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Oculus Rift: Hands-on-Berichte vom kabellosen Prototyp Santa Cruz

von Matthias Bastian8. Oktober 2016

Eine kabellose und komplett eigenständige VR-Brille soll die Zukunft des VR-Marktes sein. Das glauben zahlreiche Branchenvertreter, darunter auch Facebook-Chef Marc Zuckerberg oder Oculus’ Codeguru John Carmack. Auf der Connect 3 stellte das Unternehmen den neuen Rift-Prototyp “Santa Cruz” erstmals hinter verschlossenen Türen vor.

Es war Facebook-Chef Zuckerberg persönlich, der im Stile des Apple-Gründers Steve Jobs die neue Hardware auf der Entwicklerkonferenz Connect 3 vorstellte. Es gebe eine Lücke, so Zuckerberg, zwischen der rein mobilen VR-Brille und einem an den PC gebundenen Gerät wie Oculus Rift. Neu ist diese Erkenntnis nicht. Aber neu ist sehr wohl, dass auch Facebook daran arbeitet, diese Lücke zu schließen. Und wenn der blaue Riese seine Milliarden US-Dollar für die Forschung und Entwicklung bereitstellt, dürfte dieses Ziel eher früher als später erreicht werden.

Der erste Prototyp ist zumindest so weit fortgeschritten, dass es Oculus VR nicht bei einem schnöden Trailer beließ, sondern ausgewählten Medienvertretern eine Kostprobe gab. Mitarbeiter aus Oculus’ Computer-Vision-Team schnallten die VR-Brille den Journalisten auf den Kopf. Anfassen durften diese das Gerät nicht, auch Bilder und Videos waren untersagt. Wohl aus gutem Grund, denn der Prototyp soll sehr unfertig aussehen und wurde mit Klebeband zusammengehalten. Da werden Erinnerungen wach an frühe Bilder des ersten Oculus Rift Entwicklerkits, das ebenfalls mit Klebestreifen geflickt war.

Oculus Rift der nächsten Generation

Santa Cruz bietet gegenüber der herkömmlichen Rift-Brille zwei Besonderheiten. Die Hardware, die die VR-Erfahrungen berechnet und abspielt, ist samt Akku in einem kleinen Gehäuse am Hinterkopf angebracht.

Details zur Leistung der Brille sind nicht bekannt. Laut den ersten Testern sollen die gezeigten Demos grafisch zwischen Gear VR und aufwendigen PC-Erfahrungen liegen, insgesamt aber eher einfach gehalten sein. Da es sich um einen frühen Prototyp handelt, ist das ohnehin ein Muster ohne Wert. Bis ein solches Gerät auf den Markt kommt, dürfte die Performance mobiler Chips deutlich höher ausfallen.

Ebenfalls direkt in die VR-Brille integriert ist das gesamte Trackingsystem. Das macht externe Systeme, wie sie derzeit bei Oculus Rift, Playstation VR oder HTC Vive verwendet werden, überflüssig. Damit das Tracking präzise arbeitet, hat der Santa-Cruz-Prototyp insgesamt vier Kameras an der Vorderseite des Gehäuses sowie eine inertiale Messeinheit (IMU) verbaut.

Das Tracking funktioniert laut einheitlicher Meinung der Tester verlässlich und arbeitet auf einem ähnlich hohen Niveau wie die externe Trackinglösung der aktuellen Rift-Brille. Allerdings wurde das System weder von der realen Umgebung – der Demo-Raum hatte keine Fenster und war gut beleuchtet – noch von der virtuellen Simulation sonderlich gefordert. Die Oculus-Ingenieure vor Ort räumten gegenüber Techcrunch ein, dass der Prototyp in weitläufigen Umgebungen noch nicht optimal arbeitet. Ein lernendes Verfahren wie bei Hololens, bei dem die Sensoren die Umgebung scannen und auswendig lernen, ist noch nicht implementiert.

Noch lange kein fertiges Produkt

Die beiden Neuerungen in Kombination erweitern das potenzielle Einsatzszenario von Oculus Rift enorm. Die VR-Brille würde immer und überall funktionieren, unabhängig vom Raum und dem Rechner. Bis dieses Ziel erreicht ist, wird es aber noch dauern.

“Es ist keineswegs ein fertiges Produkt, sondern noch in einem sehr frühen Zustand”, sagt Max Cohen von Oculus gegenüber Venturebeat. Es sei einfach, vorherzusagen, was die Zukunft bringen würde. Aber jemand müsse diese Arbeit auch erledigen.

“Die Leute glauben, dass alles von selbst passiert. Aber es ist richtig harte Arbeit, diese Dinge umzusetzen. Irgendjemand, entweder wir oder die anderen, muss einen Durchbruch erzielen. […] Wir müssen experimentieren”, sagt Cohen.

Facebook und Oculus VR haben bei diesen Experimenten reichlich Unterstützung von anderen Unternehmen. Google forscht mit Tango schon seit einigen Jahren am integrierten Tracking für Virtual und Augmented Reality. Und auch AMD, Intel und Qualcomm zeigten bereits Demos eigenständiger VR-Brillen.

Auf der IFA hatten wir Gelegenheit, das Trackingsystem der VR820 VR-Brille von Qualcomm auszutesten, das tadellos funktionierte. Es kann in Zukunft von anderen Herstellern lizenziert werden. Laut John Carmack pflegt Oculus VR eine “hervorragende Beziehung” zu Qualcomm.

| Featured Image: Oculus VR (Screenshot aus Trailer)