert den Transport.

Tragekomfort und Gewicht sind bei beiden Brillen akzeptabel. Keine VR-Brille im Gesicht ist natürlich – rein aufs Tragegefühl bezogen – immer besser als eine VR-Brille im Gesicht. Das gilt für alle verfügbaren Geräte.

Mirage Solo ist – trotz der ganzen verbauten Hardware – eines der bequemeren Modelle. Die ordentlichen rund 650 Gramm spürt man kaum, da die Kopfhalterung das Gewicht gleichmäßig auf den Kopf verteilt.

Der Akku hält bei Mirage Solo gut drei Stunden, selbst bei viel Aktion. Das ist besser als die circa zwei Stunden der Go-Brille.

Der Daydream Store bietet weniger als Oculus Home

Der größte Nachteil von Lenovos Mirage Solo geht auf Googles Konto. Der Daydream Store bietet nicht ansatzweise die Fülle an Inhalten, die sich im mobilen Oculus Store für Go und Gear VR über Jahre angesammelt haben.

Ein paar Spiele-Highlights gibt es zwar – die zuvor erwähnten Titel – und eine tolle YouTube-App, aber dann folgt ganz viel Mittelmaß, mit dem man sich kaum länger als fünf bis zehn Minuten beschäftigen mag. Neuerdings laufen 2D-Android-Apps auf einem großen, virtuellen Screen – wer sich für sowas interessiert.

Der Oculus Store bietet insgesamt ein deutlich breiteres App-Fundament, in dem man auch einfach mal stöbern und etwas Nettes entdecken kann. Ausschussware gibt es natürlich auch hier massig. Aber das Angebot ist insgesamt wesentlich größer.

Was die Nutzerführung und die Store Ästhetik angeht, sehe ich Daydream vor Oculus Home. Das ist allerdings sehr subjektiv. Gut bedienbar sind letztlich beide Stores.

Der Speicher der Solo-Brille bietet standardmäßig 64 GB und kann mit einer SD-Karte erweitert werden.

Fazit: Spannende VR-Brille ohne Zielgruppe

+ Präzises 6-Dof-Tracking für die VR-Brille
+ Gut verarbeitet und relativ bequem
+ Scharfes Display mit 75 Hz
+ einfache Handhabung

– 3-DoF-Controller
– Zu wenig Inhalt
– Keine integrierten Kopfhörer
– nicht so transportabel wg. des starren Kopfbands
– LCD-Schwarzwert

Mir bereitet Mirage Solo mehr Freude als Oculus Go. Die Bewegungsfreiheit macht den Unterschied und das Gerät so interessant. Eine Videoguckkiste auf dem Gesicht ist für mich zu weit weg vom vollwertigen VR-Erlebnis.

Facebook weiß schon, warum es Raumtracking-VR mit virtuellen Händen als neuen Qualitätsstandard ausgegeben hat und im Frühjahr passend dazu Oculus Quest auf den Markt wirft. Raumbewegung macht die Virtual Reality sehr viel glaubhafter: Sie ist der Schalter, der – wenn er umgelegt wird – VR zu etwas Besonderem macht.

Eine Kaufempfehlung für Mirage Solo kann ich trotz der tollen Bewegungsfreiheit nur für Hardcore-VR-Fans aussprechen, die sich Technologie aus Neugierde und für Experimente kaufen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis (ab 349 Euro) ist insgesamt nicht dort, wo es sein sollte: Durch die fehlenden virtuellen Hände leiden Bedienbarkeit und Funktionsumfang im Vergleich zu vollwertigen VR-Systemen für PC und Konsole deutlich. Außerdem bietet der Daydream Store zu wenig Inhalt.

Als Videobrille für unterwegs eignet sich Mirage Solo aufgrund der starren Kopfhalterung nur bedingt, da sie sich nicht so gut in der Tasche verstauen lässt. Das Gerät verbraucht zu viel Platz. Wer eine reine, gut transportable Videobrille will, kauft daher besser Oculus Go.

Wenn meine Zeit mit Mirage Solo mir eine Erkenntnis verschafft hat, dann diese: Google kann autarke VR und hat mit Lenovo einen fähigen Partner. Die Daydream-Infrastruktur passt, muss allerdings mit Inhalten befüllt werden. Vollwertige Handcontroller und Mixed-Reality-Funktionen sind in der Entwicklung.

Falls Google sich dafür entscheidet, traue ich dem Konzern einen guten Oculus-Quest-Konkurrenten unter dem Daydream-Banner zu. Die Frage ist, ob VR für Google noch Priorität hat. Derzeit sieht es nicht danach aus.

Lies dazu auch: Vive Focus vs. Oculus Go: Autarke VR-Brillen im Videovergleich


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