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Oculus Rift: Special Delivery – Paperboy-Klon für die VR-Brille im Test

von Matthias Bastian18. Dezember 2016

Der Klassiker Paperboy schafft den Sprung in die Virtual Reality. Nicht mit offizieller Lizenz, daher hört der Indie-Titel auf den Namen “Special Delivery” statt “Paperboy VR”. Die Vorlage ist jedoch offensichtlich. Wie rettet sich das 80er-Jahre Gameplay in die hypermoderne 360-Ansicht mit der VR-Brille?

Ich versuche der fiesen Töle vor mir auszuweichen, die es auf mich abgesehen hat. Nichts schmeckt besser als die saftigen Waden eines Zeitungsjungen. Intuitiv blicke ich über meine Schulter nach hinten, bevor ich mit meinem BMX vom Bürgersteig auf die Straße ausschere.

Warum der Schulterblick? Aus dem gleichen Grund wie in der Realität: Ich will nicht von einem heranrasenden Auto überrollt werden. In dem Moment wird mir klar, wie gut der Paperboy-Klon mit der VR-Brille funktioniert. Trotz knallbunter Comic-Optik hat das Spiel meine natürlichen Instinkte getriggert. Ich verhalte mich beim virtuelle Fahrradfahren instinktiv wie beim realen Radeln.

Intuitive Steuerung mit 3D-Controllern

Special Delivery ist nur in einer Hinsicht radikal anders als das originale Paperboy: Anstatt das Spielgeschehen aus einer Vogelperspektive zu beobachten, schwingt man sich als VR-Brillenträger direkt auf den Sattel des BMX.

Das restliche Prozedere ist dann wie im Original. Man stopft Zeitungen in Briefkästen oder schmeißt die Fensterscheiben bei den Häusern ein, die noch kein Abo abgeschlossen haben. Man möchte ja neue Kunden gewinnen.

Geschickt weicht man dabei bissigen Hunden, lahmenden Omis, bekifften Hippies oder gefährlichen Wirbelstürmen aus. Der Witz und der Charme des Originals wurden vom Entwickler Matt Rodwell peinlich genau in die virtuelle Realität übertragen, sodass Special Delivery viele nostalgische Momente bietet – obwohl es eine völlig neue Erfahrung ist.

Die Steuerung funktioniert mit Oculus Touch oder den Vive-Controllern denkbar einfach. Eine Hand legt man an den Lenker und gibt die Fahrtrichtung vor. Die andere hat man frei, um Zeitungen aus dem Fahrradkorb zu greifen und Pi mal Daumen Richtung Briefkasten zu feuern. Das Fahrrad fährt automatisch vorwärts. Für eine Vollbremsung legt man beide Hände ans Steuer und zieht die Bremsen – vor Kreuzungen rettet das Leben.

Und das war es auch schon. Selbst Laien, die noch nie ein Videospiel von innen gesehen haben, sollten sich innerhalb kürzester Zeit zurechtfinden und virtuell Zeitungen austragen können. Die VR-Adaption des Klassikers ist deutlich einfacher zu meistern als das Original. Das ist die Magie natürlicher Interfaces.

Eine Zeitreise der besonderen Art: Eintauchen in die digitale Welt der 80er-Jahre

Apropos Magie: Das Besondere an Special Delivery ist, wie gut die VR-Erfahrung den Charme des Originals einfängt. Plötzlich ist man mittendrin in dem Spiel, das man nur vage als pixelige 2D-Animation auf einem flimmernden C64-Monitor erinnert. Zwar ist im Prinzip alles so, wie man es aus der Kindheit kennt – aber diesmal ist man selbst als Zeitungsjunge unterwegs.

Wer das Original kennt und eine VR-Brille besitzt, sollte sich den VR-Nostalgietrip unbedingt anschauen. Konzeptionell ist es interessant, wie Virtual Reality längst vergessene Spielewelten aus der Ich-Perspektive neu erlebbar macht.

Kaum eine VR-Erfahrung zeigt den Kontrast zwischen Alt und Neu auf so charmante Art und Weise wie Special Delivery. Allein deshalb ist die Anwendung – trotz halbfertiger Entwicklung im Early-Access-Status – die knapp zehn Euro bei Oculus Home oder Steam (auch für HTC Vive) wert.

Interessant wäre es, wenn Special Delivery zusätzlich einen Modus in pixeliger Originalgrafik anbieten würde. Das würde sich dann endgültig so anfühlen, als würde man dem Videospiel seiner Kindheit einen Besuch abstatten. Für die Zukunft könnte ich mir eine Art Retrogaming-Tourismus vorstellen, bei dem man aus der Ich-Perspektive in digitale Umgebungen der 80er-, 90er- und 00er-Jahre zurückkehrt.

Eine Einschränkung gibt es bei der Kaufempfehlung: Wer empfindlich ist für VR-Übelkeit, sollte den Fahrradsattel lieber meiden. Die künstliche Fortbewegung macht dem Magen bei längerer Spieldauer durchaus zu schaffen. Das liegt auch daran, dass Special Delivery ob des frühen Entwicklungsstandes noch mit dem ein oder anderen Ruckler zu kämpfen hat.

| Featured Image: Special Delivery / Matt Rodwell

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