Faktisch digital, gefühlt analog: Soundstage für HTC Vive macht 80er-Jahre Zeitgeschichte erlebbar. Für Fans von Synthie-Pop ein Muss.
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Soundstage für HTC Vive: Handgetrackter Synthie-Pop im Test

von Matthias Bastian7. Juli 2016

Nicht ganz handgemacht, aber zumindest handgetrackt: In Soundstage wird man virtuell zum Maestro des Synthie-Pop und reist in die 80er-Jahre zurück.

Am Anfang ist der leere Raum. In der Ferne zeichnen sich Berge ab, der Sternenhimmel ist klar. Das einzige Geräusch ist der Wind in den Ohren. Keine Sorge, das bleibt nicht lange so. Auf Knopfdruck öffnet sich ein Menü und Soundstage bietet eine ganze Reihe an Elektroinstrumenten der 70er- und 80er-Jahre, mit denen man den leeren Raum sowohl optisch als auch klanglich füllen kann. Der Fantasie und dem Erfindungsreichtum sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Keyboard, Looper, Schlagzeug, Mischpult, Oszillator, eine elektronische Rassel und das obligatorische Tape-Deck samt einer Sammlung an Drum-Sounds und kuriosen Geräuschen. All das, was in den großen Rock- und Pop-Konzerten der 80er-Jahre mit viel Aufwand auf die Bühne geschafft und vernetzt wurde, ruft man in Soundstage mit einem Knopfdruck ab. Die einzelnen Elektroinstrumente können frei im Raum platziert und nach Belieben miteinander kombiniert werden, um ganz unterschiedliche Effekte und Klänge zu erzeugen. Die Kabel muss man dabei händisch verlegen und in die richtigen Anschlussbuchsen schieben, sonst gibt es nur Lärm. So baut man sich ein riesiges Synthie-Deck, das man über die gesamte Trackingfläche verteilen kann.

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Faktisch digital, gefühlt analog

Man steht vor den Instrumenten, schiebt die Regler hoch und runter oder ein Tape in den Recorder, drückt auf Tasten, steckt Kabel um und experimentiert mit verschiedenen Aufbauten. Wo sonst könnte man dieses Erlebnis haben, wenn nicht in Virtual Reality? Selbst wenn man historische Elektroinstrumente sammelt oder in einem Sound-Labor arbeitet: Diese Auswahl an Equipment dürfte kaum bezahlbar sein. Außerdem wäre der Platzverbrauch enorm.

Obwohl das Erlebnis maximal digital ist – man steht in Virtual Reality vor Synthesizern – fühlt es sich dennoch analog an.

Natürlich existieren die Instrumente nur rein virtuell, eben als gerenderte Grafik, die vom Computer bereitgestellt wird. Das ändert aber nichts daran, dass sie wirklich existieren, solange man die VR-Brille auf dem Kopf hat. Das Keyboard bedient man mit den eigenen Händen. Ob die Trommelschläge im Takt kommen, hängt vom Rhythmusgefühl ab. Auch den Looper programmiert man über Berührung. Obwohl das Erlebnis maximal digital ist – man steht in Virtual Reality vor Synthesizern – fühlt es sich dennoch analog und physisch an. Man musiziert mit dem eigenen Körper. Wenn zukünftige VR-Systeme haptisches Feedback und Fingertracking einsetzen, dann dürften auch die ersten VR-Musiker rein digitale Bühnen erobern.

Soundstage konserviert Zeitgeschichte

Das macht Soundstage zu mehr als nur einem virtuellen Werkzeug, mit dem man Geräusche aneinanderreihen kann. Die App konserviert auch Zeitgeist und vergangene Technologie. Es ist eine authentische Rekonstruktion davon, wie Menschen einmal musiziert und Kunst erschaffen haben. Und im gleichen Moment ist es ein modernes Werkzeug, um sich kreativ auszutoben. Genau das könnte Virtual Reality in den kommenden Jahren auch in vielen anderen Bereichen möglich machen. Erinnerungen werden nicht mehr nur als Foto, Video oder digitale Datei gespeichert, sondern als Erfahrung rekonstruiert.

Wer mit der Musik der damaligen Zeit oder den Instrumenten nichts anfangen kann, für den ist Soundstage gänzlich ungeeignet. Das Programm zielt eindeutig darauf ab, den Synthie-Pop-Nerds zu gefallen, die Spaß daran haben, mit den gleichen Mitteln ihrer Lieblingsbands selbst kreativ zu werden. Dann ist Soundstage zweifelsohne eine kleine Offenbarung. Einfach ist es allerdings nicht, den virtuellen Instrumenten schöne Klänge zu entlocken. Auch das virtuelle Musikmachen muss erst gelernt werden.

Die App ist ab sofort bei Steam als Early-Access-Version verfügbar und kostet 9,99 Euro. Das ist trotz des noch geringen Umfangs schon jetzt ein angemessener Preis. Eigene Samples können eingebunden werden, noch gibt es keine Exportfunktion. Nach Auskunft des Entwicklers Logan Olson soll diese zusammen mit weiteren Verbesserungen und neue Instrumenten zeitnah nachgereicht werden.

| Featured Image: Logan Olson