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Oculus Rift: “Mit der Kiste soll ich ins Weltall fliegen!?”

von Matthias Bastian4. Juni 2017

“Mit der Kiste soll ich ins Weltall fliegen!?” – diese Frage stelle ich mir, als ich mich virtuell in das Cockpit der Mercury-Redstone 3 “Freedom 7” setze, die 1961 den ersten US-Astronauten ins Weltall flog.

Das Innere der altertümlichen Rakete ist gefühlt näher an einer Dampfmaschine als an einem hochwertigen Fluggerät. Jede Menge Schalter und Hebel, blinkende Knöpfe – alles sieht so handgemacht, simpel und analog aus. Im Vergleich zum Cockpit der Freedom 7 wirkt ein heutiger Wasserkocher wie Hightech.

Dann wird mir bewusst, in welcher Zeit ich mich befinde: Es ist der 5. Mai 1961. Ich stecke im Raumanzug von Alan B. Shephard und leite gerade den Countdown ein für den ersten bemannten Raumflug der USA. Modernen Schnickschnack wie digitale Anzeigen gibt es noch nicht. Nun denn, ein analoger Zeiger tut es offenbar auch – es ging ja alles gut aus.

Bevor der Countdown heruntergezählt werden kann, muss ich die Rakete startklar machen. Eine Checkliste zeigt mir, welche Hebel ich umlegen und welche Knöpfe ich drücken muss. Ohne diese Checkliste wäre ich aufgeschmissen. So viel sei verraten: Eine Rakete in Gang zu setzen, ist einen Tick komplexer, als einen Autoschlüssel herumzudrehen. Zumindest war das 1961 so.

Beeindruckend detailliertes Cockpit

Letztlich gelingt mein Vorhaben und begleitet von originalen Funksprüchen starte ich Richtung All. Der Start der Rakete macht Gänsehaut. Begleitet von orchestraler Musik, beobachte ich aus dem kleinen Bullaugenfenser der Kapsel, wie der Erdboden verschwindet und der blaue Himmel ins schwarze Sternenmeer übergeht.

Die Entwickler versichern, dass das Cockpit der Freedom 7 dem Original im Detail nachgebaut wurde. Überprüfen kann ich das nicht, da ich das Original nicht kenne. Aber ich glaube es ihnen. Die rund 30 Knöpfe und Hebel sind beschriftet, jeder hat eine Funktion.

Sogar die Beleuchtung in der Kabine lässt sich an- und ausschalten. Das hat atmosphärischen Mehrwert, denn das abgedunkelte Cockpit lässt die Sterne vor dem Fenster heller strahlen.

In der Enge des Cockpits meine ich tatsächlich zu spüren, wie sich Shepard vor über 50 Jahren gefühlt haben muss. Diese Ungewissheit, ob der Start erfolgreich verläuft, ob der Antrieb der Rakete hält, ob der Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gelingt, die Erkenntnis, dass man sein Leben für ein Abenteuer der Menschheit riskiert.

Das Gefühl, im Cockpit zu sitzen – obwohl rein virtuell – ist erstaunlich authentisch und kann von keinem Schulbuch gelehrt werden.

Virtuelle Zeitreisen

Im All angekommen, dreht man die Kapsel der Freedom 7 Richtung Erde und steuert zurück durch die Atmosphäre. Rund 15 Minuten dauert der ballistische Flug aus der Erdatmosphäre heraus und wieder zurück. Die Wasserung im Atlantik ist in der Alpha-Version noch nicht integriert.

Wer sich nun beschwert, dass die VR-Erfahrung zu kurz ist und zu wenig Inhalt bietet: der Trip von Shepard hat im Original nicht länger gedauert.

Wer sich für Weltall und Raketen begeistert, wird an der Cockpit- und Raumflugsimulation richtig viel Freude haben. Und wen das Thema nicht juckt, der sollte die App dennoch herunterladen.

Weshalb? Weil die 15 Minuten Weltallausflug eindrucksvoll zeigen, dass Virtual Reality Zeitreisen ermöglicht und längst vergangene Momente erneut erlebbar machen kann. VR ist eine völlig neue Form, Wissen zu konservieren und als Erfahrung weiterzugeben.

Die Demo ist kostenlos bei Oculus Home verfügbar. Die 3D-Controller Oculus Touch werden ebenfalls unterstützt, sodass man das Cockpit mit den eigenen virtuellen Händen bedienen kann.

Die originale Mission und die virtuelle Neuinterpretation kann man in den beiden Videos unten anschauen.

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