Für die Wissenschaft, für unsere Leser: Wir haben einen Arbeitstag mit Oculus Rift in Virtual Reality verbracht. Und das ist unser Fazit.
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Oculus Rift: Ein Arbeitstag in Virtual Reality mit Virtual Desktop

von Matthias Bastian16. April 2016

Samstagmorgen, 7 Uhr, mein Selbstversuch beginnt. Meinen heutigen Arbeitstag verbringe ich komplett in Virtual Reality. Klar könnte ich schummeln und das einfach nur behaupten, aber so einer bin ich nicht. Ehrlich.

Bis zum Feierabend behalte ich das Teil auf und erledige meine Arbeit komplett in der virtuellen Realität. Ein Test-Tagebuch sozusagen, denn dieser Artikel wird fortgeschrieben, während ich an meinen anderen Sachen arbeite. Pausen gibt’s nur für das Mittagessen, Toilette, (Update: Gear VR) und einen Stopp beim hiesigen PC-Shop vor 14 Uhr, dann macht der nämlich zu. Dort muss ich dringend eine USB-3.0-Karte zurückbringen, die nicht mit Oculus Rift kompatibel ist. Genauso wie die bereits vorhandenen USB-3.0-Anschlüsse meines PCs nicht mit Oculus Rift kompatibel sind. Über Benutzerfreundlichkeit müssen wir reden, Oculus VR, aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel.

7:30 Uhr: Es geht los…

Und der Test startet in 3, 2, 1…wow, ist das immersiv! Ich fühle mich wie ein Teil meines Desktops, völlig präsent in meinem Rechner. Ok, Spaß beiseite. Der erste Blick auf den virtuellen Desktop ist definitiv spannend. Immerhin befinde ich mich nicht mehr an meinem Schreibtisch, sondern sitze plötzlich mitten im Weltall und schaue auf eine große, schwebende Leinwand. Der Curved-Monitor vor mir hat über 100 Zoll und ich sitze 2,5 Meter davon entfernt. Nicht schlecht. Wer den Curved-Effekt nicht mag, kann auch auf eine flache Ansicht umstellen. Allerdings ist der virtuelle Curved-Monitor besser lesbar und man muss den Kopf nicht so weit drehen. Bleibt also. Die Größe des Displays und der Sitzabstand sind komplett skalierbar. Es ist allerdings Fummelei, bis man eine Größe gefunden hat, mit der man gut arbeiten kann, die Schrift aber dennoch scharf ist.

8:00 Uhr: Der erste Notfall!

Dieses Virtual Reality wird sich nicht durchsetzen. Ich kann meine Kaffeetasse nicht zum Mund führen, weil ich damit gegen die VR-Brille stoße. Aus, Ende, vorbei – das Experiment ist damit gescheitert.

Ok, ok…ich halte durch. Für die Leser. Für die Wissenschaft.

8:15 Uhr: Lesbarkeit von Texten

Das ist der Elefant im Raum. So innovativ der „Virtual Desktop“ auch ist, besonders scharf bekomme ich das Bild nicht eingestellt. Bei entsprechender Vergrößerung kann man zwar alles gut lesen, dann muss man allerdings auch den Kopf viel mehr hin- und herbewegen, um alle Bereiche des VR-Monitors zu überblicken. Das ist also auch nicht optimal. Obwohl – viele Büroarbeiter klagen ja über einen steifen Nacken. Das dürfte dann nicht mehr passieren.

Die Anwendung kann dafür nichts, die Auflösung der VR-Brille ist einfach noch nicht ausreichend fein. Immerhin kann man im Notfall einfach ein- und auszoomen, indem man seinen Kopf vor- und zurückbewegt. Im Vergleich zum echten Leben ist das irgendwie keine echte Innovation. Da klappt das auch ganz gut.

Ich stecke erst 45 Minuten unter der VR-Brille, meine Augen sind schon vergleichsweise müde. Besonders anstrengend ist es, dass man mittig häufig die Stelle wahrnimmt, an der sich die beiden Linsen von Oculus Rift überschneiden. Das fühlt sich manchmal so an, als würde ich etwas schielen.

8:30 Uhr: Spracheingabe

Der „Virtual Desktop“ unterstützt auch einige Sprachkommandos. Dafür muss man zuerst das in Oculus Rift verbaute Mikrofon als Standardmikro einstellen. Die Spracheingabe funktioniert recht ordentlich, auf Wunsch wechsle ich so zwischen den 3D-Umgebungen, setze die Orientierung von Oculus Rift zurück oder starte Programme. Der Mausklick ist aber schneller und verlässlicher.

9:00 Uhr: So kalt hier…

…im Weltall. Ein bisschen schwerelos fühlt man sich zwar, aber auch ein wenig unterkühlt. Wie gut, dass man das mit einem Mausklick ändern kann. Zack. Mein virtueller Monitor schwebt jetzt in einem Wald bei Sonnenaufgang. Morgennebel liegt noch sanft auf der Umgebung und erste Sonnenstrahlen fallen durch die dichten Äste der Bäume. In der Realität regnet es – macht mir nix.

Würde ich das wollen, könnte ich mich virtuell auch an einen normalen Bürotisch oder in eine Bibliothek setzen. Da Nutzer eigene 360-Umgebung erstellen und via Steam Workshop teilen können, ist ein steter Nachschub an neuen Arbeitsumgebungen gesichert. Das Büro im echten Leben zu wechseln ist deutlich komplizierter, das muss man der App lassen. Im Wald habe ich noch nie gearbeitet.

9:30 Uhr: So warm hier…

So langsam wird die Luft unter der Brille dünner. CV1 ist zwar relativ bequem, aber über einen längeren Zeitraum hinweg spürt man das Gewicht eben doch recht deutlich. Ich habe die Brille nur locker auf dem Kopf sitzen, eher wie eine Baseball-Cap, aber das Display der Vorderseite wird warm und ich fange an, ein wenig zu schwitzen. Die Linsen beschlagen, das macht die Arbeit nicht einfacher. Wenn also heute überdurchschnittlich viele Fehler in den Texten auftauchen, so sei mir das verziehen. Danke!

10:00 Uhr: Die doppelte VR-Brille

Eigentlich wollte ich einen Bericht über neue Gear-VR-Apps schreiben. Aber zwei VR-Brillen übereinandertragen, das wäre ein echtes Kunststück. Wir fügen das also oben noch bei den Ausnahmen hinzu. Aber der Wechsel von VR-Brille in VR-Brille ist ja nicht gepfuscht. Oder?

10:15 Uhr: Der zweite Notfall

Mist. Die Batterien meiner Maus sind leer. Was tun? Und mein Frühstück hat Spuren hinterlassen, wird mir aus der Außenwelt zugerufen. Es gab Haferflocken.

10:30 Uhr: Die Umgebung blind bedienen

Die Blindheit gegenüber der Außenwelt ist neben der geringen Auflösung der größte Nervfaktor des virtuellen Schreibtischs. Mal für eine Stunde in der VR-Umgebung verschwinden, um konzentriert zu arbeiten oder zu entspannen, ok. Aber für einen längeren Zeitraum nur virtuell zu schauen, das ist kein großer Spa – sorry, ich finde gerade blind das SZ nicht. OOvh nertzippr nich biel kfuiger. Ich meinte: Ich vertippe mich viel häufiger, weil ich meine Finger falsch auf die Tastatur lege. Jeder Griff zur Wasserflasche wird zum Abenteuer. Und ich kann keinen Augenkontakt mit meiner Kollegin aufnehmen, wenn sie mich zwischendurch etwas fragt, das irritiert. Ihren Gesichtsausdruck, wenn sie mich jetzt gerade betrachtet, kann ich mir hingegen sehr gut vorstellen. Ob sie mich gerade anschaut!?

11:30 Uhr: Paranoia

Ich sitze hier vor einem großen Fenster, Hochparterre. Wenn am Gehweg vor dem Fenster Menschen vorbeilaufen, können sie mich sehen, wie ich mit der Rift-Brille in der Gegend herumstarre. In meiner Fantasie hat sich draußen bereits eine Menschentraube gebildet. Alle zeigen mit dem Finger auf mich.

11:41 Uhr: Yeah!

Der erste VRODO-Artikel wurde in Virtual Reality geschrieben und publiziert. Ein weiterer Schritt Richtung Wände hochlaufen und wie Superman fliegen ist damit getan.

12:30 Uhr: Mittagspause

Puh, die erste Etappe ist geschafft. Mein Gesicht zeigt bereits deutliche Symptome von Oculus Rift. Ein Streifenhörnchen wäre neidisch. Ein guter Teil der Spuren wird erfreulicherweise von meinen natürlichen Augenringen überdeckt.

Zugegeben, die Pause ist jetzt dringend nötig. Weil ich Hunger habe, ok, aber auch, weil meine Augen ziemlich überanstrengt sind.

Wenn ich jetzt auf meinen normalem Monitor blicke, ist der auch Curved – in die entgegengesetzte Richtung. Oder bin ich noch in der Matrix? Oder wieder? Ich hoffe, der Zustand normalisiert sich bald wieder. (Update: Er normalisierte sich, aber es dauerte erstaunlich lange.)

Dennoch und auch wenn es hart ist: Auch die zweite Tageshälfte wird in VR gearbeitet.

14:00 Uhr: Prokrastinieren 1

Ein wenig sinnloses Netz-Geklicke darf an einem guten Arbeitstag natürlich nicht fehlen. Das geht ganz gut, solange man keine längeren Texte lesen möchte. Ein bisschen Facebook, Bilder und Videos gucken, das ist kein Problem.

Sehr cool: 360-Videos von YouTube kann man nahtlos im virtuellen Desktop abspielen. Das Video läuft dann in der Umgebung, während man selbst normal weiterarbeiten und surfen kann. Ziemlich abgefahren. Was es nutzt? Keine Ahnung.

15:00 Uhr: Prokrastinieren 2

Ich habe gerade probiert, ob ich auch hinter meinen schwebenden Monitor schauen kann. Es funktioniert! Wenn man nah genug herangeht, kann man seinen Kopf sogar einfach hindurchstecken. Auch wenn das im ersten Moment ein wenig Überwindung kostet.

Blöderweise habe ich mir dabei die Brille am echten Monitor gestoßen. Tja. Mittlerweile arbeite ich übrigens in einem Fotostudio und finde es ganz cool. Langsam aber sicher kündigen sich Kopfschmerzen an.

15:41 Uhr: Yeah! 2

Der zweite VRODO-Artikel wurde in Virtual Reality geschrieben und publiziert. Wir nähern uns der Matrix mit riesigen Schritten.

16:00 Uhr: Photoshop & Co.

Bildbearbeitung in VR ist aufgrund der niedrigen Auflösung fast nicht möglich. Für Arbeitsvorgänge, die mir am normalen Desktop innerhalb von Sekunden von der Hand gehen, brauche ich in VR ungleich länger. Außerdem fällt es mir schwer, das Resultat qualitativ zu beurteilen. Mir fehlt die Präzision und Klarheit meines 2D-Displays. Der Wunsch, die Brille einfach abzusetzen, wächst deutlich.

17:00 Uhr: Feierabend und Fazit

Ok, heute mache ich zeitig Feierabend. Die Brille drückt, mir ist warm und ich bin froh, wenn ich das Ding vom Kopf habe.

Ist „Virtual Desktop“ das Geld wert? Ja, definitiv. Und zwar einfach nur, um einen Blick auf die mögliche Zukunft der Bildschirmarbeit zu werfen. Der virtuell erweiterte Schreibtisch bietet tolle Features wie 360-Umgebungen und –Videos, einen Curved-Monitor, der nach Belieben skalierbar ist und potenziell ein Multi-Monitor-Setup, ohne, dass man mehrere Monitore besitzt („Virtual Desktop“ kann das aber noch nicht, hier werden nur tatsächlich vorhandene Monitore angezeigt).

Die Schwachstelle ist die VR-Technologie an sich. Die geringe Auflösung macht es schwer, Texte zu lesen und kleinteilige Arbeiten zu erledigen. Blind auf der Tastatur tippen nervt auf Dauer und verlangsamt mein Schreibtempo. Dass man den gewohnten Arbeitsplatz gegen eine beliebige 3D-Umgebung austauschen kann, ist toll. Aber nicht so toll, dass man dafür dauerhaft den Blick in die Außenwelt aufgeben möchte. In zu vielen Situationen ist das einfach unpraktisch und wenn es nur der Griff nach der Wasserflasche ist. Ich habe heute deutlich weniger getrunken als sonst. Und auch wenn die finale Rift-Version recht bequem ist, ist es noch immer angenehmer, einfach nichts auf dem Kopf zu tragen.

Und dennoch: Nach dem heutigen Test bin ich mir sicher, dass herkömmliche Monitore über kurz oder lang verschwinden werden. VR- und AR-Umgebungen inklusiver neuer Interfaces sind deutlich flexibler und bieten mehr Möglichkeiten als Maus, Tastatur und Monitor. Noch ist die Zeit dafür nicht reif.

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