Die britische Rundfunkanstalt BBC und die Titanic-VR-Macher kombinieren eine historische Radiosendung aus dem Zweiten Weltkrieg mit einer aufwendigen VR-Simulation. Das Ergebnis ist technisch beeindruckend und lässt den Betrachter ein Stück weit die moralische Verrohung des Kriegs nacherleben.

Am 3. September 1943 bestieg ein Reporter der BBC einen britischen Lancaster-Bomber, um aus der Perspektive der Flugzeugbesatzung ein Bombardement Berlins mitzuerleben – und live davon in seine Heimat zu berichten.

Berlin Blitz 1943 nutzt Ausschnitte aus dieser Radiosendung und visualisiert das Erlebnis synchron: vom Starten des Flugzeugs über das Erreichen des besetzten Europas bis hin zum Bombenabwurf über Berlin und Gefechten mit der Luftwaffe der Nazis.

Eine lebensgefährliche Mission

Während der VR-Erfahrung wechsle ich mehrere Male die Position: Einmal sitze ich im Geschützturm des Bombers, einmal in der Mitte des Flugzeugs unter einer Kanzelhaube und einmal vorne im Cockpit direkt hinter den Piloten. Das Innere des Bombers ist detailgetreu wiedergegeben und die Besatzung realistisch animiert, sodass ich ihnen über die Schulter bei der Arbeit zuschauen kann.

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Virtual Reality macht die Enge des Bombers erfahrbar. BILD: BBC

Die mehrstündige Mission ist zeitlich gerafft wiedergegeben und hat einen dramatischen Aufbau: Ich erlebe den Start der Maschine und frage mich, ob ich die Heimat je wiedersehen werde, ich sehe in tiefer Nacht die niederländische Küste auf mich zukommen und die grellen Scheinwerfer der Wehrmacht auftauchen, ich fliege über das von einem Flammenteppich bedeckte Berlin und vernehme das ohrenbetäubende Grollen der Bomben, während rund um das Flugzeug Flakgeschosse durch die Luft zischen.

All das wird vom BBC-Berichterstatter live kommentiert, wodurch das VR-Erlebnis besonders echt und eindringlich wirkt. Dabei frage ich mich, was den Reporter geritten hat, sich auf diese lebensgefährliche Mission zu begeben. Am Ende erfahre ich, dass knapp zwei Dutzend Bomber nicht mehr zurückgekehrt sind.

Unberührt vom Inferno

Wenn mich die VR-Erfahrung etwas lehrte, so dieses: Dass vermeintlich objektive Berichterstattung oft perspektivisch gerahmt ist und nicht die ganze Wahrheit zeigt. Das VR-Erlebnis gibt bloß wieder, was geschehen ist und zeigt den Bombenkrieg zugleich als Spektakel, das den Massenmord zu Propagandazwecken ästhetisiert – so wie die Radiosendung 75 Jahre zuvor.

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Die britische Maschine liefert sich Gefechte mit deutschen Jägern. BILD: BBC

Das Bombardement erlebt man aus der Luft, sodass man vom Inferno auf dem Boden seltsam unberührt bleibt. Die menschliche Tragödie versinkt in einem Flammenmeer, gerät zu einer abstrakten Angelegenheit. Auf dem Rückflug singt die Besatzung englische Lieder.

Diese Gegensätze machen die moralische Verrohung des Krieges ein Stück weit erfahrbar. Ob die BBC das beabsichtigte oder nicht, ist zweitrangig: Die VR-Erfahrung hat genau diese Wirkung.

1943 Berlin Blitz ist kostenlos bei Steam für HTC Vive und Oculus Rift und im Oculus Store für Oculus Rift erhältlich. Eine Version für Oculus Go, Samsung Gear VR und Daydream-Geräte folgt zu einem späteren Zeitpunkt.

| Featured Image: BBC / Immersive VR Education

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