Nichts riecht besser als frisch ausgepackte Hardware. Als Kind galt das für Legobausteine, heute für Elektrokram – bevorzugt VR- und AR-Brillen. Daher bin ich im Auftrag von VRODO dem Ruf der Mixed-Reality-Agentur Holo-Light gefolgt. Da gibt’s eine der ersten Magic-Leap-Brillen in Deutschland – und die habe ich getestet.


Über Holo-Light:

Der Magic-Leap-One-Test wurde ermöglicht durch Holo-Light. Die auf Mixed Reality spezialisierte Agentur sitzt in München und entwickelt AR- und VR-Anwendungen für Industriekunden. Weitere Informationen stehen auf der offiziellen Webseite. Vielen Dank!

Über den Autor:

Christian Steiner ist Mitgründer von senselab.io, einem Konzept- und Entwicklerstudio für VR-, AR- und KI-Anwendungen für Unternehmen und Organisationen. Senselab ist spezialisiert auf Anwendungen für Training und Schulung.


 

Zugegeben, selbst auspacken durfte ich Magic Leap One nicht. Das hatte die Agentur Holo-Light schon für mich erledigt. Dafür konnte ich mir die Ersteinrichtung sparen und direkt im Hauptmenü mit den vorinstallierten Apps loslegen.

Da ich in den letzten Jahren viele Erfahrungen mit Hololens sammeln konnte, ziehe ich im Test einige Vergleiche mit Microsofts AR-Brille.

Ich habe eine Pixelkanone und werde sie benutzen

Beim ersten Hochheben der Brille fällt mir direkt das deutlich geringere Gewicht auf. Erreicht wird das durch den im Lieferumfang enthaltenen Taschencomputer: Magic Leap hat die Hauptplatine in das handtellergroße Gehäuse verfrachtet. Das ist anders als bei Microsofts Hololens, bei der sämtliche Hardware in der Kopfhalterung steckt.

Befestigt wird der Zuspieler am Hosenbund oder mit der beiliegenden Schulterschlaufe. Mit der Schlaufe trägt man das Gerät Revolver-ähnlich seitlich am Körper wie in einem schlechten Detektivfilm. Augen auf statt Hände hoch: Die ultimative Nerdkanone schießt Pixel statt Blei.

Der Taschencomputer braucht Lüftungsschlitze samt Lüfter und wird im Betrieb dennoch spürbar warm. Dafür bietet er mehr Leistung als eine Nintendo Switch. Bild: Steiner:

Der Taschencomputer braucht Lüftungsschlitze samt Lüfter und wird im Betrieb dennoch spürbar warm. Dafür bietet er mehr Leistung als Nintendos Switch. Bild: Steiner:

Externer Zuspieler: Ingenieurskunst oder Notlösung?

In vielen Tests wurde der Taschencomputer als besonders clever gelobt. Ich halte ihn für eine Übergangslösung – speziell das Kabel nervt. Nach wenigen Minuten im Betrieb setzt außerdem ein Lüfter ein, der ordentlich warme Luft verbreitet. Wenigstens ist der leise.

Meine Vermutung: Magic Leap bekam von Investoren und der Fachöffentlichkeit zuletzt so viel Druck, endlich ein Produkt auf den Markt zu bringen, dass nicht die Zeit blieb, die Hardware so zu optimieren, dass wie bei Hololens alle Chips in das Brillengehäuse passten. Das Versäumnis verkauft das Unternehmen jetzt als innovatives Feature.

Übrigens: Die zwei Kabel, die vom Taschencomputer links und rechts in das Brillengestell führen, haben – wie wir jetzt wissen – nichts mit irgendwelchen Lichtfelddisplays zu tun. Als die ersten Patente auftauchten, war das eine gängige These für die Existenz des Doppelkabels, das ansonsten keinen Sinn zu ergeben schien.

Das ominöse Doppelkabel war einst Anlass für Spekulation zum Lichtfelddisplay. Die Wahrheit ist einfacher. Bild: Steiner.

Das ominöse Doppelkabel war einst Anlass für Spekulation über ein mögliches Lichtfelddisplay. Die Wahrheit ist einfacher. Bild: Steiner.

Die Wahrheit ist viel einfacher: Das Doppelkabel erleichtert die Kabelführung. Es gibt ein Kabel pro Brillenhälfte. Beide Kabel laufen im Nacken zu einem einzelnen Kabel zusammen. Das sorgt für ein symmetrisches Tragegefühl.

Ansonsten sitzt die Brille bequem auf dem Kopf, sie ist die allerdings nicht für Brillenträger geeignet. Magic Leap liefert Abstandhalter mit, in die man eigene Brillengläser einsetzen kann. Die beiden integrierten Lautsprecher sind passabel mit räumlich verortbarem Stereoklang. Sie liegen auf Hololens-Niveau.

Lautsprecher sind im Brillenbügel eingelassen. Bild: Steiner

Lautsprecher sind im Brillenbügel eingelassen. Bild: Steiner

Möchtegernapfel

An die Vorderansicht der One-Brille versuche ich mich seit der Enthüllung im Dezember 2017 zu gewöhnen. Magic Leap versucht, die voluminöse Bauweise irgendwie durch ein Pseudo-Hipster-Sexy-Apple-Style-Gehäuse zu kaschieren. Aber all die Kameras und Sensoren brauchen eben ihren Platz und entsprechend groß fällt das Brillengestell aus.

Die Vorderansicht der Magic-Leap-Brille - auf halbem Wege zum Lifestyle-Produkt. Bild: Steiner

Die Vorderansicht der Magic-Leap-Brille – auf halbem Wege zum Lifestyle-Produkt steckengeblieben. Bild: Steiner

Egal also ob Shaquille O’Neal, Beyoncé oder ich die One-Brille tragen, wir sehen damit alle gleich bescheuert aus. Vin Diesel als Riddick hätte da wohl noch die besten Chancen, nicht schräg angeguckt zu werden. Er kann sowas tragen. Mir fehlt die voluminöse Oberarmweite, die vom Gesicht ablenkt.

Well ... Montage: Steiner

Well … Montage: Steiner

Die getönten Brillengläser haben einzig und allein die Funktion, die Szene abzudunkeln, damit die dargestellten Hologramme kontrastreicher und weniger durchsichtig wirken als bei Hololens. Theoretisch schützen sie die Wellenleiter-Displays vor Schäden beispielsweise beim Arbeitseinsatz in einer Lagerhalle.

Das Foto durch die Linsen zeigt, wie stark diese die Umgebung verdunkeln. Dadurch erscheinen die Projektionen kräftiger. Bild: Steiner

Das Foto durch die getönten Linsen zeigt, wie stark diese die Umgebung verdunkeln. Dadurch erscheinen die Projektionen kräftiger. Bild: Steiner

Doppelter Tunnelblick

Allerdings würde ich die One-Brille genau für diesen Arbeitseinsatz nicht empfehlen. Denn in Hinblick auf die Arbeitssicherheit ist das wuchtige Gehäuse eine absolute Frechheit: Die breiten Brillenbügel erzeugen einen Tunnelblick, der das natürliche Sichtfeld auf gefühlt 80 Grad reduziert.

Im peripheren Sichtfeld sieht man daher deutlich die Ränder der Brille. Der Effekt ist noch auffälliger als bei aktuellen VR-Brillen. Ich glaube, das ist Absicht: Durch das reduzierte natürliche Sichtfeld sticht das enge digitale Sichtfeld weniger stark hervor.

Die Brillenbügel sind recht dick und verdecken das periphere Sichtfeld. Bild: Steiner

Die Brillenbügel sind recht dick und verdecken das periphere Sichtfeld. Bild: Steiner

Die Bauform zeigt, dass Magic Leap eindeutig kein Industrieprodukt auf den Markt bringen wollte. Eher möchte das Unternehmen sich selbst treu bleiben und eine Vision eines Endkundenprodukts andeuten. Die Zukunftsbrille, Stand heute.

Das früher großspurig angekündigte (“Alles, was man mit einem Smartphone machen kann, kann man auch mit Magic Leap machen”) und mittlerweile kleinlaut angedeutete Ziel des Unternehmens lautet, das Smartphone verdrängen zu wollen. Stattdessen sollen wir alle AR-Brillen im Alltag tragen. Mit Magic Leap One wird das vorerst nicht gelingen.

Grafik und Sichtfeld: Besser als Hololens

Nach dem äußerlichen Hardware-Check setze ich mir die Brille dann endlich auf den Kopf. Und mein Ersteindruck ist durchweg positiv: Grafisch sind die hauseigenen Softwarebeispiele über Hololens-Niveau. Im aktuellen VRODO-Podcast erzähle ich mehr dazu.

Das von vorne bis hinten animierte und durchgestylte Menü erinnert eher an Apples Stil als an Microsofts funktionale Windowsoberfläche. Stellenweise ist es für meinen Geschmack sogar etwas zu verspielt: Icons quietschen und wackeln bei der kleinsten Interaktion.

Das Sichtfeld ist etwas größer als bei Hololens. Keine Ahnung, ob es nun einer „liegenden Katze in einem Meter Entfernung“ oder einer “VHS-Kassette auf Armeslänge” entspricht. Solche Beschreibungen gibt es von Magic Leap und anderen. Sie sind irreführend, da bei einer Augmented-Reality-Brille deutlich mehr Faktoren den Sichtkegel beeinflussen.

Sichtfeld: Weiter ist noch nicht weit genug.

Für einen besseren Vergleich mit Hololens habe ich mir wie folgt geholfen: Ich öffnete jeweils mit Hololens und Magic Leap One die Browser-App. Der Browser ist auf beiden Systemen viereckig und füllt das gesamte Sichtfeld mit Licht aus.

Dann zog ich das Browserfenster so nahe an mich heran, dass die Browserkanten die Sichtfeldbegrenzung erreichten. Anschließend markierte ich die Seitenränder mit meinen Händen.

Das ist zwar keine auf den Grad genaue und wissenschaftlich verifizierte Messmethode. Aber sie verschafft einen guten Eindruck von dem, was man durch die One-Brillengläser sieht.

Das maximale Browser-Sichtfeld mit Hololens ...

Das maximale Browser-Sichtfeld mit Hololens …

... und das von Magic Leap.

… und das von Magic Leap.

Die offiziellen Angaben: Das horizontale Sichtfeld hat circa 40 Grad, das vertikale Sichtfeld rund 30 Grad. Die Sichtfelddiagonale liegt bei 50 Grad. Das Bildformat ist 4:3. Im Vergleich zum 16:9-Sichtfeld von Microsofts Hololens ist Magic Leap etwa fünf Grad breiter und bietet circa doppelt so viel vertikales Sichtfeld.

Fazit: Ja, das Magic-Leap-Sichtfeld ist weiter als bei Hololens. Und nein, es ist nicht weit genug, um im Alltag einen deutlichen Unterschied zu machen. Und mit dieser Erkenntnis können wir vorerst aufhören, über das Magic-Leap-Sichtfeld zu diskutieren. Es ändert sich ohnehin nicht mehr.

Schwächen beim Tracking

Leider sind mir während meines Tests deutliche Aussetzer beim Tracking aufgefallen. Das ist ärgerlich, denn eine glaubhafte und immersive Augmented-Reality-Erfahrung gibt’s nur mit stabilem Tracking.

Während Hololens vergleichsweise bombenstabiles Tracking bietet, dafür aber die Umgebung nur sehr grob auflöst, scannt und speichert Magic Leap die Umgebung in ein deutlich feineres Gitternetz ab. Dennoch ist die Auflösung noch nicht so gut, dass reale Objekte die digitalen nahtlos überdecken könnten.

Das 3D-Raumscanning von Magic Leap ist feiner als bei Hololens.

Das 3D-Raumscanning von Magic Leap ist feiner als bei Hololens. Dafür gibt es Aussetzer beim Scanning und Tracking.

Das Tracking läuft spürbar schlechter als bei Hololens: Die in den Raum projizierten digitalen Objekte verschoben sich bei meinem Test immer wieder wie von Geisterhand. Anschließende Korrekturen der Software sorgten für Zitteroptik. Womöglich ist die Systemleistung der Flaschenhals.

Beim Initiierungsprozess einiger Anwendungen gab es Lücken im Gitternetz, selbst bei absolut planen Flächen wie beispielsweise einem grauen Boden oder bei weißen Wänden.

Ich hoffe, diese Aussetzer stehen nicht in Zusammenhang mit der verbauten Hardware. Dann könnte das Tracking vielleicht durch Softwareupdates verbessert werden.

Handgesten hui, Controller pfui

Bedient habe ich die Magic-Leap-Menüs und Apps mit dem nutzlosen Controller und verschiedenen Handgesten.

Letztgenannte funktionieren sehr gut: Die Brille erkennt acht unterschiedliche Handgesten ohne spürbare Latenz. Ein fließendes Fingertracking, wie es beispielsweise die Fingertrackingkamera Leap Motion bietet, hat Magic Leap allerdings nicht. Das wäre für einen einheitlichen Bedienstandard in Augmented Reality wichtig.

Jetzt hat jeder Entwickler einen Einblick ins Magic-Keap-System. Gibt es etwas Neues zu entdecken? Augmented-Reality-Entwickler Tobias Kammann hat das SDK für VRODO auseinandergenommen.

Die Bedienung mit Handgesten funktioniert sehr gut. Bild: Magic Leap

Der Magic-Leap-Controller schmeichelt zwar mit samtweichem Plastik die Hand und fühlt sich hochwertig an. Das magnetische Pseudo-Raumtracking allerdings ist viel zu unpräzise. Auch hier meine ich, den Zeitdruck zu spüren, dem Magic Leap im Schlussspurt der Entwicklung sicher unterlag.

Der Magic-Leap-Controller liegt gut in der Hand. Das war es auch schon. Bild: Steiner

Der Magic-Leap-Controller liegt gut in der Hand. Das war es leider mit den Vorteilen. Bild: Steiner

Fazit: Magic Leap One ist zu früh und zu spät

Zusammengefasst ist Magic Leap eine brauchbare AR-Brille, die wie ein Lifestyle-Produkt wirken will, es aber noch lange nicht ist. Technisch mangelhaft ist wie bei Hololens das zu enge Sichtfeld. Hier hatte Magic Leap das größte Fortschrittspotenzial – und ist trotz großer Versprechen gescheitert. Die zwei Fokusebenen sind mir bei meinem Test nicht aufgefallen, weder positiv noch negativ.

Gut ist die flotte Nvidia-Hardware im Taschencomputer. So viel Rechenleistung bietet keine andere AR-Brille und die Grafik überzeugt. Allerdings unterliegt Magic Leap der zwei Jahre älteren Hololens beim Tracking deutlich.

“Hololens und Magic Leap haben unterschiedliche Stärken und Schwächen.” Luis Bollinger, Holo-Light

Magic Leap One ist also zu früh und zu spät: Zu früh für das, was die Brille sein will im Kontext aktueller technischer Möglichkeiten. Zu spät, um wie Hololens damals für einen Wow-Effekt und staunende Erstnutzer zu sorgen.

Holo-Light-Mitgründer Luis Bollinger nennt dennoch einen plausiblen Grund, weshalb es gut ist, dass Magic Leap One existiert: Es sei an der Zeit, dass Microsoft mit Hololens einen Mitbewerber auf Augenhöhe bekäme. „Beide Geräte haben unterschiedliche Stärken und Schwächen“, sagt Bollinger.

Womöglich reicht ja die Existenz der One-Brille schon, um Microsofts Zeitplanung für Hololens 2 zu beschleunigen. Gerüchten zufolge soll Microsofts zweite AR-Brille schon in den kommenden Monaten vorgestellt werden und im ersten Quartal 2019 erscheinen.

Wer sollte Magic Leap One kaufen?

Stand heute würde ich keinem meiner Kunden priorisiert eine Magic-Leap-Brille empfehlen, wenn ein reales Objekt digital erweitert werden soll. Dafür ist das Tracking noch zu schlecht. Falls Magic Leap das Tracking nicht via Softwareupdate deutlich optimiert, bleibt Hololens die erste Wahl.

Magic Leap One eignet sich gut fürs Marketing oder für Künstler.

Marketingabteilungen hingegen oder Künstler, die beispielsweise 3D Animationen vorführen wollen, sollten die Realität ab jetzt mit Magic Leap One digital erweitern. Die One-Brille ist leichter aufgesetzt und bietet dank stärkerer Rechenleistung die schönere 3D-Optik.

Für Endverbraucher ist Magic Leap One fast komplett nutzlos und damit viel zu teuer. Die Brille erfüllt keine Aufgabe besser als herkömmliche Computer. Vielleicht kommt noch die App, die diese Aussage über den Haufen wirft. Aufgrund des engen Sichtfeldes ist das zumindest unwahrscheinlich.

So oder so: Magic Leap One ist ein Stück Techgeschichte und darf in keiner Sammlung oder gut sortierten VR- / AR-Agentur fehlen. Alleine schon, um 2050 die schräge Retrobrille aus dem Schrank zu fummeln und den Enkeln zu zeigen, wie das damals aussah, als die Menschen versuchten, das Digitale in die Realität zu holen. Vor dem Hirnchip.


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