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NFL will mit Virtual Reality gegen Rassismus und Sexismus vorgehen

von Matthias Bastian10. April 2016

Seit Chris Milk Virtual Reality als “Empathiemaschine” bezeichnete, wird das Potenzial von VR in sozialen Kontexten intensiv diskutiert. Für Jeremy Bailenson von der Stanford Universität ist das alles nicht neu.

Schon seit 2003 forscht der Wissenschaftler gemeinsam mit Kollegen an der Stanford Universität an der Frage, ob und wie sich Virtual Reality auf das Empathievermögen von Menschen auswirkt. Mit zunehmendem Reifegrad der Technologie haben Unternehmen und Organisationen nun vermehrt Interesse daran, VR-Trainings einzusetzen. Das hat auch einen schnöden monetären Hintergrund: Früher hätte die nötige Hardware zehntausende US-Dollar gekostet, jetzt bekommt man sie für einen Bruchteil der Summe.

“Bei unseren Experimenten stellen wir immer wieder fest, dass Menschen dazu neigen, mehr Mitgefühl zu entwickeln, wenn sie etwas selbst erleben, anstatt es sich nur vorzustellen oder anzusehen.” Jeremy Bailenson, Direktor des Virtual Human Interaction Lab

Als Vertreter der NFL vergangenen Sommer in Bailensons “Virtual Human Interaction Lab” in Stanford vorbeischauten, wollten sie sich eigentlich nur darüber informieren, wie man VR nutzen kann, um die taktischen Fähigkeiten von Footballern zu schulen. Mittlerweile setzen eine ganze Reihe NFL-Teams Virtual Reality für das Training der Spieler ein. Bei ihrem Besuch hatten die NFL-Verantortlichen dann die Idee, dass man VR-Brillen nicht nur dafür einsetzen kann, um Taktik zu schulen und das Spielverständnis zu verbessern, sondern auch, um die Akzeptanz, Toleranz und das soziale Miteinander im eigenen Unternehmen zu fördern.

Diversity-Training mit Virtual Reality

Sogenannte Diversity-Trainings sollen Rassismus und Sexismus vorbeugen. Dabei werden Menschen Situationen ausgesetzt, in denen sie selbst Opfer von Übergriffen werden oder diesen zumindest virtuell beiwohnen. Das Ziel: Mitarbeiter sollen mehr Empathie für Kollegen entwickeln, die von Rassismus oder Sexismus betroffen sind. Virtual Reality soll diese Trainings zukünftig besonders authentisch simulieren.

Der Schlüsselbegriff lautet “Präsenz”, also das Gefühl, direkt am Tatort zu stehen oder in die Rolle des Opfers zu wechseln. Und das nicht nur in einem inszenierten Schauspiel, sondern so, dass man die Schmähungen durch die Augen und Ohren des Opfers umittelbar selbst ertragen muss. Das ist neu an VR, kein anderes Medium und keine andere Trainingsmethode kann so eine Wirkung erzielen.

Fraglos fehlen noch die Langzeitstudien, die die nachhaltige Wirksamkeit solcher Trainings nachweisen. Auch der langfristige Nutzen herkömmlicher Diversity-Trainings, die ohne VR-Brille und Virtual-Reality-Simulation auskommen, sind umstritten.

“VR kann echte soziale Konfliktsituationen vermitteln und es Menschen ermöglichen, besser zu werden”, sagt Troy Vincent, Vizepräsident für das Footballgeschäft der NFL. Im Fokus steht dabei die Diskriminierung von farbigen Mitarbeitern und Frauen; ein Großteil der Führungspositionen der NFL werden von weißen Männern besetzt. Die NFL möchte die virtuellen Diversity-Trainings noch in diesem Jahr einführen, um “der beste Arbeitsplatz überhaupt zu werden.”

Geschenkt bekommt die NFL diese Leistung natürlich nicht, Bailenson gründete mit seinen Kollegen das Unternehmen StriVR für kommerzielle Projekte. Das bietet “immersive Trainings” im Sportbereich an und kooperiert bereits mit mehr als einem Dutzend Profimannschaften aus verschiedenen Sportarten. Vielleicht kommt ja bald ein weiterer, sehr namhafter Kunde dazu. Laut Bailenson besuchen vermehrt Mitarbeiter von Apple das Labor an der Stanford Universität.