Nach dem Hype der letzten Jahre stiegen die Erwartungen an Magic Leaps Erstlingsbrille ins Unermessliche. Spätestens nach dem Marktstart ist klar, dass das gelieferte Produkte die Versprechen nicht erfüllen kann. Magic-Leap-CEO Rony Abovitz zeigt sich reumütig und blickt der zweiten und dritten Generation der AR-Brille entgegen.

Magic Leap One soll mehr als nur ein Prototyp sein. Abovitz spricht von einem “vollentwickelten, funktionierenden Endkundenprodukt”. Die US-Presse sieht das anders: Bemängelt wird das schmale Sichtfeld, die Qualität der digitalen Einblendungen und das App-Angebot. Die AR-Brille könne das Potenzial der Mixed Reality nicht abrufen, so das geteilte Urteil der Kritiker. Hinzu kommt der Preis von 2.300 US-Dollar.

In einem Interview mit Venturebeat bezeichnet Abovitz das Gerät etwas bescheidener als “ersten Schritt”. Es werde wohl bis zur vierten Generation dauern, bis die AR-Brille zu einem Gerät werde, das man die ganze Zeit nutzen wolle. Magic Leap One sei ein Fenster in diese Zukunft, meint Abovitz und vergleicht das Gerät mit dem Apple I. Steve Wozniaks handgebauter Computer sei ein Machbarkeitsnachweis gewesen, erst der Nachfolger hätte die Masse erreicht.

Neue Technologie oder nur ein neuer Name?

Trotz erster Vorabtests ist noch immer unklar, wie neu das technologische Kernstück – Magic Leaps Lichtfelddisplay – ist. Das Unternehmen will sogenannte Photonik-Chips entwickelt haben, die digitale Lichtfeldprojektionen erzeugen sollen. Dadurch sollen digitale Objekte für das Auge so echt wirken wie reale Gegenstände. “Niemand anderes ist auch nur nahe dran, so etwas entwickelt zu haben”, behauptet Abovitz gegenüber CNET.

Die langjährige Mixed-Reality-Journalistin Adi Robertson ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie schreibt, dass die Bildqualität vergleichbar sei mit der von Microsofts Hololens, die seit zwei Jahren auf dem Markt ist. “Ich glaube nicht, dass sich Magic Leaps Photonik-Chip radikal von anderer Wellenleitertechnologie unterscheidet oder dass Magic Leap etwas macht, das andere Unternehmen nicht nachbauen könnten”, meint Robertson.

Magic Leap verkaufte einen Traum, kein Produkt

Ein Wired-Artikel beschreibt, wie Magic Leap nach der ersten Google-Investition die Hype-Maschinerie in Gang brachte –  ohne vorweisbares Produkt. Damals heuerte Abovitz den bekannten Tech-Vermarkter Brian Wallace an. Der war frustriert, weil er etwas verkaufen musste, das nicht existierte. “Monate und Jahre vergingen und mir wurde klar, dass Abovitz’ Versprechen nicht mit dem realen Produkt übereinstimmen”, sagt Wallace gegenüber Wired.

Wallace wurde 2016 entlassen und durch Brenda Freeman ersetzt. Als sie bei Magic Leap anfing, sei das Unternehmen mehr auf Werbebotschaften fokussiert gewesen als darauf, was für ein Produkt es entwickelt, sagt Freeman. Magic Leaps Produktmarketing-Chef Jeff Gattis verließ das Unternehmen zum denkbar ungünstigsten Moment – einen Tag vor dem Marktstart. Die Gründe seien persönlicher Natur, hieß es. Rückblickend räumt Abovitz ein, dass der Hype ein großer Fehler war: “Ich denke, wir waren arrogant.”

Nach dem Hype ist vor dem Hype

Magic Leap kommt nun eine schwierige Aufgabe zu: Das Unternehmen muss eine Plattform aufbauen, die aufgrund des hohen Einstiegspreises und der technischen Einschränkungen bis auf Weiteres nur wenige Abnehmer finden dürfte. Abovitz bleibt nichts anderes übrig, als in die Zukunft zu blicken: Am Sitz des Unternehmens in Plantation, Florida zeigte er Journalisten Prototypen von Magic Leap 2 und Magic Leap 3 – selbstverständlich unter einem Tuch verhüllt.

“Wir wissen, dass wir die Geräte schmaler bekommen und ein perfektes Lichtfeldsignal hinkriegen müssen”, sagt Abovitz gegenüber CNET. Das Unternehmen habe langfristige Pläne und setze auf Zukunftstechnologien wie KI und 5G-Netzwerktechnologie. In Kombination könnten sie helfen, Daten und Berechnungen an die Cloud auszulagern, sodass die AR-Brille einen noch schmaleren Formfaktor bekommt.

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