Transference erzählt von einem Vater, der vom eigenen Genie geblendet, seine Familie zerstört. Die Geschichte ist nicht neu, die Erzählweise hingegen schon: Man setzt die Handlung stückweise zusammen, indem man in das fragmentierte Bewusstsein der Familienmitglieder taucht und die Welt durch ihre Augen sieht. Ein Höllentrip, der in der Virtual Reality großartig funktioniert.

Es ist Nacht. Ich stehe an einer Straßenecke, die von rosa Neonlicht erhellt wird. Die Straße franst in undurchdringliches Dunkel aus und ich bemerke, dass das Gebäude vor mir einer Insel gleich in einem schwarzen Nichts schwebt.

Was ich sehe, ist kein echtes Haus. Es ist eine unvollständige, digitale Rekonstruktion desselben: aus dem Bewusstsein eines Menschen extrahiert und mittels modernster Technik in einem Computerprogramm abgespeichert. Mit anderen Worten: Ich befinde mich in der Simulation eines anderen Geistes.

“Bewusstseinsreplikation” nennt das der geniale Erfinder Raymond Hayes, der in den ersten Spielminuten in einem Video zu mir spricht. Ihm sei es gelungen, das menschliche Bewusstsein digital zu konservieren. Davon verspricht er sich ein ewiges Leben für sich, seine Frau Katherine und seinen Sohn Ben.

Mittels einer technischen Vorrichtung können Außenstehende das digitalisierte Bewusstsein betreten und dieses frei begehen. Und genau das tun wir jetzt.

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Der Sohnemann treibt sein Unwesen im Haus. BILD: Ubisoft / Spectrevision

Ein instabiles Bewusstseinsgefüge

Welche Rolle man selbst in diesem wissenschaftlichen Experiment spielt, bleibt verborgen. Klar ist nur eines: Man wurde in das Bewusstseinsreplikat aller drei Familienmitglieder versetzt und erforscht deren Erinnerungen.

Was sich digital zu einem mehr oder minder stabilen Gefüge zusammensetzt, ist der Schnittbereich ihrer Lebenswelten: die Wohnung, in der sie viele Jahre zusammen lebten.

Die drei Bewusstseine sind natürlich trotzdem nicht eins und so lässt sich zwischen den drei Perspektiven wechseln, indem man in der Simulation Lichtschalter betätigt.

Dann sieht man die Wohnung neu vor sich erscheinen, so wie sie das jeweilige Familienmitglied für sich abgespeichert hat: für den Vater ist sie eine Forschungsstätte, für den Sohn ein Spielplatz, für die musisch begabte Mutter ein Ort künstlerischer Betätigung.

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Dieses Treppenhaus kennt weder Anfang noch Ende. BILD: Ubisoft / Spectrevision

Ein höchst spannendes, narratives Experiment

Aus der Untersuchung der Lebensräume ergeben sich so Psychogramme dreier Menschen, die in der Schichtung Harmonien und Dissonanzen hervortreten lassen, die viel über die Familie verraten.

So zeigt ein- und dasselbe Urlaubsfoto stets alle drei Familienmitglieder, doch in jedem Bewusstsein ist eine etwas andere Personenkonstellation abgebildet, die Einheit, Entfremdung oder Traurigkeit des jeweiligen Familienmitglieds ausdrückt.

Man ahnt schon, dass mit dieser Familie nicht alles zum Besten bestellt ist. Ihre Geschichte hat eine dunkle Wendung genommen, die man selbst nicht mehr rückgängig, sondern nur noch rekonstruieren kann: Ein Vater stürzt seine Familie, von seinem eigenen, kompromisslosen Genie getrieben, ins Verderben.

Neu an dieser Geschichte ist, wie sie erzählt wird: mittels einer Reise durch drei Bewusstseine, die man zu einer Geschichte verbindet.

Ein Arthouse-VR-Erlebnis

Das ist leichter gesagt als getan. Das Spiel nimmt einen nicht an der Hand und erklärt sich nicht. Die Geschichte fügt sich stattdessen wie ein Puzzle Stück für Stück im Kopf des Spielers zusammen.

Dafür muss man offen sein, denn Transference ist kein herkömmliches Spiel. Es ist ein narratives Experiment und ein Arthouse-Erlebnis für die VR-Brille, das in seiner gestalterischen Kompromisslosigkeit an das VR-Meisterwerk Here They Lie erinnert.

Hier wie dort gibt es keine Punkte oder Erfahrungen zu sammeln, kein Spielziel zu erreichen. Die Motivation ist rein ästhetischer und narrativer Natur: Man spielt, um an der Eigenart dieser fremden Lebenswelten teilzuhaben und mehr über die Familie und ihre Geschichte zu erfahren. Herauszufinden, wer sie sind und was ihnen zugestoßen ist, ist Belohnung genug.

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Hier fehlt eine Erinnerung. BILD: Ubisoft / Spectrevision

Eine gelungene Einheit von Spiel und Film

Ein weitere, weitgehend unerforschte Dimension von Transference ist die Verschmelzung analoger und digitaler Realität in der Bewusstseinssimulation. Die im Hirn gespeicherten Sinneswahrnehmungen ließen sich offenbar nicht fehlerfrei digitalisieren, wodurch die simulierte Wirklichkeit an vielen Stellen instabil ist, in Pixel zerfasert oder klaffende Löcher aufweist. Hier muss man nachhelfen, indem man Objekte aus den drei Wirklichkeitsebenen miteinander kombiniert.

Transference ist eine Koproduktion von Elijah Woods Filmproduktionsfirma Spectrevision und dem Spielepublisher Ubisoft. Der Spagat zwischen Spiel und Film ist den Verantwortlichen gut gelungen, weil keines der Medien das andere einschränkt: Obwohl das Spiel linear ist, hat man selten das Gefühl, man laufe lediglich einen Korridor hinab. Die Rätsel wiederum fügen sich zum größten Teil unaufdringlich in die durch und durch filmische Erfahrung und stören den Erlebnisfluss nicht.

Fazit: Eine kurze, aber dichte VR-Erfahrung, die ihresgleichen sucht

Transference ist eine VR-Erfahrung, die ebenso dicht wie kurz ist: Nach spätestens zwei Stunden rollt der Abspann. Wer wie ich alles über die Familie Hayes herausfinden möchte, wird Transference ein oder zwei weitere Male durchspielen und alle versteckten Videologs finden wollen. Alle anderen könnten sich an der recht kurz geratenen Spieldauer stören.

Ich habe Transference auf der Playstation VR durchgespielt. Sie steht der Oculus-Rift-Version grafisch in nichts nach: Der Titel bietet auf beiden Systemen eine stimmungsvolle, detaillierte, fast schon fotorealistische Grafik.

Mit Oculus Rift und HTC Vive kann man Oculus Touch oder die Vive-Controller nutzen, um Gegenstände in der Spielwelt in die Hand zu nehmen. VR-Nutzer mit empfindlichen Mägen können in allen Versionen beim künstlichen Gehen und Drehen einen digitalen Tunnelblick aktivieren.

Transference kann mit oder ohne VR-Brille gespielt werden und ist für 24,99 Euro im Playstation Store, bei Steam und im Oculus Store erhältlich. Das Spiel setzt Ubisofts Uplay-Vertriebsplattform voraus.

Besitzer einer Playstation VR können vor dem Kauf kostenlos die Demo zum Spiel “Transference – The Walter Test Case” ausprobieren. Sie gibt einen guten Vorgeschmack auf das Hauptspiel und bietet eigene Inhalte, die vor den Ereignissen der Vollversion spielen. Mein Testbericht zur Demo steht hier.

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Letzte Aktualisierung am 18.10.2018 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API / Preis inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten

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