Mit dem günstigen Preis für Oculus Go lädt Facebook viele Interessierte zum Einstieg in Virtual Reality ein. Bei der Recherche zur besten VR-Brille stößt man jedoch unweigerlich auch auf Oculus Rift. Dabei fällt auf: Vergleicht man die teuerste Go-Brille (270 Euro) mit einem günstigen Rift-Angebot (mitunter ab 400 Euro), dann trennt die beiden VR-Brillen preislich gar nicht so viel. Was sind die Unterschiede zwischen Oculus Go und Oculus Rift? Und wer sollte welche Oculus-Brille kaufen?

Gemeinsam haben die beiden VR-Brillen ihren Hersteller und den ähnlichen Formfaktor. Die Facebook-Tochter Oculus konstruierte beide Geräte.

Die Geschichte von Oculus Rift reicht zurück bis in den Sommer 2012, als der VR-Shooting-Star Palmer Luckey bei Kickstarter erfolgreich war – unterstützt von Größen der Gaming-Branche wie dem Doom-Erfinder John Carmack.

Seit der Kickstarter-Kampagne hat sich viel getan: Aus dem hässlichen und kaum brauchbaren Prototyp ist eine ansehnliche und hochwertige VR-Brille geworden, die seit März 2016 auf dem Markt ist. Oculus gehört mittlerweile zu Facebook und Palmer Luckey nicht mehr zu Oculus.

Mit Oculus Go beginnt jetzt also das nächste Kapitel von Facebooks VR-Plänen: Seit Mai 2018 ist die Brille im Handel erhältlich. Und wenn alles läuft wie geplant, wird sie viel häufiger verkauft als Oculus Rift.

Doch was genau ist der Unterschied zwischen Oculus Go und Oculus Rift? Und für wen lohnt sich welche Brille?

In diesem kurzen Ratgeber beschreibe ich die drei wichtigsten Unterschiede für Einsteiger, die Kaufberatung suchen zu der für sie geeigneten Oculus-Brille.

PC-Brille vs. eigenständige VR-Brille

Auf den ersten Blick scheint Oculus Rift im Preis-Leistungs-Verhältnis das bessere Angebot zu sein. Immerhin ist die VR-Brille das Highend-Modell und kostet nur rund 200 Euro mehr als Oculus Go. Dafür sind zwei hochwertige VR-Controller und ein Raumtrackingsystem im Paket enthalten. Oculus Go bietet nur einen einfachen Bewegungscontroller und sonst kein Zubehör.

Natürlich gibt es beim Rift-Preis einen Haken. Für Highend-VR braucht es nämlich einen Highend-PC: Oculus Rift ist auf einen leistungsfähigen Spiele-PC als Zuspieler angewiesen.

Den gibt es in der günstigsten Variante ab circa 600 Euro. Wer ein zukunftssicheres System und maximale VR-Qualität will, sollte mit mindestens 1.000 Euro Zusatzkosten zur Rift-Brille rechnen. Außerdem muss Oculus Rift mit einem Kabel am PC angeschlossen werden. Oculus Go hingegen ist komplett kabelfrei.

Ein Drahtlosadapter für Oculus Rift ist zwar verfügbar, aber er ist teuer und umständlich. Auch der Aufbau und die Konfiguration der Rift-Brille sind recht komplex und eher für erfahrene PC-Nutzer gedacht. Zum Beispiel muss man zwei oder mehr Kameras auf dem Schreibtisch und in der Umgebung positionieren, die die Bewegungen des Brillenträgers erfassen.

Oculus Go ist auf Einfachheit optimiert

Oculus Go hingegen funktioniert direkt aus der Packung: Aufsetzen, anschalten, fertig – es wird kein weiteres Zubehör benötigt. Denn in der Go-Brille ist schon ein Mittelklasse-Smartphone verbaut, ungefähr auf dem Niveau eines Samsung Galaxy S7.

Die Hard- und Software von Oculus Go ist allerdings für VR optimiert und bietet spezielle Rendertricks, sodass die Go-Brille etwas schneller rechnet als vergleichbare Smartphone-VR-Brillen und schönere Grafiken darstellen kann. Das könnte sich insbesondere ab der zweiten Generation Go-Software als Vorteil erweisen, wenn Entwickler ihre Apps von Grund auf für Oculus Go entwerfen.

Sogar das Display von Oculus Go ist etwas höher aufgelöst als das von Oculus Rift (2.560 x 1.440 Pixel vs. 2160 x 1200). Das macht sich durch besser lesbare Schriften und schärfer dargestellte Videos bemerkbar.

Dennoch: Oculus Rift mit einem schnellen Spiele-PC bietet viel aufwendiger gerenderte Virtual-Reality-Welten und Apps mit mehr Tiefgang. Oculus Go ist für Zwischendurch-VR und Portabilität optimiert. Doch dazu später mehr.

Ob euer aktueller PC schnell genug ist für Oculus Rift, könnt ihr mit dieser Oculus-Software überprüfen. Oculus empfiehlt für eine gute Qualität eine Grafikkarte ab einer Nvidia GTX 1060 / 970 (ab 270 Euro), einen Intel i5-4590 / AMD Ryzen 5 1500X Prozessor oder schneller, mindestens 8 GB Arbeitsspeicher und drei USB 3.0 Anschlüsse sowie einen USB 2.0 Anschluss.

Laut Oculus-Manager Jason Rubin bleibt der PC langfristig die beste Plattform für Highend-Virtual-Reality. Die Preise sollen weiter sinken.

Bei Oculus Rift geht nichts ohne einen schnellen Spiele-PC, der “VR-Ready” ist. Bild: Oculus

Raumfüllende VR und virtuelle Hände vs. Guck- und Zeige-VR

Beim Tracking geht die VR-Qualitätsschere zwischen Oculus Rift und Oculus Go besonders weit auseinander. Mit der Rift-Brille kann man den Kopf drehen, neigen und sich mit dem ganzen Körper in die Tiefe des Raumes bewegen.

Sieht man beispielsweise ein virtuelles Objekt vor sich und möchte es aus der Nähe betrachten, dann beugt man sich einfach nach vorne.

Wer zwei oder mehr Rift-Sensoren aufbaut, kann sogar ein paar Schritte durch den virtuellen Raum laufen. Das ist mitunter schon nah dran am Metaverse-Gefühl.

Mit Oculus Go hingegen ist das nicht möglich: Der Brillenträger verharrt wie zur Säule erstarrt fix an einem Punkt im Raum. Fortbewegen kann er sich nur künstlich wie in einem Videospiel am Monitor. Das erhöht das Risiko für VR-Übelkeit und schafft eine größere Distanz zwischen Inhalt und Brillenträger. Man fühlt sich nur so halb in der VR-Welt.

VR mit oder ohne Anfassen

Ein weiterer Pluspunkt für Oculus Rift: Man hat zwei virtuelle Hände, die Oculus-Touch-Controller. Mit ihnen greift der Brillenträger virtuelle Objekte sehr realistisch. Die Controller erkennen sogar, wenn man den Daumen oder den Zeigefinger hebt und auf einen Gegenstand oder eine Person zeigt. Das wertet die Interaktion in Virtual Reality massiv auf und sorgt für ein viel glaubhafteres Erlebnis.

Der VR-Controller von Oculus Go hingegen erfasst Bewegungen – wie die Go-Brille auch – nur eingeschränkt: links, rechts, oben, unten und Rotation werden erkannt, Bewegungen in die Tiefe des Raumes nicht. Man kann so zwar auf ein virtuelles Objekt zeigen – wie mit einem Laserpointer – es aber nicht greifen. Außerdem bietet Oculus Go nur einen VR-Controller, nicht zwei wie Oculus Rift. Ein realistisches Hand- und Greifgefühl kommt so nicht auf.

Das zeigt: Bei Tracking-Qualität und Handinteraktion trennen Oculus Go und Oculus Rift Welten.

Das ist aber nur bei interaktiven VR-Apps wichtig: Bei 2D-Videos auf einer virtuellen Leinwand oder 360-Grad-Videos spielt es keine Rolle. Denn hier ist der VR-Brillenträger ohnehin auf einen Standpunkt fixiert, nämlich den der Kamera oder des Zuschauers.

Bei Video-Inhalten hat Oculus Go aufgrund der besseren Portabilität und der leicht höheren Screen-Auflösung die Nase sogar etwas vorne. Einige Oculus-Rift-Besitzer kaufen sich Oculus Go daher als Ersatz- und Videobrille für unterwegs. Die Go-Brille eignet sich gut fürs Hotel, die Bahn oder den Flieger – wenn man mutig genug ist, sie in der Öffentlichkeit zu tragen.

Dank eines tieferen Preises und mehr Zugänglichkeit soll das Gerät wie Nintendo Wii Normalverbraucher ins Ökosystem holen.

Oculus Go hat für eine VR-Brille zwar ein gutes Design. Aber ein bisschen doof sieht man dennoch damit aus. Bild: Oculus

Komplexe VR-Welten erleben vs. Zwischendurch-VR

Zwar bieten sowohl Oculus Go als auch Oculus Rift Zugang zum Oculus Store. Aber die App-Bibliothek in den beiden Digitalläden unterscheidet sich grundlegend.

Im Oculus Store für Oculus Rift sind viele hochwertige Virtual-Reality-Inhalte verfügbar – insbesondere Spiele – die zum Teil Millionen US-Dollar in der Produktion gekostet haben. Populäre Beispiele sind das schwerelose Weltraumabenteuer Lone Echo, der spielbare Gruselfilm Wilson’s Heart oder das grelle Rhythmusspiel Beat Saber. Diese Apps bieten Unterhaltung auf höchstem VR-Niveau.

Der Oculus Store für Oculus Go hingegen bietet im Vergleich eher einfache VR-Apps und -Spiele, darunter abgespeckte Varianten von bekannten Rift-Anwendungen. Der Qualitätsunterschied ist vergleichbar mit dem zwischen vollwertigen PC-Spielen, mit denen man sich am Wochenende eingräbt, und Smartphone-Games, die man unterwegs kurz zwischendurch spielt.

Auch hier gilt die zuvor erwähnte Video-Ausnahme: Video-Apps sind bei beiden Oculus-Brillen qualitativ auf Augenhöhe – mit leichten Vorteilen für Oculus Go. So sehen zum Beispiel Netflix-Videos und -Serien aufgrund der höheren Auflösung im virtuellen Go-Kino schöner aus als im Rift-Kino.

Übrigens: Oculus Go teilt sich eine App-Bibliothek mit Samsung Gear VR. Wer Gear-VR-Apps besitzt, kann diese auch mit Oculus Go nutzen. Der Login im Oculus Store ist derselbe.

Go-Apps sind aber nicht mit Oculus Rift kompatibel, umgekehrt sowieso nicht. Mitunter gibt es aber Portierungen in die eine oder andere Richtung.

Der wohl größte Unterschied zwischen Rift und Go: Der Rift-Controller (links) verleiht virtuelle Hände. Mit dem Go-Controller (rechts) kann man nur auf Objekte zeigen. Bild: VRODO / Oculus

Der wohl größte Unterschied zwischen Rift und Go: Der Rift-Controller (links) verleiht virtuelle Hände. Mit dem Go-Controller (rechts) kann man nur auf Objekte zeigen. Bild: VRODO / Oculus

Fazit: Oculus Rift oder Oculus Go kaufen?

Die drei Unterschiede zeigen, dass beide Oculus-Brillen trotz einiger Ähnlichkeiten letztlich für sehr unterschiedliche Zielgruppen und Anwendungsszenarien geeignet sind. Die Brillen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich im Optimalfall sogar.

Oculus Rift bietet das volle Virtual-Reality-Erlebnis samt Raumbewegung und virtueller Hände. Hier gibt es die Highend-Games und -Apps, die Spieler und Enthusiasten fesseln und hochwertige Unterhaltung über einen längeren Zeitraum bieten. Dafür sind Hard- und Software teuer und man benötigt zusätzlich zur VR-Brille einen schnellen Spiele-PC. Highend-VR-Alternativen zu Oculus Rift sind HTC Vive, Vive Pro oder Windows Mixed Reality.

Oculus Go hingegen ist für mobile Zwischendurch-VR gedacht und besonders gut für Videos geeignet, sowohl in 360-Grad als auch in 2D oder 3D auf einer großen virtuellen Kinoleinwand. Spiele und interaktive Apps sind nicht wie bei Oculus Rift der Mittelpunkt, sondern eher ein netter Bonus und ein zusätzlicher Zeitvertreib. Die Interaktion ist ziemlich eingeschränkt und die Grafik eher auf gutem Smartphone-Niveau. Dafür ist die Brille günstig, portabel und einfach in der Handhabung: Man packt sie aus und setzt sie auf.

Virtual Reality Podcast: Alles über Oculus Go

In unserem aktuellen Podcast sprechen wir ausführlich über Oculus Go. Hört doch mal rein, vielleicht beantworten wir noch die ein oder andere offene Frage. Außerdem sprechen wir über weitere VR- und AR-Neuigkeiten von Facebooks F8-Entwicklerkonferenz und das VR-Hype-Spiel Beat Saber.

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