0

Oculus Rift: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – The Town of Light ausprobiert

von Tomislav Bezmalinovic24. November 2016

“The Town of Light” erschien im Februar für den PC und erzählt von den traumatischen Erlebnissen eines 16-jährigen Mädchens, das gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Klinik festgehalten wurde. Was die meisten nicht wissen: Das Spiel bietet einen Virtual-Reality-Modus für Oculus Rift. Wir haben uns die VR-Brille aufgesetzt und uns nach Volterra begeben.

Das ehemalige Ospedale Psichiatrico di Volterra ist eine der berüchtigsten psychiatrischen Anstalten Italiens. Wer in den 1887 gebauten Komplex eingesperrt wurde, wurde entmündigt und war der Willkür der Ärzte ausgeliefert. Diese konnten Patienten weit über die geplante Aufenthaltsdauer in dem Krankenhaus festhalten. Wer in das Hospital von Volterra eingeliefert wird, so hieß es, kommt nie wieder zurück.

Täglich wurden Zwangsbehandlungen durchgeführt. Viele Insaßen starben an Elektroschocktherapien, Lobotomisierungen oder den katastrophalen hygienischen Umständen. Zeitweise waren bis zu 6000 Menschen in der Anstalt untergebracht. Dabei reichte es, wenn man trunksüchtig, homosexuell oder schlicht unbeliebt war, um in das Krankenhaus eingesperrt zu werden. Erst 1978 verfügte die italienische Regierung die Schließung der Anstalt, die seither verlassen ist und verwittert.

Ein detailgetreuer Nachbau des Originalschauplatzes

Das italienische Spielestudio LKA hat ein Spiel entwickelt, das stellvertretend für die vielen Opfer der Anstalt die fiktive Geschichte einer Frau erzählt, die Jahrzehnte nach ihrer Freilassung an den Ort zurückkehrt, um ihre Erlebnisse aufzuarbeiten. Ihre Erinnerung an diese Zeit ist ausgelöscht und so begibt man sich in das verfallene Krankenhaus und sucht die alten Räume auf und hält Ausschau nach Gegenständen, die das Gedächtnis beleben könnten.

Die Ruine und deren Umgebung wurden originalgetreu und mit viel Liebe zum Detail nachgebaut: Kunstvolle Malereien und verblasste medizinische Illustrationen zieren die Wände, von denen allenthalben der Putz abblättert, Staubwolken treiben durch die Korridore und in den Innenräumen stehen verrostete Apparaturen und Instrumente, die ihre eigene Geschichte erzählen. Durch die VR-Brille wirkt all dies noch eindringlicher und bedrückender als sonst.

Der VR-Modus ist ungenügend umgesetzt

Leider ist der VR-Modus nur in sehr rudimentärer Weise implementiert. Fortbewegen kann man sich lediglich per Tastatur oder Gamepad. Mit dem Kopf darf man sich zwar frei umsehen, auf die Laufrichtung hat man mit dem Blick aber keinen Einfluss. Stattdessen muss man sich per Tastatur oder Analogstick umdrehen, was sehr schnell zu Übelkeit führt. Dasselbe gilt für Zwischensequenzen, in denen die Anwendung ohne Rücksicht auf den Spieler die Kontrolle über die Kamera übernimmt.

Es bleibt zu hoffen, dass das Studio den VR-Modus sinnvoll erweitert. Eine Drehung in 30-Grad-Schritten wie in Robinson: The Journey könnte verhindern, dass dem Spieler schlecht wird. Alternativ könnte man sich für die künstliche Fortbewegung auch eine Teleportfunktion vorstellen.

Ein potenzieller Hit

The Town of Light ist im Grunde wie gemacht für die Virtual Reality: Es bietet ein überschaubares, atmosphärisch dichtes Gebiet, das man in Ruhe erforschen kann. Zudem würden die zahlreichen Details des Spiels in der virtuellen Realität viel stärker zur Geltung kommen als auf einem flachen Bildschirm, weil man sich vornüber beugen und die Gegenstände aus der Nähe betrachten könnte. In Kombination mit dem raumfüllenden Tracking und den 3D-Controllern von HTC Vive wäre The Town of Light ein noch viel eindrucksvolleres Erlebnis. Leider unterstützt das Spiel weder Positional Tracking, noch HTCs VR-System.

In seinem jetzigen Zustand kann der VR-Modus des Spiels nur sehr eingeschränkt empfohlen werden. Wer es dennoch ausprobieren möchte: Mit der Tastenkombination CTRL + L lässt sich der VR-Modus im Spiel aktivieren. Mit der Taste R setzt man die Kamera zurück. In Oculus Home muss die Einstellung “Allow Unknown Sources” aktiviert sein.

Die offizielle Internetseite des Spiels ist hier zu finden. Das Spiel kann derzeit für 9,49 Euro auf Steam erworben werden.

| Featured Image: LKA