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Metaverse-Erfinder: „Social Media konnte ich nicht vorhersehen“

von Matthias Bastian25. Juni 2017

In seinem Roman “Snow Crash” (1992) beschreibt Sci-Fi-Autor Neal Stephenson eine Zukunftsvision, in der die Virtual Reality ein fester Bestandteil des Alltags ist. In einer virtuellen Zwischenwelt, dem „Metaverse“, treffen sich die Menschen und leben ihre digitale Persönlichkeit aus.

Dieses Metaverse erfand Stephenson Anfang der 90er-Jahre. Für seinen neuen Arbeitgeber Magic Leap erzählt der Sci-Fi-Autor heute die gegenteilige Geschichte. Als Chef-Futurist vermittelt er Ingenieuren, Kreativen und Entwicklern seine Vorstellung einer Augmented-Reality-Zukunft, in der die digitale Welt nahtlos in die Realität integriert ist.

Im Interview mit der Webseite Vanity Fair beschreibt Stephenson Virtual und Augmented Reality als “komplett unabhängig voneinander und beinahe ohne Bezug zueinander”. VR sei dafür gemacht, Menschen aus ihrer Lebenswirklichkeit herauszuholen. Augmented Reality sorge für das Gegenteil.

“Wie man über Inhalte nachdenkt und Geschichten erzählt, was man mit den Geräten anstellen kann, ist komplett unterschiedlich”, sagt Stephenson.

Eine Zukunft, in der Menschen 24 Stunden pro Tag und sieben Tage die Woche in die digitale Sphäre eingeloggt sind, hält Stephenson für unausweichlich. Die Frage sei nicht, ob es passiert, sondern wie weich sich der Übergang vollziehen wird.

Stephenson stört sich am Smartphone, das die Menschen dazu bringe, vornübergebeugt durch den Alltag zu gehen. “Ich denke, dass es besser sein kann als das, was wir im Moment haben”, sagt Stephenson.

Werden Metaversen Filterblasen?

In Stephensons Sci-Fi-Vision ist das Metaverse eine allumspannende Digitalwelt, in der sich Nutzer – wie in der Realität – relativ gleichberechtigt begegnen können. Diese Annahme steht im Kontrast zur Netzentwicklung der letzten zehn Jahre.

Konzerne wie Facebook und Apple kreieren eigene Internet-Ökosysteme, in denen die Nutzer möglichst dauerhaft verweilen sollen, ohne ins „offene Web” hinaus zu müssen. Die Unternehmen wollen die gesamte Wertschöpfungskette unter eigene Kontrolle bringen.

Hinzu kommen unendlich viele kleinere und häufig privat betriebene Plattformen – von Foren über Blogs bis hin zu Nischennetzwerken – in denen sich Menschen gleicher Meinung treffen, um sich gegenseitig zu bestätigen. Sie finden über die personalisierten Algorithmen der Suchmaschinen zueinander.

Der öffentliche Raum zerfasert so in Millionen digitaler Mikrokanäle, die von einer zunehmend intransparent agierenden Werbeindustrie und anderen Interessenvertretern mit Inhalten zugeschüttet werden. Eine neutrale Orientierung ist kaum mehr möglich – der gesellschaftliche Diskurs droht zu ersticken.

“Mein Metaverse ist so konzipiert […], dass es nur eines gibt. Man muss dort hinein, man kann kein eigenes aufsetzen”, sagt Stephenson über die Snow-Crash-Idee.

Die Entwicklung nicht vorhergesehen

Der Autor glaubt, dass ein solches Konstrukt weniger anfällig für soziale Filterblasen ist als die aktuelle Web-Infrastruktur, in der jeder Nutzer mit einfachen technischen Mitteln eine eigene Plattform anbieten kann. Das größte Problem sei, dass der Filterprozess für den Nutzer unsichtbar stattfinde.

“Social-Media-Blasen sind so gefährlich, weil man nicht sieht, was man nicht sieht. Man nimmt nicht wahr, dass im Hintergrund ein Filter läuft”, sagt Stephenson.

Die Entwicklung von Social Media, habe er vor 25 Jahren, als er Snow Crash schrieb, nicht vorhergesehen. Damals stand das World Wide Web gerade erst in den Startlöchern. Heute hält sich Stephenson mit weiteren Prognosen zurück.

Auf die Frage, wie er zu einem von Facebook-Chef Marc Zuckerberg kontrollierten Metaverse stehe, antwortet Stephenson: “Am Ende läuft es immer auf die Frage hinaus, ob jeder einzelne Mensch dazu in der Lage ist, ethisch zu handeln und soziale Verantwortung zu übernehmen.“

„Snow Crash“-Film ist in der Mache

Stephenson beteuert, dass die Verfilmung seines Romans nach wie vor in Arbeit ist. Er habe sich erst kürzlich mit dem Filmteam getroffen, das sehr konzentriert an dem Projekt arbeite. Die Umsetzung ist schon seit vielen Jahren im Gespräch.

Druck auf das Filmteam möchte Stephenson nicht ausüben, auch wenn mit Steven Spielbergs Verfilmung zu „Ready Player One“ demnächst der erste große Metaverse-Roman den Sprung in die Kinos schafft. Der gleichnamige Roman erschien 2010, Stephensons Buch wurde 1992 veröffentlicht.

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Letzte Aktualisierung am 1.08.2017 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten


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| Featured Image: Fast Forward: Contemporary Science Fiction (Youtube-Screenshot) | Source: Vanity Fair

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