“Creed: Rise of Glory” ist das neuste Spiel der Raw-Data-Macher Survios. Ich bin für euch in den Ring gestiegen und teste, was mir Rocky noch beibringen kann. Disclaimer: Ich bin passionierter Kampfsportler.

Das US-Entwicklerstudio Survios erhielt 2016 nach seinem Verkaufserfolg Raw Data 50 Millionen US-Dollar von Investoren. Hauptinvestor war damals das Filmstudio MGM.

Nach den drei rein fiktionalen Titeln Raw Data, Sprint Vector und Electronauts bringt diese Kooperation jetzt ihr erstes Lizenzspiel hervor: MGM hat die Rechte an der Rocky-Marke und deren Ableger Creed.

Ende November startet der zweite Teil von Creed in amerikanischen Kinos. Im zugehörigen VR-Spiel schlüpft ihr in die Rolle des Halbschwergewichts Adonis Creed und kämpft euch an die Spitze.

In einem Boxspiel geht es ums Boxen

Die Story ist flach und das ist ok: Zwischen euren Kämpfen könnt ihr kurzen Radioberichten lauschen und ab und an gibt euer Trainer einen Kommentar ab. Und ja: Rocky hält euch die Pratzen.

Das Spiel läuft immer nach demselben Schema ab: Ihr startet in der Boxschule, meistert eine kurze, anstrengende Trainingssession und steigt dann in den Ring.

Im Laufe der Kampagne ändert ihr eure Boxschule mehrfach.

Das Training besteht aus mehreren, kurzen Herausforderungen. Ihr müsst zum Beispiel schnell die richtigen Schlagpolster treffen oder auf dem Laufband einen Sprint hinlegen.

Survios macht dabei drei Dinge richtig: Erstens sind die Trainingsabschnitte sehr kurz, zweitens läuft dazu die Rocky-Titelmelodie und drittens wirkt sich euer Training tatsächlich auf die Ausdauer Creeds aus. Je besser ihr abschneidet, desto mehr Puste hat euer Charakter im Kampf.

Danach geht es in den Ring: Der Ansager peitscht die Menge ein und es geht los. Eure VR-Karriere verläuft analog zu einer erfolgreichen Boxerlaufbahn: Die Kämpfe werden mit jedem Gegner herausfordernder und die Stadien immer größer.

Phantomboxen

Der Kern des Spiels sind die Kämpfe. Nahkampf in VR-Spielen hat das Problem, dass Gegner nur virtuell vor euch stehen. Ihr schlagt also in die Luft und durch den Gegner hindurch.

Survios schafft es durch visuelles und haptisches Feedback, dennoch eine gute Trefferwirkung vorzutäuschen. Das macht aus der Schattenboxerei zwar noch keinen richtigen Boxkampf, aber der Schattenboxeffekt wird wenigstens reduziert.

Eure Fäuste stoppen am Gegner und zeigen Wirkung.

Ein weiteres Problem beim VR-Boxen ist, dass ihr übertrieben schnell zuschlagen könnt, indem ihr einfach permanent mit der Faust vor dem Gesicht des Gegners wedelt. Wer schon einmal in Skyrim einen Gegner mit dem Schwert totgekitzelt hat, weiß, wovon ich schreibe.

Survios beseitigt diese Pfuschmöglichkeit, indem es die Stärke eurer Angriffe an die Beschleunigung eurer echten Schläge koppelt. Um Ausdauer und Knockouts eures Charakters zu simulieren, gibt es einen zusätzlichen Phantomboxer.

Schlagt ihr sehr oft und schnell zu, verliert Creed Ausdauer – erkennbar an euren blinkenden Boxhandschuhen. Wenn ihr ohne Ausdauer zuschlagt, bewegt sich eure „Phantomhand“ schneller als der Boxhandschuh. Für VR-Kenner: Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Gladiator-Gemetzel Gorn mit den flexiblen Waffen.

Dieser Spielmechanismus führt jedoch dazu, dass die eigene Ausdauer keine allzu große Auswirkung auf Creeds Leistung hat. Was einerseits Sinn ergibt, da man ja Creed spielt. Andererseits stört es, weil die eigene Fitness keine Rolle spielt.

Wer eine gewisse Grundfitness mitbringt oder es sogar gewohnt ist, schnelle Kombinationen zu schlagen, wird durch Creeds Ausdauer zurückgehalten. Das kann nerven.

Zeitlupeneffekte und außerkörperliche Erfahrungen

Weicht ihr dem Schlag eines Gegners aus, schaltet das Spiel kurz in Zeitlupe und ihr habt die Gelegenheit zum Konter. Trefft ihr euren Gegner hart, könnt ihr ihn mit einer Kombination zu Boden schlagen. Üblicherweise gehen Gegner zwei- bis dreimal nieder, bevor sie nicht mehr aufstehen.

Wenn ihr umgekehrt einen harten Treffer einstecken müsst, springt ihr in der Phantomansicht hinter euren Charakter und müsst eure Controller mit seinen umherschlingernden Fäusten synchronisieren, um weitere Schläge abzuwehren.

Nach einem harten Treffer müsst ihr euch kurz erholen, sonst liegt ihr am Boden. Gut zu sehen: Phantom-Avatar und Charakter werden kurz getrennt.

Gelingt euch das nicht und ihr geht zu Boden, zoomt die Kamera weit aus dem Ring heraus und ihr habt die Gelegenheit, schnell zu eurem Körper zurückzurennen. Schafft ihr das, bevor ihr ausgezählt werdet, seid ihr wieder im Rennen.

Rocky rockt aber die Realität noch mehr

In späteren Kämpfen versucht Survios mit schnellen Schnitten zwischen Runden und trällernden Rocky-Theme zu dramatisieren. Wenn man nicht verwirrt stehen bleibt und sofort umgehauen wird, kommt so ein bisschen Rocky-Atmosphäre auf. Ein realistischerer Ansatz hätte mir besser gefallen.

Außerhalb der Kampagne gibt euch das Spiel ein paar weitere Möglichkeiten, die Boxhandschuhe zu schwingen: Die Minispiele könnt ihr so oft und ausgiebig spielen, wie ihr möchtet. Für jedes gibt es eine Rangliste. Alle Kämpfe können jederzeit wiederholt werden, ihr könnt in die Rolle eurer Gegner schlüpfen und es gibt einen PvP-Modus für Online-Kämpfe.

Fazit

Alles in allem ist Creed: Rise to Glory ein solides Boxspiel. Es hat ein robustes Kampfsystem, das zwar nicht sonderlich realistisch ist, aber immer nachvollziehbar bleibt. Das ist vor allem im Multiplayer ein Pluspunkt.

Die versprochene „Cinematic Boxing-Experience“ bietet Survios. Wer sich so richtig austoben will, der stößt schnell an die Grenzen der Spielmechanik.

Wenn ihr auf der Suche nach neuem Boxfutter seid und auf Online-Duelle steht, ist Creed: Rise to Glory einen Blick wert. Cross-Play zwischen Playstation VR und anderen Plattformen wird nicht unterstützt.

Wer gerne eine Boxsimulation hätte und sich maximal austoben möchte, sollte eher „Thrill of the Fight“ für HTC Vive und Oculus Rift eine Chance geben – das bietet allerdings keine Duelle gegen menschliche Mitspieler.


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