Am 18. September erscheint der ungewöhnliche Spiel-Film-Hybrid Transference für Playstation VR, Oculus Rift und HTC Vive. Seit kurzem ist eine Demo für Playstation VR erhältlich, die einen Vorgeschmack auf die VR-Erfahrung gibt. Ich habe sie ausprobiert und war positiv überrascht von den Ideen der Entwickler und der dichten Atmosphäre. 

Digility 2018

Eine Videoaufnahme aus dem Jahre 2003. Das Bild ist verrauscht, die Farben flau. Sie stammen von einer alten VHS-Kassette. Ein Mann spricht zu mir und erzählt von einer wissenschaftlichen Sensation: Zum ersten Mal sei es gelungen, neurologische Daten aus dem Gehirn eines Menschen zu extrahieren und in eine digitale Simulation zu übertragen. Mittels digitaler Technik und einer auf dem Kopf getragenen Vorrichtung kann man erstmals das digitalisierte Bewusstsein eines anderen Menschen betreten.

Virtual-Reality-Enthusiasten ahnen schon: Transference erzählt nicht nur irgendeine Geschichte. Die VR-Erfahrung handelt vom Medium selbst und der Frage, was Bewusstsein und Wirklichkeit ist.

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Genie, verrückter Wissenschaftler oder beides? BILD: Spectrevision / Ubisoft

Die Absicht des Mannes ist klar: Er möchte mich als Versuchskaninchen für ein wissenschaftliches Experiment gewinnen. Ich soll in das Bewusstsein einer Testperson mit den Namen Walter eintauchen, der ganz nebenbei an einer posttraumatischen Belastungsstörung leidet.

Der Wissenschaftler erzählt, dass die Erfahrung unglaublich real ist, aber dass einem dabei nichts geschehen kann. Es handele sich ja nur um eine Simulation. Ganz sicher scheint er sich jedoch nicht zu sein, denn sein Blick schweift ab und wird glasig, als er diese Worte spricht.

Resident Evil 7 lässt grüßen

Im nächsten Augenblick baut sich eine Umgebung vor mir auf. Ich bin drin, eingeklinkt in einen fremden Bewusstseinstrom. Ich sehe den Korridor einer schummrigen Wohnung. Eine digitale Anzeige verrät mir, dass ich mich im Jahre 2003 befinde.

Ich durchstreife die Wohnung, die vernachlässigt wirkt und von der man annehmen würde, sie sei verlassen, wenn nicht von irgendwoher eine Stimme an mein Ohr zu dringen würde. Unschöne Erinnerungen an Resident Evil 7 werden wach.

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Im Haus des Kriegsveteranen Walter. BILD: Spectrevision / Ubisoft

Ich betrete das Wohnzimmer. Das Licht ist aus. Durch die heruntergelassenen Jalousien des Wohnzimmers quillt rotes Dämmerlicht.

An den Wänden hängen Fotografien. Ich sehe einen Mann in voller Soldatenmontur und eine Familie. Ein Bild fehlt an der Wand, ich sehe nur den Abdruck, den es an der Wand hinterlassen hat.

Der Fernseher läuft und zeigt eine Ansprache von George W. Bush, der die Amerikaner auf die Invasion des Iraks einstimmt. Und ich höre immer noch diese Stimme eines Mannes: dumpf, aber bestimmt aus irgendeinem der Räume im Haus dringend.

Eine kranke Mixed Reality

Ich werde ungewöhnlicher Phänomene gewahr: Flimmernde Texturen und Objekte, deren Form sich ändert, wenn ich näher herantrete. Sind den Entwicklern Grafikfehler unterlaufen? Nein, die Anomalien sind Lücken in der Bewusstseinssimulation.

Ich befinde mich in einer digitalen Rekonstruktion neurologischer Daten. Die scheinen unvollständig zu sein – oder die Simulation ist instabil. Mir wird klar: Ich bewege mich in einer Umgebung, die organischen und zugleich digitalen Ursprungs ist, in der kranken Mixed Reality eines verstörten Verstands.

Wenn ich einen Lichtschalter in der Wohnung betätige, startet die Simulation neu. Ich sehe den gleichen Korridor und die gleiche Wohnung vor mir erscheinen, aber nun bin ich im Jahr 1993. Die Wohnung ist nicht mehr so heruntergekommen, sie wirkt aufgeräumter und freundlicher.

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In den Keller geht man lieber nicht. BILD: Spectrevision / Ubisoft

Ich vergleiche diese Wohnung mit der, durch die ich eben erst gelaufen bin, stelle Verbindungen her und versuche herauszufinden, was in diesen zehn Lebensjahren mit den Hausbewohnern passiert ist. Die Demo macht klugerweise nur Andeutungen und lässt viele Fragen offen.

Eine vielversprechende Demo

Transference ist aus einer Zusammenarbeit von Elijah Woods Filmproduktionsfirma Spectrevision und Ubisoft hervorgegangen. Erklärtes Ziel der Koproduktion ist ein interaktiver Spielfilm, der das Beste beider Medien verbindet.

Nimmt man die Demo als Bewertungsgrundlage, so ist das nicht schlecht gelungen: The Walter Test Case ist eine visuell und erzählerisch dichte filmische Erfahrung mit spielmechanischen Einsprengseln in Form kleiner Rätsel, die fast nebenbei die Handlung vorantreiben, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Es bleibt zu hoffen, dass das Hauptspiel so stark in die Handlung hineinzieht wie die Demo. Spectrevision hat jedenfalls ein gutes Gespür für unheimliche Situationen: Das Unternehmen hat sich auf die Produktion von Horror- und Genrefilmen spezialisiert.

“Transference – The Walter Test Case” ist kostenlos im Playstation Store erhältlich. Die Vollversion des Spiels erscheint am 18. September für Playstation VR, HTC Vive und Oculus Rift.

| Featured Image: Spectrevision / Ubisoft

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