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Magic Leap One: Weshalb die Enthüllung keine war

von Matthias Bastian30. Dezember 2017

Kurz vor Jahresfrist zeigte Magic Leap erstmals Bilder der hochgehandelten Augmented-Reality-Brille und kündigte eine Veröffentlichung für 2018 an. Das Gerät hat jetzt zwar Form und Namen, aber viele Fragen bleiben offen. Das Vorgehen lädt zur Skepsis ein.

Im Herbst 2015 kündigte Magic-Leap-Gründer Rony Abovitz an, dass sich sein Unternehmen gerade darauf vorbereite, Millionen Einheiten einer Augmented-Reality-Brille zu bauen. Bis zur Veröffentlichung sei nicht mehr allzu lange hin, versprach Abovitz seinerzeit. Alles, was ein Smartphone könne, sei auch mit Magic Leap möglich, mit “der Welt als Display”, so Abovitz’ Manager-Kollege Rio Caraeff.

Wir spulen gut zwei Jahre und Investitionen in Höhe von knapp zwei Milliarden US-Dollar vor in den Dezember 2017: Magic Leap zeigt erstmals Bilder des Geräts, das laut Abovitz schon im Herbst 2015 für die Produktion vorbereitet wurde. Das Startup verspricht eine Enthusiasten-Version für 2018, ohne einen konkreten Zeitpunkt zu nennen.

Die Produktbilder wurden, so berichtet die US-Seite Ars Technica, mit Photoshop bearbeitet. Laut Magic Leap wurden die Bilder gezielt verändert, um technische Details zu verbergen und der Konkurrenz nichts zu verraten. Natürlich ist das legitim, ebenso wie ein Produkt am Computer zu visualisieren, wenn es in der Realität noch nicht existiert. Transparenter wäre es jedoch, darauf hinzuweisen.

Weshalb nur ein einzelner Journalist?

Der eigentliche Grund der Magic-Leap-Enthüllung skeptisch zu begegnen, ist ein anderer: Bislang durfte nur ein – durchaus erfahrener und bekannter – Spielejournalist, Brian Crecente vom Rolling Stone, nach Florida reisen und die Lightwear getaufte Brille ausprobieren. Die kritische US-Techpresse wurde ausgesperrt und selbst Crecente musste sich vertraglich verpflichten, nicht über alles, was er bei seiner Demo zu sehen bekam, zu berichten.

Die in die Lightwear-Brille verbaute Displaytechnologie wird von Crecente nur vage umschrieben, so wie es vom Unternehmen vorgegeben ist. Auf die Frage, ob die Brille mehrere Fokusebenen bietet – das wäre ein wichtiger technologischer Durchbruch – antwortet Abovitz, dass “Entwickler Anwendungen und Erfahrungen kreieren können […] die es Nutzern erlauben, ein Objekt natürlich zu fokussieren wie in der echten Welt.”

Sehr viel klüger wird man durch diese Antwort nicht, ein eindeutiges “Ja” klingt jedenfalls anders. Bei seinen “sehr kurzen” Demonstrationen in einer abgedunkelten Testumgebung konnte Crecente den Fokuseffekt laut eigenen Angaben nicht nachvollziehen.

Nun kann man diese etwas nebulösen Andeutungen einerseits verstehen, da Magic Leap dem Wettbewerb sicher nicht zu viel verraten möchte. Andererseits ist die einfache Bestätigung einer Funktion noch lange keine Anleitung zum Nachbau.

… und bin so klug als wie zuvor

Nach der Enthüllung von Magic Leap One ist ziemlich genau das bekannt, was schon zuvor bekannt war: Die AR-Brille hat ein wie auch immer geartetes Spezialdisplay verbaut, bietet eine ausgelagerte Recheneinheit und sie soll relativ zeitnah zu einem Preis von über 1.000 US-Dollar erscheinen.

Crecentes Bericht ermöglicht nur eine neue und konkrete Erkenntnis: Das größte Problem von Microsofts Hololens – das viel zu enge Sichtfeld – konnten Magic Leaps Ingenieure verbessern, aber nicht beheben. Wer Microsofts AR-Brille auf dem Kopf hatte, der weiß, dass die Briefmarkenoptik eine breite Adaption verhindert, da sie vielen Anwendungsszenarien im Wege steht.

Dass das beschnittene Sichtfeld der Lightwear-Brille bis zum Marktstart irgendwann in 2018 noch verbessert werden kann, schließt Magic Leap bereits aus. Erst die nächste Generation des Geräts soll “ein deutlich weiteres Sichtfeld” bieten. Bis dahin dürften einige Jahre vergehen.

Das zahlt auf Vorbehalte von Tech-Entscheidern wie Apples Tim Cook oder Facebooks Mark Zuckerberg ein, die unisono sagen, dass eine hochwertige AR-Brille noch nicht gebaut werden könne, da die notwendige Technologie nicht existiere. Sie investieren selbst viele Millionen US-Dollar in die Suche nach ihr.

Der Rolling-Stone-Journalist Crecente jedenfalls gibt im Nachgang zu seinem Bericht bei einer Frage-Antwort-Runde bei Reddit an, dass er nach seiner Demo und beim vermuteten Preis-Leistungs-Verhältnis privat keine Magic-Leap-Brille kaufe: “Keine Chance.” Seine Empfehlung: Er würde auf ein Gerät mit weiterem Sichtfeld warten.

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