Update vom 24. November 2018:

Der Erfinder des Vibrationskopfbands Samuel Owen meldet sich bei Reddit zu Wort und verrät mehr über seine Technologie:

  • Ototech sei ein medizinisches Unternehmen und entwickele Lösungen gegen Schwindel und Übelkeit.
  • Der VR-Markt sei nicht die Zielgruppe, das Kopfband jedoch eine Universallösung.
  • Eine Lizenzierung an Hersteller sei möglich, den direkten Vertrieb schließt Owen aus.
  • Das Kopfband könne man mit Bauteilen des Elektronikherstellers Adafruit selbst bauen, laufe dann aber in dieselben Probleme wie er selbst vor vier Jahren: Lautstärke, Hitze, Größe und Gewicht.
  • Diese Faktoren seien für VR-Brillen womöglich weniger wichtig, da man ohnehin schon “ein großes, hässliches Gerät” am Kopf trage.
  • Eine klinische Studie zur Wirkung des Geräts soll im kommenden Frühling an die wissenschaftlichen Fachzeitschriften “Journal of Neurology” und “Journal of Vestibular Research” übermittelt werden.
  • Das Ergebnis der Studien: Jeder Proband mit VR-Übelkeit soll durch das Kopfband “signifikante Verbesserungen” erlebt haben.
  • Eine Studie wurde mit dem Weltraum-VR-Spiel “Eve: Valkyrie” durchgeführt. Ohne das Kopfband sollen 35 Prozent der Nutzer nach 15 Minuten aufgegeben haben und 75 Prozent zeigten wenigstens ein Symptom für VR-Übelkeit (> 5 von 9 Punkten für ein einzelnes Symptom auf einer Skala).
  • Mit dem Kopfband soll keiner der Probanden vorzeitig aufgegeben haben. Symptome für VR-Übelkeit wurden geringer bewertet (< 5 Punkte über alle Symptome hinweg).
  • Der Anbieter von VR-Trainings “VR Motion” testete das Kopfband an über 1.000 Nutzern. Für gewöhnlich beenden 20 bis 30 Prozent das VR-Training vorzeitig wegen Übelkeit. Seit das Kopfband im Einsatz ist, sollen es nur noch zwei gewesen sein.
  • Owens Erfindung dreht sich primär um die richtigen Frequenzen, die Übelkeit verhindern. Die Ergebnisse seien unerwartet gewesen und bisher noch nicht publiziert oder patentiert worden.
  • Was genau im Gehirn passiert, bleibt vorerst unklar. Das ändere jedoch nichts an der “unglaublichen Wirksamkeit”. Das Vibrationsband beseitige Bewegungsübelkeit in 99 Prozent der Anwendungsszenarien. Falls sie doch auftritt, dauere es länger und man erhole sich schneller.
  • Der aktuelle Prototyp sei bequem und die Vibration nach einer Weile nicht mehr spürbar und beinahe unhörbar.
  • Die genaue Platzierung soll nicht entscheidend sein, irgendwo am Hinterkopf reiche aus.
  • Womöglich würde das Kopfband nur am Anfang benötigt, bis Nutzer sich an die virtuelle Fortbewegung gewöhnt hätten – so ähnlich wie Stützräder am Fahrrad.
  • Die Wirkung verbessere sich bei häufiger Nutzung. Ob Übelkeit entstehe oder nicht, hänge stark mit der Erwartungshaltung zusammen. Das Gehirn müsse sich daran gewöhnen, dass Übelkeit ausbleibt. Das soll ab der zweiten oder dritten Anwendung passieren, so Owens Theorie. Sie soll in weiteren Untersuchungen verifiziert werden.

Ursprünglicher Artikel vom 21. November 2018:

Wenn der Körper nicht fühlt, was das Auge in der Virtual Reality sieht, kann das zu Übelkeit führen. Konstante, leichte Vibration am Schläfenbein soll den Gleichgewichtssinn beschäftigen und so die Ursache für VR-Übelkeit überschreiben.

Ototech heißt das VR-Kopfband des Erfinders Samuel Owen: Getragen wird die kleine Vibrationseinheit am Hinterkopf, so nahe am Ohr wie möglich. Von dort sollen die Vibrationen auf die feinen Ohrknöchelchen und Nerven übertragen werden und so auf den Gleichgewichtssinn einwirken.

Nach ersten Tests wirkt das Gerät, auch wenn Owen diese Wirkung nicht mit Gewissheit erklären kann.

Seine Arbeitshypothese lautet: “Irgendwo – wahrscheinlich im Kleinhirn – gibt es einen Filter, der nicht-informative Reize herausfiltert. Aus diesem Grund bemerkt man das T-Shirt am Rücken nicht”, sagt Owen der Webseite Defense One.

Sein Gerät soll diesen Filter aktivieren: Die Vibration sendet einen konstanten, chaotischen Stimulus an das Gleichgewichtsorgan ohne Bewegungsinformationen.

Falsche Bewegungsinformationen, die VR-Übelkeit verursachen, werden durch diesen Dauerreiz einfach überschrieben und daher vom Gehirn ignoriert.

 

Das Gerät vibriert in unterschiedlichen Intensitätsstufen, je nach Anwendungsszenario. Bild: Ototech

Das Gerät vibriert in unterschiedlichen Intensitätsstufen, je nach Anwendungsszenario. Bild: Ototech

Ursache für VR-Übelkeit überschreiben

Insgesamt vier Nervenstränge würden vom Gleichgewichtsorgan im Ohr ausgehen, zwei zu den Reflexen, zwei ins Gehirn. Der Trick sei, dass die Vibration nur die beiden Reflex-Nervenstränge mit unbrauchbaren Informationen überschreibt.

So nimmt man die VR-Bewegung visuell zwar bewusst wahr, das Gleichgewichtsorgan schlägt jedoch keinen falschen Alarm mehr. Mit einer Lautstärke unter 50 Dezibel soll die Knochenmassage beinahe unhörbar sein.

Derzeit wird das Gerät in verschiedenen Anwendungsszenarien getestet, auch von einem Anbieter für VR-Fahrertraining unter anderem für das US-Militär. Der Inhaber Keith Maher beklagt normalerweise eine Übelkeitsquote von 20 bis 30 Prozent bei virtuellen Truckfahrten. Er spricht von einer “insgesamt verbesserten VR-Erfahrung” durch Owens Gerät.

Forscher bei Jaguar Land Rover führen eine Doppelblindstudie durch, die demnächst veröffentlicht werden soll.

Interessant ist Owens Erfindung in Verbindung mit einem Gerücht zu Valves neuer VR-Brille: Die soll angeblich mit Vibrationseffekt in den Kopfhörermuscheln kommen, die eigentlich nur im Kontext von VR-Übelkeit Sinn ergibt.

Die Vibration soll die Verbindung zwischen Sicht und Gleichgewichtsorgan überschreiben. Bild: Ototech

Die Vibration soll die Verbindung zwischen Sicht und Gleichgewichtsorgan überschreiben. Bild: Ototech

Weiterlesen über VR-Übelkeit:


Tagesaktuelle und redaktionell ausgewählte Tech- und VR-Deals: Zur Übersicht
VRODO-Podcast #120: Cebit-Erinnerungen, Duplex-Menschen und KI-Vorurteile | Alle Podcast-Folgen


Unsere Artikel enthalten vereinzelt sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über einen dieser Links erhalten wir eine kleine Provision. Der Kaufpreis bleibt gleich.