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Pimax 8K-VR im Vorabtest: Wie gut ist die Hype-Brille aus China?

von Christian Steiner5. November 2017

In der Mini-Zielgruppe der Highend-VR-Enthusiasten konnte der chinesische Hersteller Pimax in den vergangenen Wochen einen Hypesturm entfachen, der bei Kickstarter mit über vier Millionen US-Dollar entlohnt wurde. Ist die Aufregung um die eierlegende Wollmilchsaubrille gerechtfertigt?

Derzeit ist Pimax auf Deutschland-Tour und demonstriert die VR-Brille an ausgewählten Standorten. Eines vorweg: Gezeigt wurde nur der Prototyp v2. Kickstarter-Unterstützer sollen ab Ende Januar die Version v5 erhalten, die unter anderem ein Fokusrädchen und ergonomische Verbesserungen bieten soll. Allein der einstellbare Augenabstand könnte meinen Eindruck der Hardware deutlich zum Positiven verändern.

Als Trackingsystem diente eine Pimax-Basisstation basierend auf Valves Lighthouse-Tracking samt den Vive-Stäben mit Steam VR. Das zahlreiche Zubehör, das Pimax verspricht – 3D-Controller, Drahtlosadapter, Pupillenerkennung – ist offenbar noch nicht demofähig.

So sieht es aus, wenn Pimax von Steam VR erkannt wird. Bild: VRODO

So sieht es aus, wenn Pimax von Steam VR erkannt wird. Bild: VRODO

Spärliche Auskünfte

Darüber hinaus war die Pimax-Mitarbeiterin vor Ort nicht dazu befähigt, konkrete Auskünfte zu geben. Sämtliche Rückfragen zu möglichen Kritikpunkten an Hard- und Software wurden mit dem Verweis abgetan, dass es sich um einen Prototyp handele. Dabei soll die finale Version der VR-Brille in rund zehn Wochen in den Versand gehen.

Auf die Frage, ob die Lieferung Ende Januar für alle Unterstützer pünktlich erfolgen könne, bekam ich keine richtige Antwort. Das mag normal sein bei einer vom Marketing getriebenen Roadshow. Aussagefähiges Personal hätte ich jedoch gerade bei so einem gehypten Produkt vorgezogen.

Bei der Demonstration fiel außerdem auf, wie sich die Werbeversprechen und die teils planlose Kommunikation von Pimax auswirken. Einige der Teilnehmer glaubten aufgrund des Produktnamens, dass die VR-Brille zwei native 8K-Displays besitzt. Andere waren soweit informiert, dass es sich um zwei 4K-Displays handelt, dachten aber, dass diese mit nativem 4K-Inhalt bespielt werden – dabei wird die eingespielte Auflösung von 2.560 x 1.440 Pixeln nur auf 4K hochskaliert.

Erstaunlich leicht

Wer aufgrund der klobigen Optik der Pimax-8K-Brille ein schweres Gerät erwartet, wird positiv überrascht sein. Die Brille ist erstaunlich leicht, keinesfalls schwerer als Oculus Rift oder HTC Vive. Der wuchtige Formfaktor schlägt sich nicht im Tragekomfort nieder, das Gerät sitzt bequem auf dem Kopf.

Um ein geringes Gewicht zu erreichen, gibt es zwei Wege: Man verbaut entweder sehr hochwertige und teure oder sehr günstige Komponenten. Pimax wählt den letztgenannten Weg: Das Gerät besteht komplett aus Plastik, inklusive der Linsen, eines der schwersten Bauteile in anderen Highend-Brillen.

Weites Sichtfeld mit einem Haken

Die beiden großen Werbeversprechen hält Pimax ein: Die Auflösung ist so hoch, dass einzelne Pixel kaum mehr auszumachen sind und das Sichtfeld ist mit 200 Grad sehr weit.

Dieses weite Sichtfeld wird nicht durch Innovation erreicht, sondern ganz einfach durch deutlich größere Linsen und Displays. Auch die Bauform spielt eine Rolle: Die Linsen sitzen dicht am Auge und am Screen und bieten so den maximalen Einblick in die Virtual Reality.

Die starke Bildverzerrung trübt die Freude am weiten Sichtfeld.

Leider hat das weite Sichtfeld deutliche Nachteile: Selbst die von Pimax vorgeführten Demos (Fruit Ninja, The Lab, The Blu) waren nicht für das 200-Grad-Sichtfeld optimiert. Mich störten starke Verzerreffekte an den Rändern, die sogar VR-Übelkeit auslösten. Warum zeigt Pimax keine einfache Demoszene, die das Potenzial des weiten Sichtfelds besser vorführt? Hinzu kam, dass der Augenabstand beim Prototyp nicht einstellbar war, sodass ich zum Teil stark schielen musste.

Sollte Pimax diese Verzerrungen, die nur softwareseitig mit angepassten Treiben gelöst werden können, bis zum Marktstart nicht in den Griff bekommen, ist das Gerät für mich persönlich unbrauchbar.

VR-Spaß auf der Pimax-Roadshow. Bild: VRODO

Pimax auf VR-Roadshow: Die meisten Tester hatten Spaß mit der VR-Brille. Bild: VRODO

Auflösung ist nicht alles

Die hochskalierte 4K-Auflösung ist definitiv der größte Pluspunkt der China-Brille. Bei den Demo-Anwendungen waren keine einzelnen Pixel mehr zu sehen. Die Bildqualität war insgesamt ordentlich, Schlieren fielen mir beim Test nicht auf.

Überraschend: Schrift war dennoch nicht so viel besser lesbar, dass das Gerät gut für die virtuelle Büroarbeit mit Programmen wie beispielsweise Bigscreen geeignet wäre. Auch die Fernsicht scheint von der höheren Auflösung nicht grundlegend zu profitieren. Alles jenseits des virtuellen Nahbereichs von rund zwei Metern war zwar gut zu erkennen, dennoch wirkte das Bild eher flach.

Für den nächsten Schritt braucht es echte Innovation.

Beim Pimax-Test kam mir daher eine weitere Erkenntnis: Allein höher aufgelöste Displays werden nicht ausreichen, um Virtual Reality auf das nächste Level zu hieven. Im Vergleich zur natürlichen Sicht gibt es immer noch zu viele Defizite.

Für den nächsten Schritt braucht es echte Innovation, beispielsweise Multifokus-Displays. Facebook und Oculus, Google oder HTC investieren hier hunderte Millionen US-Dollar in Grundlagenforschung.

Die große Frage: Wie gut wird die Software?

Trotz der Kritik: Die Pimax 8K-Brille ist keine schlechte Hardware und könnte die Erwartungen der Kickstarter-Unterstützer erfüllen. Voraussetzung dafür ist, dass Pimax bei der Software liefert und ordentliche Treiber zur Verfügung stellt.

Das gilt insbesondere für die Korrektur der Linsenverzerrung und die App-Optimierung für das weite Sichtfeld, denn derzeit sind alle Highend-VR-Anwendungen für Oculus Rift und HTC Vive ausgelegt. Dieses Problem muss Pimax flächendeckend in den Griff bekommen.

Die Erfahrungen mit dem “4K”-Vorgängermodell, das bei den Treibern massive Probleme hatte, sowie den aktuellen Verwirrungen um die Bildwiederholrate, die gerade so ungewöhnliche 85 Hz erreichen soll, machen nicht unbedingt Mut, dass das bis zum Marktstart gelingt.

Zugegeben: Wäre man derart kritisch mit den ersten beiden Entwicklerversionen von Oculus Rift ins Gericht gegangen wie ich mit Pimax‘ 8K-Brille, dann wären VR-Brillen womöglich nicht dort, wo sie heute sind. Allerdings ist es nicht mehr 2014 und Pimax muss sich in Sachen Software, Nutzungskomfort und Verarbeitungsqualität an der westlichen Konkurrenz messen lassen.

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