Magic Leap startet seine Twitch-Show: Sie wird ab sofort monatlich live übertragen und will angehenden Magic-Leap-Entwicklern Hilfestellung bieten. Augmented-Reality-Entwickler Tobias Kammann war bei der ersten Sendung dabei. Hat es sich gelohnt?

Autor: Tobias Kammann

Irgendwann bis Jahresende will Magic Leap die AR-Brille Magic Leap One auf den Markt bringen. Vieles ist noch unklar. Seit gut einem Monat haben zumindest Entwickler Zugriff auf etwas mehr Informationen im Creators Portal.

Mit der neuen Twitch-Sendung will Magic Leap die Entwickler-Gemeinschaft noch stärker ansprechen. Die erste Folge ging kurz auf das gestern in Version 0.13 veröffentlichte Lumin SDK ein und zeigte – eher enttäuschende – Praxisbeispiele aus der Entwickler-Gemeinde, die mit dem Emulator erstellt wurden.

Leider wurde nichts Neues zur Hardware verraten oder gezeigt, im Grunde hätte es auch eine Hololens-Sendung sein können. Dennoch war die Gesprächsrunde interessant und macht Lust auf weitere Folgen.

Wie programmiert man für räumliche Computer?

Der Chef des Interaktionslabors Brian Schwab sprach mit dem Gestalter Alan Noon über typische Stolperfallen bei der Mixed-Reality-Entwicklung. Es müssten neue Design-Paradigmen entwickelt werden, da typische “Bildschirmlösungen” nicht mehr funktionierten.

Der Anwender dürfe nicht überfrachtet werden mit Informationen, da er noch in der realen Welt agieren muss. Man solle ihm “gerade genug Pixel” zeigen.

Die beiden Magic-Leap-Vertreter sprachen auch über technische Augmented-Reality-Herausforderungen wie etwa die Verdeckung von virtuellen Objekten durch reale, Spezialdisplays oder Raumklang.

Neue Erkenntnisse gab es dabei nicht, auch nicht dazu, ob Magic Leap One womöglich doch Fingertracking auf Leap-Motion-Niveau bieten wird. Derzeit sieht es eher nach reiner Gestenerfassung aus.

Einen kleinen News-Happen gab es zur Sichtfeldweite: Angeblich trickst Magic Leap One den Brillenträger so gut aus, dass er den Beschnitt an den Seiten nicht wahrnimmt. Eine genaue Erklärung des Tricks gab es aber nicht. Bekannt ist, dass Magic Leap zu den Seiten hin die Transparenz der digitalen Einblendungen hochschraubt, um harte Kanten zu vermeiden.

Sehe nur ich das? Bin ich verrückt?

Spannender war die Diskussion zu den möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen der Mixed Reality: Werden wir alle in einer visuellen digitalen Blase eingesperrt?

Die Magic-Leap-Sprecher glauben das nicht: Multi-User-Anwendungen seien unterhaltsam und böten dem Anwender ein Gemeinschaftserlebnis. Man nehme digitale Inhalte gemeinsam als real wahr. Sie würden Teil der echten Welt.

Damit diese Mischwelt reibungslos funktioniert, brauche es eine ausgefeilte Objekterkennung und komplexe, hierarchische Semantiken, die dem System automatisiert Umgebungsdaten liefern: Ist das Objekt vor mir ein Tisch? Ist es ein Holztisch? Ist es mein Tisch?

Digitaler Assistent verlässt das Smartphone

Eine Klassifizierung auf so einem detaillierten Niveau ist zum Beispiel nützlich für digitale Assistenten, die nicht mehr nur als Smartphone-Stimme, sondern als virtuelle Person im physischen Raum existieren.

Brian Schwab zitiert in diesem Kontext den Uncanny-Valley-Effekt: Menschen fühlen sich unwohl in der Gegenwart virtueller Personen, die nur halbwegs glaubhaft aussehen. Laut Schwab kommt im Mixed-Reality-Kontext eine weitere Stolperfalle hinzu: Die Avatare müssten überzeugend aussehen und reagieren.

Magic Leap möchte Entwicklern Werkzeuge bieten, mit denen sie die Interaktion zwischen Brillenträger und digitalem Inhalt auswerten können. Sogenannte “MagicKits” mit Code-Snippets sollen bald veröffentlicht werden.

Mit ihnen können Entwickler analysieren, ob der Brillenträger gelangweilt wegschaut, verschlossen reagiert oder eine interessierte Körperhaltung einnimmt.

Diese Auswertung soll auch dem Storytelling dienen und dynamische Geschichten und Interaktionen entlang der Nutzerreaktionen ermöglichen.

Noch immer verschwiegen

Die erste Twitch-Sendung war – wie angekündigt – gerade für Entwickler interessant. Wer regelmäßig mit Microsofts Hololens arbeitet, lernte jedoch nichts grundlegend Neues.

Dennoch hat der Twitch-Kanal Potenzial und das Team wirkt sehr fit und mitteilungsbedürftig – wird aber anscheinend noch immer von oben ausgebremst. Die wirklich spannenden Fragen zur Hardware blieben unbeantwortet.

Magic Leap setzt die Reihe am 6. Juni bei Twitch fort. Die Videos sind nachträglich verfügbar. Im Video unten ist die erste Folge zu sehen.

Über den Autor:

Tobias Kammann ist AR-Fan seit dem ersten AR-Toolkit und arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Industrie, um die Mixed Reality Wirklichkeit werden zu lassen. Zur Zeit bastelt er im Metaverso an seiner Vision, betreibt den Augmented-Blog und möchte am liebsten morgen schon alle Handys und Bildschirme aus dem Fenster werfen und durch eine AR-Brille ersetzen.


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