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Oculus Rift: Mit der VR-Brille die Welt wie ein Autist erfahren

von Matthias Bastian9. Oktober 2016

Im Oculus Store ist “The Autism Simulator” ab sofort kostenlos verfügbar. Die experimentelle Anwendung will die autistische Reizüberflutung für Nicht-Autisten am eigenen Leib erfahrbar machen.

Das neue Medium Virtual Reality verspricht, dass man die Welt durch die Augen anderer Menschen erleben kann. Filmemacher, Therapeuten oder App-Designer möchten sich dies zunutze machen, um auf wichtige Themen anzusprechen und Menschen zum Nachdenken anzuregen.

Der “Autism Simulator” von Infinite Production soll eindrücklich demonstrieren, wie Menschen mit Autismus die Umwelt erfahren. Für wenige Minuten nimmt man durch die Linsen der VR-Brille Oculus Rift die Welt aus der Perspektive eines autistischen Menschen wahr.

Die VR-Erfahrung simuliert die Reizüberflutung, die von Autismus betroffenen Personen widerfahren kann. Die Anwendung wurde laut den Machern anhand von Berichten von Ärzten und Betroffenen erstellt.

Totale Reizüberflutung in einer alltäglichen Situation

Ich sitze an einer Bar. Plötzlich fangen die gemusterten Kacheln an der Wand gegenüber an, sich zu bewegen und zu drehen. Die Welt wird schwarz-weiß, nur einzelne Farben leuchten blendend grell.

Der Wasserhahn tropft. Jeder Tropfen, der auf den Boden des Waschbeckens fällt, ist laut wie ein Donnerschlag. Die Musikbox an der gegenüberliegenden Seite des Raumes übertönt mit ohrenbetäubendem Lärm sämtliche Gespräche.

Das Kaminfeuer schlägt wild lodernd in alle Richtungen aus und droht, die komplette Bar in Brand zu setzen. Außer mir sieht das niemand. Die tickenden Uhrzeiger klingen wie Salven aus einem Maschinengewehr. Plötzlich durchdringt ein schrilles Klingeln die Luft, so laut wie ein Martinshorn direkt neben dem Ohr – ich falle fast vom virtuellen Barhocker. Es ist nur das Handy, das vor mir klingelt.

Begegnet man im Alltag einer autistischen Person, kann das Verhalten erschrecken oder gar befremdlich wirken. Für normal wahrnehmende Menschen ist es schwer vorstellbar, wie es sich anfühlt, wenn visuelle und auditive Reize in der Umgebung deutlich stärker wahrgenommen werden. Betroffene tragen im Alltag häufig Ohrenstöpsel, die die Lautstärke der Umgebung drastisch reduzieren, um zumindest die hörbare Reizüberflutung zu minimieren.

Eine Erklärung, was einem autistischen Menschen widerfahren kann, mag eine ungefähre Vorstellung liefern und Mitgefühl wecken. Aber erst mit der VR-Brille wird aus der Vorstellung eine konkrete Erfahrung und bleibende Erinnerung.

Diese wiederum – so die Hoffnung der Menschen, die an entsprechenden VR-Erfahrungen arbeiten – verändert das Verhalten von Menschen zum Positiven. Das neue Medium soll für mehr Verständnis im Alltag sorgen und dazu ermutigen, sich mehr für Betroffene einzusetzen.

Zahlreiche Organisationen setzen auf VR als Empathieverstärker

Auch die National Autistic Society in den USA experimentiert mit dem neuen Medium, um mehr Mitgefühl und Verständnis zu wecken. Die Organisation veröffentlichte ein 360-Video für Google Cardboard, durch das – ähnlich wie im oben beschriebenen Autismus Simulator – die Wahrnehmung eines Autisten nacherlebt werden kann.

Im Begleittext zum Video heißt es: “Manchmal sind Autisten mit ihrer Umgebung überfordert. Das führt dazu, dass ihnen die echte Welt wie ein fürchterlicher Ort erscheint. Und wenn sie dann von der eigenen Familie mit Blicken abgestraft werden, dann fühlen sie sich alleine und isoliert. […] Mit der neuen Technologie können wir Menschen dabei helfen, diese Erfahrung selbst zu machen.”

Auf ähnliche Weise wird Virtual Reality eingesetzt, um auf die Leiden und Herausforderungen von Migräne-Patienten, Senioren oder Menschen mit Paranoia aufmerksam zu machen.

| Featured Image: Infinite Production