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„Mir ist sofort klargeworden, wie kraftvoll Virtual Reality ist.”

von Matthias Bastian8. Dezember 2015

Ende November fand der erste Hackathon für immersives Storytelling in München auf dem Gelände der Bavaria Film und im Bayerischen Filmzentrum statt. Die Annahme: Virtuelle Realität (VR) wird das Filmemachen in den nächsten Jahren revolutionieren.

In 360-Grad-Welten können wir Geschichten intensiver erleben denn je zuvor. Ein direktes sinnliches Erleben ruft Emotion und Empathie hervor. Aber wie “macht” man VR? Welche Technologien kommen dabei zum Einsatz, welche Kompetenzen braucht es im Team? Und vor allem, wie funktioniert das Erzählen? 50 Professionals aus der Medienbranche aus ganz Deutschland fanden sich zusammen, um ein Wochenende lang gemeinsam Projekte zu entwickeln, sich zu vernetzen und voneinander zu lernen. Wir sprechen mit Astrid Kahmke, die die Veranstaltung leitete.

VRODO: Wie seid ihr auf das Thema Virtual Reality gekommen?

Astrid Kahmke: Das Bayerische Filmzentrum richtet schon seit geraumer Zeit Formate aus, die Technologie und Content miteinander vernetzen. Und im Vorstand des Netzwerkes für Medienschaffende Transmedia Bayern hatten wir die Idee, einen VR-Hackathon für die eigenen Mitglieder zu veranstalten. Das lief dann sehr organisch – und das Interesse an der Veranstaltung war von Anfang an sehr viel größer, als wir das dachten. Offenbar hatten wir einen Nerv getroffen.

VRODO: Und was ist Dein persönlicher Bezug zu VR?

Kahmke: Das plattformübergreifende, interaktive Erzählen fasziniert mich. Die vielen Möglichkeiten, die sich mit den ständig neu entwickelten Technologien und der sich damit verändernden Mediennutzung ergeben, finde ich spannend und empfinde sie als große Chance. Ich bin Filmproduzentin, mein Hintergrund ist der internationale Kinofilm, davor war das Fernsehen, noch früher das Theater. Als Leiterin des First Movie Program coache ich junge Filmemacher, als Script Consultant begleite ich immer wieder einmal das ein oder andere internationale Projekt. Storytelling in all seinen Variationen und Ausprägungen hat mich mein Leben lang begleitet. Außerdem bin ich immer schon sehr neugierig gewesen. Es war nur eine Frage der Zeit bis ich die erste Oculus auf dem Kopf hatte. Virtual Reality ist ein alter Traum, der durch neue technologische Möglichkeiten Fahrt gewinnt. Das immersive Erleben ist überraschend und in den meisten Fällen überwältigend. Klar interessiere ich mich dafür.

Astrid Kahmke: Ab in die virtuelle Realität.

Astrid Kahmke: Ab in die virtuelle Realität. Quelle: Marcel Tieste, Bayerisches Filmzentrum 2015

VRODO: Gab es einen persönlichen “Aha-Moment” in der virtuellen Realität für Dich?

Kahmke: Oh ja, das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal eine Oculus auf der Nase hatte. Ich stand plötzlich an der arktischen Küste und holte unvermittelt tief Luft – als wäre ich wirklich dort. 360° Polar Sea war meine erste Begegnung mit Virtual Reality und hat mich sofort fasziniert. So gesehen hat mich Thomas Wallners 360°Reise in die Arktis in das Medium eingeführt – und jetzt haben wir Thomas Wallner zum Hackathon geholt. Ein Medium, das buchstäblich Glücksgefühle hervorrufen kann, muß einen doch interessieren, oder nicht? Eine zweite Begegnung war eine Wildlife Experience. Wieder Realfilm, wieder 360°, diesmal war ich mit einer Bisonherde inmitten der Prärie. Das hat mich ins Herz getroffen. Viele Experiences später habe ich “The Unknown Photographer” bei Marc Beaudet (Turbulent) in Montréal erleben können, das war unglaublich emotional. Mir ist sofort klargeworden, wie kraftvoll diese neue Technologie ist.

VRODO: Beim Hackathon haben wir gemerkt, dass das Geschichten erzählen in VR noch eine echte Herausforderung und komplettes Neuland ist. Dafür gewinnt aber die Umgebung an Relevanz – die Oculus-Story-Studios schrieben kürzlich: “Story is King. But Presence is Magic.” Entsteht hier vielleicht ein ganz neues Genre des Films, bei dem die Drehumgebung der heimliche Star ist? Oder fallen wir früher oder später zurück in schon etablierte Story- und Drehkonzepte?

Kahmke: Ich würde sogar noch weitergehen – es ist ein neues Medium, das eine völlig neue Narration und Rezeption erschafft. Im Kino, beim Fernsehen, beim Lesen, beim Zuhören, beim Zuschauen – immer bin ich als Rezipientin einer Geschichte diejenige, die einem Geschichtenerzähler oder einer Narration Aufmerksamkeit schenkt. Ich hier, die Geschichte dort – es gibt eine klare räumliche und zeitliche Trennung. In virtuellen Realitäten ist das anders. Da bin ich mitten im Geschehen, das Zentrum einer 360°-Welt, die um mich herum erscheint. Die Welt selbst, das Erleben der Immersion, das Erkennen, dass ich zum Protagonisten dieser Geschichte werden kann, ändert alles. Plötzlich kann ich über die Perspektive bestimmen, den Bildausschnitt, den Erzählduktus, das Tempo, die Verweildauer und damit mein persönliches Erleben. Der Regisseur breitet im Grunde genommen seine ganze “Weltkarte”, seine “Storyworld”, auf einmal aus und stellt sie dem User hin: “Hier. Sieh dich mal um. Probier mal”.  Es ist ein Angebot. Er gibt die Kontrolle über Timing, Pacing und im Grunde genommen auch über die Struktur ein Stück weit ab.

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VRODO: Was ändert sich dadurch?

Kahmke: Das aristotelische Gesetz, eine Geschichte habe einen Anfang, eine Mitte und ein Ende ist auf den ersten Blick gar nicht leicht einzulösen in einer 360°-Umgebung, in der der User maßgeblich darüber entscheiden kann, wann er was sieht, was er tut und wann er wieder damit aufhört. Perspektive und Auflösung werden plötzlich zur Herausforderung, wenn man zum Beispiel zwei Menschen im Dialog filmen möchte. In einer Flatscreen-Umgebung ist das leicht: Man dreht einfach aus zwei Richtungen, vielleicht noch im Anschnitt, um die zweite Person spürbar zu machen, wechselt vielleicht noch die Größe, und fertig – eine simple Standardsituation, solange man nicht über die Achse springt. In 360° ist das bereits eine Herausforderung, will man vermeiden, dass der User sich selbst als eine der beiden Personen empfindet – erst recht, wenn er keine eigene Körperlichkeit in der VR Umgebung hat. Natürlich kann man die Aufmerksamkeit des Users lenken, mit Soundeffekten zum Beispiel, oder optischen Hinweisen. Da wird gerade viel ausprobiert.

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