Déraciné ist einer der geheimnisumwobensten Titel für Playstation VR. Worum es in Déraciné geht, was man in diesem Spiel macht und ob sich der VR-Ausflug lohnt, erfahrt ihr in meinem Test.

Der Schauplatz ist ein Internat im frühen 20. Jahrhundert. Seine Bewohner: Sechs Kinder und ein alter Schulmeister. Das Anwesen mit seinen zahlreichen Zimmern liegt mitten in der Natur und ist wunderschön eingefangen. Wer es erforscht, hat das Gefühl, in eine längst vergangene Welt und Zeit zurückzureisen, die von Unschuld und Magie geprägt war.

Déraciné ist Französisch und bedeutet “entwurzelt”. Diese Zuschreibung gilt dem geisterhaften Wesen, in dessen Rolle man  schlüpft und das von den Bewohnern des Internats schlicht “Fee” genannt wird. Entwurzelt ist man deshalb, weil man in einer anderen Dimension existiert und nur in bestimmten raumzeitlichen Schlüsselmomenten in die Welt der Menschen eingreifen kann.

Die Zeit ist für die Fee eingefroren: Nichts bewegt sich und die Bewohner stehen da wie Statuen. Es ist, als wäre man in eine alte, vergilbte Fotografie gefallen und könnte sich nun darin umsehen. Nähert man sich den Menschen oder ihren Phantomen, kann man durch Berührungen Gedanken hervorrufen, die ihnen in diesem Augenblick durch den Kopf gingen.

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Das “Phantom” eines Menschen zeigt, was die Figur gemacht hat. BILD: Sony / From Software

Eine heile Welt

Durch das Haus bewegt man sich mittels Teleportation, wobei die Punkte vorgegeben und großzügig im Haus verteilt sind. Orte, die besondere Interaktionen erlauben, sind hervorgehoben. Springt man in diese Umgebungen, kann man sich per Knopfdruck um das Objekt von Interesse herumdrehen und es von allen Seiten betrachten oder mit ihm interagieren. Das kann ein Mensch oder ein Gegenstand sein.

Diese Form der Fortbewegung und Begutachtung wirkt etwas unnatürlich, erlaubt es jedoch, in Sekundenschnelle von Punkt A nach Punkt B zu gelangen und was noch wichtiger ist, Déraciné bequem im Sitzen zu spielen. Die detailreich und liebevoll gestaltete Welt und Charaktere kann man so in Ruhe in sich aufsaugen.

Letztere sind mit viel Sympathie gezeichnet: Die sechs Kinder Yuliya, Herman, Rozsa, Nils, Lorinc und Marie haben sehr unterschiedliche Persönlichkeiten und einen Sinn für Abenteuer, jedoch nie Böses im Sinn. Im Gegenteil: Sie wollen sich helfen.

Das Böse, so scheint es, existiert in dieser Welt nicht oder macht vor den Toren des Internats Halt. Wenn es erscheint, dann in Form von Krankheiten und entfesselten Naturkräften.

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Nach und nach öffnet sich einem jeder Raum des Internats. BILD: Sony / From Software

Rätsel treiben die Handlung voran – oder bremsen sie

Wollte man Déracinés Genre beschreiben, dann wohl als Mischung aus Laufsimulator und Adventure: Klassische Spielmechaniken treten in den Hintergrund, stattdessen geht es um das Erkunden eines erzählerischen Mikrokosmos, in dem wenig passiert. Kleine Rätsel treiben die (minime) Handlung voran.

Um ein Beispiel zu nennen: Am Anfang muss man den Kindern seine Existenz unter Beweis stellen. Hierfür sammelt man Kräuter, die die Schar im Haus versteckt hat und mischt diese anschließend in den Mittagstopf.  Nach der “bitteren” Überraschung gibt es für die Kinder keine Zweifel mehr, dass jemand seine magischen Finger im Spiel hatte.

Im späteren Verlauf werden die Aufgaben kniffliger. Um sie zu lösen, muss man sogar durch die Zeit reisen. So erlebt man das Haus während verschiedener Jahres- und Tageszeiten und betritt nach und nach neue Bereiche des Hauses.

Die Lösungen der Rätsel liegen nicht immer auf der Hand und so kann es passieren, dass man eine halbe Stunde oder länger im Haus umherirrt und vergeblich alles Mögliche versucht. In diesen Momenten frustriert Déraciné ungemein. Anstatt in der Welt zu versinken, tritt das enge spielmechanische Korsett des Titels in den Vordergrund und die Grenzen des Spieldesigns werden offensichtlich. Das reißt einen unschön aus der Erfahrung.

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Einige Objekte kann man in die Hand nehmen und von allen Seiten betrachten. BILD: Sony / From Software

Fazit: Gute Idee, mangelnde Umsetzung

Déraciné ist ein streng lineares Abenteuer: Um es abzuschließen, muss man eine Reihe vorprogrammierter Handlungen ausführen. Dadurch entpuppt sich das Spiel als recht starr und leblos – so wie die Welt und die Charaktere, von denen man als interdimensionales Wesen nah und zugleich unendlich entfernt ist.

Der leitende Entwickler Hidetaka Miyazaki wollte mit Déraciné ein kleines, einfaches Kunstwerk schaffen, das Spieler abseits etablierter Spielmechaniken allein durch seine Erzählung und die Interaktion mit digitalen Figuren fesselt. Das Ergebnis ist allerdings ungelenk und hölzern. An hehren Zielen fehlte es Miyazaki nicht, aber an den erzählerischen und spielerischen Mitteln, seiner Vision Leben einzuhauchen.

Déraciné kann ich deshalb nur mit Einschränkungen weiterempfehlen. Spieler mit viel Geduld, einer Leidenschaft für das Laufsimulatorengenre, den Schauplatz und den Kunstcharakter des Titels sollten sich Déraciné näher ansehen. Fans von Spielen wie Wilson’s Heart, Here They Lie und Transference könnten auf ihre Kosten kommen.

Déraciné ist ab sofort im Playstation Store erhältlich und kostet 29,99 Euro. Die Move-Controller sind vorausgesetzt.

Letzte Aktualisierung am 13.11.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

| Featured Image: Sony / From Software

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