Ela Darling Interview
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Pornodarstellerin Ela Darling: “In Virtual Reality fühle ich mich dem Zuschauer näher”

von Tomislav Bezmalinovic6. November 2016

Ela Darling war die erste Frau, die eine Webcam-Show in der virtuellen Realität präsentierte. Die VR-Pionierin und Pornodarstellerin will die Branche in eine neue Ära führen. Wir haben mit ihr über die Zukunft der Pornoindustrie und den Einfluss von virtuellem Sex auf unser Liebesleben gesprochen.

VRODO: Hallo Ela. Kannst Du uns etwas über Deine laufenden Projekte erzählen?

Ela Darling: Mein Geschäftspartner und ich haben ein Unternehmen namens VRTube gegründet, das im Schnittbereich von Pornografie und Virtual Reality operiert. Im vergangenen Jahr sind wir eine Partnerschaft mit Cam4 eingegangen, einer Internetseite, die Webcam-Shows anbietet. Das Ergebnis ist Cam4VR, die erste VR-Plattform für Webcam-Shows.

VRODO: Worin besteht denn für Dich der Unterschied zwischen gewöhnlichen Webcam-Shows und solchen, die VR-Technologie einsetzen?

Ela Darling: Virtual Reality sprengt im Grunde den Bildrahmen. Wenn du dir eine gewöhnliche Webcam-Show ansiehst, dann ist das, was du siehst, durch den Bildschirm deines Smartphones oder deines Computermonitors begrenzt. Die Virtual Reality hingegen teleportiert dich geradewegs in das Schlafzimmer der Darstellerin. Dort siehst du alles in stereoskopischem 3D und in 360-Grad. So wie im richtigen Leben.

VRODO: Was für einen Effekt hat das auf den Zuschauer?

Ela Darling: Für den Zuschauer wird die Erfahrung dadurch sehr viel intimer. Man fühlt sich näher bei der Person, die man betrachtet und spürt eine stärkere Verbindung zu ihr. Bei Webcam-Shows geben die Models und die Zuschauer schrittweise mehr und mehr von sich preis. Man zeigt seine Verwundbarkeit und das Gegenüber tut dasselbe. Dadurch entsteht eine gegenseitige Anziehung. In der Virtual Reality findet diese Annäherung sehr viel schneller statt.

“In VR habe ich die ungeteilte Aufmerksamkeit des Zuschauers.” Ela Darling

VRODO: In privaten Webcam-Shows sehen sich ja das Model und der Zuschauer. Mir wurde gesagt, dass das in der virtuellen Realität nicht der Fall ist, weil die Zuschauer VR-Brillen tragen. Macht es das nicht schwieriger für Dich, eine Verbindung zum Zuschauer herzustellen?

Ela Darling: Es stimmt, dass wir den Zuschauer nicht sehen. Aber wir nutzen eine VoIP-Technologie, sodass man sich gegenseitig hören und unterhalten kann. Ich arbeite bereits seit sieben Jahren als Webcam-Darstellerin und ich kann sagen, dass ich mich bei VR-Shows als Darstellerin dem Zuschauer trotz dieser Einschränkung näher fühle.

Ich spüre die Präsenz und weiß, dass ich deren ungeteilte Aufmerksamkeit habe. Außerdem kann ich auf das Erlebnis stärker Einfluss nehmen, indem ich den Raum ausgestalte. Da sie die Welt in 3D sehen und frei umherschauen können, erkennen sie viel mehr Details.

VRODO: Trittst Du noch bei Cam4VR auf?

Ela Darling: Gelegentlich ja, aber wir haben eine große Zahl an Models und es kommen fast wöchentlich neue hinzu. Manche kommen von Agenturen, andere sind unabhängig.

VRODO: Für das Live-Streaming in stereoskopischem 3D und 360-Grad wird besondere Ausrüstung benötigt. Wie kommen die Models an diese Ausrüstung ran?

Ela Darling: Wir bauen unsere eigenen Kameras und haben eine eigene Stitching-Software programmiert, die die Bilder der Kameras zu einer 360-Grad-Ansicht vernäht. Die Hardware und Software stellen wir unseren Models kostenlos zur Verfügung.

VRODO: Das heißt, dass die Models die Shows bei sich zu Hause aufnehmen können?

Ela Darling: Teils, teils. Manche nehmen die Shows bei sich zu Hause auf. Wir haben aber auch Studios.

“Ich denke, dass sich VR bereits in den nächsten zwei Jahren etablieren wird.” Ela Darling

VRODO: Derzeit ist auf Cam4VR sehr viel weniger los als bei Cam4, das gewöhnliche Webcam-Shows anbietet. Wann denkst Du, dass VR-Pornografie im Mainstream ankommt?

Ela Darling: Ich denke, dass sich VR bereits in den nächsten zwei Jahren etablieren wird und zwar mit der nächsten Generation von Smartphones. Samsung bietet mit Gear VR bereits eine günstige und technische ausgereifte Lösung für Virtual Reality an. Aber ich glaube, dass der große Durchbruch erst mit Google Daydream kommen wird, da diese Plattform sehr viel mehr Smartphones unterstützen wird.

VRODO: Wo siehst Du die Pornoindustrie in zehn Jahren?

Ela Darling: Ich glaube und wünsche mir, dass noch mehr Inhalte als bisher von Privatpersonen produziert werden, also von jenen Menschen, die vor statt hinter der Kamera sitzen. Das ist ein Trend der Pornobranche, den man schon seit längerem beobachten kann.

Wir wollen für die Models auf Cam4VR einen Markt schaffen, auf dem sie nicht nur VR-Webcam-Shows anbieten, sondern auch VR-Pornos verkaufen können, die sie mit den Kameras drehen, die wir ihnen zur Verfügung stellen.

Auf diese Weise senken wir die technischen Einstiegshürden. Wir sorgen also für eine Demokratisierung der Pornoproduktion, indem wir den Menschen die hierfür nötigen Werkzeuge liefern.

VRODO: VR-Pornos werden in der Regel aus der Subjektive des Mannes gedreht, sodass der Betrachter unter der VR-Brille glaubt, selbst Sex zu haben. Ich habe gelesen, dass die VR-Kameragestelle bei Pornodrehs schwer auf die Brust des Mannes drücken. Außerdem werden die Männer in diesen Filmen praktisch unsichtbar. Müssen die Pornodarsteller jetzt um ihre Jobs fürchten?

Ela Darling: Ich glaube nicht, dass ihre Jobs bedroht sind. Männliche Pornodarsteller haben mehr Aufträge und können mehr Filme drehen als weibliche Pornostars. Ja, natürlich ist es unbequem, ein solches Kameragestell auf der Brust zu tragen. Aber es werden auch Filme aus der Perspektive der Frau gedreht und die Frauen werden damit auch fertig.

Wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir die Möglichkeit haben, eine revolutionäre und neue Art von Pornografie zu machen. Damit geht die Herausforderung einher, sich an neue Technologien anzupassen.

“Ich glaube, dass der virtuelle Sex vor allem bei Paaren zu Diskussionen führen wird.” Ela Darling

VRODO: Welchen Einfluss wird der virtuelle Sex auf unser Liebesleben haben?

Ela Darling: Ich glaube, dass der virtuelle Sex vor allem bei Paaren zu Diskussionen führen wird. Diese werden sich die Frage stellen müssen, ab wann virtueller Sex gleichbedeutend ist mit fremdgehen. Dabei werden die Paare Grenzen ausloten und neu abstecken müssen. Ich finde es eine positive Entwicklung, dass solche Fragen diskutiert und neu verhandelt werden.

Außerdem glaube ich, dass Menschen, die keinen Sex haben können, dank Virtual Reality die Möglichkeit erhalten werden, ein sexuell erfülltes Leben zu haben. Es gibt viele Menschen, die einsam sind und es ist nachgewiesen, dass Einsamkeit physiologische Auswirkungen hat. Ich glaube, dass diese Technologie den Menschen aus ihrer Einsamkeit heraushelfen kann.

VRODO: Heißt das, dass die Pornografie mit Hilfe von Virtual Reality ihr Versprechen einlösen können wird und die Fantasien der Menschen erfüllt, anstatt sie noch einsamer zu machen, als sie bereits sind?

Ela Darling: Ich bin mir nicht sicher, ob die Pornografie ein solches Versprechen gemacht hat.

VRODO: Die ehemalige Pornodarstellerin Sasha Grey hat kürzlich gesagt: “Ich denke nicht, dass die Menschen Pornos schauen, weil sie nach einer realen Erfahrung suchen. Sie tun es, um ihre Fantasie zu beflügeln.” Verkennt sie damit nicht, dass Pornografie für die meisten Menschen nicht mehr ist als ein Ersatz für den Sex, den sie nicht haben?

Ela Darling: Ich glaube, das hängt davon ab, was die Menschen von Pornografie erwarten. Ich denke, dass die Erfahrungen, die VR-Pornos bieten, in manchen Fällen näher an der Realität sein werden. Sie können sich aber auch von der Realität entfernen. Das ist abhängig davon, was für Fantasien die Menschen haben. Ich denke, dass virtueller Sex jedem die Möglichkeit geben wird, seine Fantasien auszuleben.

| Featured Image: VRTube